Die Häsin Judy ist neu bei der Polizei und neu in der großen Stadt namens Zoomania. „Nur noch kurz die Welt retten?“, begrüßt sie ihren Kollegen und schaut ihn mit ihren treuherzigen, violetten Augen an. Sie ist die kleinste der Truppe neben Elefanten, Nashörnern, Wölfen und anderen großen Säugetieren. Aber sie hat Großes vor.

Der 55. Walt-Disney-Film aus der Klassikreihe ist lustig, schnell und überreich an Ideen. Und trotz seiner Fülle an Schauplätzen und der großen Tierwelt (64 Arten kommen vor) wirkt er nicht überladen von den Möglichkeiten, die animierte Filme in 3-D-Optik heute haben. Er kommt ohne Menschen aus, spielt aber in deren Welt. Die Tiere tragen Kleider und laufen mit dem Smartphone mit angebissenem Karottenlogo anstelle eines Apfels durch die Straßen von Zoomania, ihrer weltoffenen Multikulti-Metropole, die im Original etwas treffender Zootopia heißt.

Ein Viertel für jede Tierart und ihre Bedürfnisse

Es ist eine utopische Stadt, in der jeder alles sein kann, zumindest wenn es nach ihrem offiziellen Slogan geht. Mit „jeder“ sind Säugetiere gemeint. Weil die ja bekanntlich verschieden sind, hat Zoomania Viertel, in denen alle so leben können, wie es ihrer Art entspricht. Die Mäuse leben im miniaturisierten Little Rodentia. Wüstentiere im Sahara Square. In Tundratown sorgen Schneekanonen für eisiges und im Amazonasviertel Dampfbäume für Dschungelklima. Disney korrigiert wieder einmal das kommunistische Gleichheitsideal. Nur die Hamster stehen im Einheitslook in Reih und Glied für das gleiche Eis am Stiel an. Auch der Wunsch nach Uniformität hat Platz in einer Welt, in der jeder alles sein kann.

Die Macher Bryan Howard (zuletzt „Rapunzel – neu verföhnt“) und Rich Moore („Ralph reichts“ und „Die Simp-sons“), unterstützt vom Pixar-Gründer John Lasseter, haben eine detailverliebte Filmwelt erschaffen, in der sie nichts dem Zufall überließen. 18 Monate wurde recherchiert. Sie reisten bis nach Kenia, um die Tiere zu studieren und Experten zu befragen. Und stellten überrascht fest, dass die Raubtiere bei den Säugetieren eine Minderheit bilden. 90 Prozent sind Beutetiere.

Die Kritik am „König der Löwen“ lautete vor mehr als 20 Jahren, dass darin Gazellen und Antilopen dem Löwen zujubeln, obwohl sie doch dessen Beutetiere sind. Hier bejubeln Löwen und Geparden einen Popstar in Gestalt einer Gazelle (im Original übrigens mit der Stimme von Shakira, die auch den Titelsong singt). Der Kreislauf des Lebens und die Unbarmherzigkeit der Nahrungskette sind durchbrochen. Die Jäger sind zivilisiert und essen Donuts statt Gazellen, aber sie sind in der Minderheit und deshalb ein möglicher Grund für Reibereien.

Aber das Leben in Zoomania ist nicht ganz so vorurteilsfrei und idyllisch, wie es zunächst scheint. Die Hasen fürchten sich vor der Hinterlist der Füchse, und im Polizeirevier dominieren große Säuger. Über ein Förderprogramm für kleine Nager bekommt Judy, eine junge Häsin aus dem ländlichen Vorort Nageria, die Chance, als Polizistin in der Hauptstadt zu arbeiten. Schnell trifft sie auf den gerissenen Fuchs Nick, der genau das tut, was man von ihm erwartet: Listig schwatzt er den Elefanten ihr riesiges Eis ab, um es neu portioniert an die ahnungