Kultur

„Die Klassische Moderne ist sauber“

Nur fünf der 500 erforschten Werke erwiesen sich als Raubkunst der Nazis

Provenienzforschung ist so etwas wie eine Rasterfahndung, nur ohne BKA und Handschellen, gesucht wird in Museen. „Verdächtig“: Kunstwerke, die vor 1945 entstanden sind und/oder 1933 in den Bestand kamen und unrechtmäßig durch Nazi-Schergen ihrem ursprünglichen Besitzer entzogen wurden. Es geht also um Aufarbeitung von Raubkunst. Seit dem „Fall Gurlitt“ hat die Frage nach der Herkunft von Bildern und damit die Provenienzforschung in Deutschland eine ganz neue Aufmerksamkeit erhalten. „Forschung in der eigenen Sammlung gehört mittlerweile zur ‚Kernaufgabe‘ der Häuser“, sagt Generaldirektor Michael Eissenhauer. Museumsmann Bernhard Maaz nennt es die „Pflicht der Wiedergutmachung“. Seit 1999 hat die Stiftung in 50 Fällen einvernehmliche Lösungen mit Erben oder den Rechtsnachfolgern im Sinne der Washingtoner Erklärung gefunden.

Am Mittwochabend gab es sogar Blumen bei der kleinen Feier zum Abschluss eines der größten und bedeutendsten Projekte seiner Art in Berlin: Die dreijährige Recherche zur „Galerie des 20. Jahrhunderts“ wurde gemeinsam vom Land Berlin und der Preußenstiftung finanziert. „Die Klassische Moderne ist sauber“, kommentierte das Kulturstaatssekretär Tim Renner und erinnerte an die mühevolle Puzzlearbeit der Recherche.

Nicht alle werden sich vielleicht daran erinnern, dass die „Galerie des 20. Jahrhunderts“, die es als eigenständige Sammlung nicht mehr gibt und die die Basis des Bestandes der Nationalgalerie bildet, nach wie vor dem Land Berlin gehört. Mit ihr verbindet sich ein Stück Berliner Nachkriegsgeschichte. Impuls für die städtische Sammlung gleich nach dem Krieg im zerbombten Berlin war, heimatloser Kunst und mittellosen Künstlern ein neues Domizil zu geben, vor allem aber die Lücke zu schließen, die die Nazis durch ihre barbarische Aktion „Entartete Kunst“ geschlagen hatten.

Der Fokus richtete sich auf die Klassische Moderne, auf die Expressionisten, Heckel, Pechstein, auch Munch und Karl Hofer. 500 Werke der ehemaligen Galerie des 20. Jahrhunderts wurden auf Raubkunst abgeklopft, jene, die vor 1945 entstanden sind. Bei 350 ist die Herkunft unbedenklich, 30 Werke sind ausrecherchiert, die Quellenlage erschöpft, in 130 Fällen ist die Werkidentität zunächst nicht zu klären. Letztlich konnten nur fünf Werke als NS-Raubkunst identifiziert werden.

„Der Anteil der Restitution ist nicht so hoch, wie landläufig die Öffentlichkeit annimmt“, erklärt Bernhard Maaz in seiner Rede. Er spielt damit auf einen Grundverdacht gegenüber der Provenienzforschung an, der häufig geäußert wird, vor allem wenn sie von staatlicher Seite betrieben wird. Nämlich dass die Forschung in ihrer Arbeit zu langsam sei, sodass oft der Anschein entsteht, Museen würden sich gerne darum drücken, ein verdächtiges Werk zurückzugeben.

Wer diese mühevollen Recherchen einsehen möchte, der hat zwei Möglichkeiten. Zum einen gibt es die übersichtliche Website (www.galerie20.smb.museum). Hier sind nicht nur die einzelnen Werke gelistet, sondern auch ein Register der beteiligten Galerien und Kunsthändler. Die digitale Variante hat den Vorteil, dass neue Forschungsergebnisse schnell eingearbeitet werden können. Der Katalog (Deutscher Kunstverlag) geht über das reine Forschungsprojekt hinaus und dokumentiert erstmalig den Gesamtbestand der 1700 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen der Galerie des 20 Jahrhunderts – eine interessante Berliner Spurensuche.