Klassik

Er hat die Klänge im Kopf

Der Berliner Komponist Aribert Reimann feiert heute seinen 80. Geburtstag. Ein Hausbesuch

Seine Wohnung am Hohenzollerndamm ist voller Bücher, Noten und Bildern. Während des Gesprächs läuft er mal hierhin, mal dorthin, um eine Künstlerbiografie oder eine Partitur hervorzuholen. Aribert Reimann scheint alles und jeden zu kennen. Für alles findet er freundliche Worte und kennt Anekdoten drumherum. Sein Flügel ist zugepackt mit Dingen, die ihn gerade beschäftigen. Er sei etwas unordentlich, findet er. Und verspricht noch aufzuräumen. Denn am heutigen Freitag tagsüber die Gratulanten kommen. Am Abend findet in der Villa Elisabeth sein Geburtstagskonzert statt.

Seinen 80. Geburtstag feiert Aribert Reimann, einer der großen und meist gespielten Komponisten unserer Zeit. Er gehört zu jenen, bei denen man nachfragen will, ob das Alter wirklich stimmt. Er steckt so voller Aktivität, vielleicht sogar Getriebenheit. Er sagt, dass er seit 40 Jahren nicht mehr rauche, wenig trinke und sich gesund ernähre. Darüber hinaus könne er sich ein Leben ohne Musik, er ist regelmäßig in Konzerten und Premieren anzutreffen, nicht vorstellen. „Das Komponieren ist mein Lebenselixier“, sagt er. Mehr als 70 Musikwerke hat er geschrieben, darunter Liederzyklen, Orchesterwerke, Instrumentalstücke und acht Opern. Seinen größten Erfolg hatte er 1978 mit der in München uraufgeführten Oper „Lear“, die er dem Berliner Starbariton Dietrich Fischer-Dieskau auf den Leib und die Stimme geschrieben hatte. Weltweit gab es seither 26 Neuinszenierungen. In Berlin wird im Oktober 2017 an der Deutschen Oper seine nächste Oper nach Maeterlinck uraufgeführt.

Der Berliner Komponist wurde 1936 als Künstlerkind geboren. Sein Vater hatte nach dem Krieg als Direktor den Staats- und Domchor wiederaufgebaut, seine Mutter hatte eine Professur für Sologesang. Insofern war ein Stück seines Wegs vorgezeichnet. Wobei Aribert Reimann sagt, er wollte anders sein als sein Vater. Die Orgel und das Dirigieren kamen für ihn deshalb nie infrage. Seine Mutter hatte ihm hingegen geraten, Interpret zu werden, denn als Komponist könne man die ersten zwanzig Jahre nicht davon leben. Reimann ist also Komponist und vor allem ein begehrter Klavierbegleiter geworden.

„Das Komponieren ist mein Lebenselixier“, sagt er

Neben Fischer-Dieskau hat er vor allem die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender begleitet. „Durch das Spielen habe ich viel über andere Komponisten gelernt. Es war für mich wichtig, auch ein Interpret zu sein“, sagt er: „Und ich hatte immer das Bedürfnis zu spielen.“ Darüber hinaus hatte Reimann zunächst in Hamburg und später in Berlin eine Professur fürs zeitgenössische Lied. Zu seinen Vorzeigesängerinnen gehören etwa Claudia Barainsky, Christine Schäfer oder die im Dezember jung verstorbene Stella Doufexis. Sie war auch sein Patenkind.

Das Komponieren hatte Reimann als Zehnjähriger für sich entdeckt. „1946 hatte ich mein Schlüsselerlebnis, da habe ich den ,Jasager’ von Brecht und Kurt Weill im Hebbel-Theater aufgeführt. Ich hatte vorher noch nie Musik von Kurt Weill gehört, die durfte ja nicht aufgeführt werden. Ich war absolut fasziniert. Die Proben begannen im März 1946, genau in der Zeit habe ich angefangen zu komponieren. Das hing zusammen.“ Zwischendurch zeigt Reimann sein stummes Klavier, es ist eigentlich nur eine Reisetastatur, auf denen Pianisten ihre Gelenkigkeit trainieren. Es ist kein Ton zu hören. Reimann klappert auf den Tasten herum und strahlt wie ein kleiner Junge.

Fürs Komponieren braucht er keine Hilfsmittel. Während andere am Klavier oder heutzutage am Computer sich mühsam von Takt zu Takt vorarbeiten, gehört Reimann zu den wenigen Begnadeten, die ihre Klänge bereits im Kopf haben. Er wisse bei einem neuen Stück immer schon, wie es aufhört. Der schöpferische Vorgang ist nicht leicht nachzuvollziehen. „Ich habe das Gefühl, ich höre Musik und muss das aufschreiben“, sagt Reimann: „Es ist unangenehm, wenn man um zwei oder drei Uhr nachts aufwacht und etwas im Kopf hat, ich versuche dann wieder einzuschlafen und es erst am nächsten Tag aufzuschreiben.“ Er höre den Gesamtklang, so Reimann, der über ein absolutes Gehör verfügt, und sähe manchmal auch das Partiturbild. „Ich nehme den Klang auseinander und versuche ihn aufs Papier zu bringen. Die Notation ist nur ein Hilfsmittel.“ Dazu braucht er nur Notenpapier und einen Bleistift.

Man müsse immer seinen eigenen Weg gehen, das sagt Reimann mehrfach. Wie ein Mantra. Er wollte nie ein Avantgardist oder auch ein politischer Aktivist sein. „Was ist revolutionär?“, fragt er, „das kann zwei Jahre später wieder vorbei sein. Ich wollte mich keiner Mode anpassen, auch wenn viele Einflüsse auf mich übergegangen sind. Auch Pendereckis Lukas-Passion hat mich damals sehr beeinflusst.“ Die 60er-Jahre waren seine schwersten Jahre, sagte er. Der West-Berliner blieb Außenseiter. Dabei habe er es versucht, sagt er fast entschuldigend. „Ich war in Darmstadt. Aber was soll ich mir einen fremden Hut aufsetzen? Ich kann nur das komponieren, wovon ich überzeugt bin.“

Und seine Musik ist viel politischer, als es auf den ersten Blick scheint und zutiefst humanistisch. Die Flüchtlingskrise ruft Erinnerungen an seine eigene Kriegskindheit wach. Er war auf der Flucht und hat Bombenangriffe in Berlin erlebt, aber vor allem den schweren Angriff auf Potsdam kann er nicht vergessen. „Acht Minuten können endlos sein. Es waren so viele Flugzeuge. Wir wohnten direkt schräg gegenüber von der Garnisonskirche. Diesen Höllenlärm bekomme ich aus dem Kopf nie wieder raus.“ Reimann nennt es ein seltsames Crescendo. „Es war immer mein größter Wunsch, eine Oper gegen den Krieg zu schreiben“, sagt er. Es hat lange gedauert, erst 1986 wurde seine Oper „Troades“ nach Euripides uraufgeführt. Irgendwann wird Reimann im Gespräch unruhig. Im Musikaliengeschäft hat er Notenpapier bestellt. Das müsse er unbedingt heute noch abholen. Wir fahren schnell mit dem Auto hin. Womöglich kann der Komponist nur ruhig schlafen, wenn er weiß, dass immer genügend Notenpapier auf dem Schreibtisch auf ihn wartet.

Villa Elisabeth: DSO-Kammerkonzert zu Aribert Reimanns 80. Geburtstag. Am 4.3. um 20.30 Uhr Tel. 20298711Philharmonie: DSO unter Tugan Sokhiev. Claudia Barainsky singt „Tarde“ von Reimann. Am 12.3. um 20 UhrDeutsche Oper: Orchesterkonzert unter Donald Runnicles, mit den Gratulanten Wolfgang Rihm und Daniel Barenboim. Am 22.3. um 20 Uhr Tel. 34384343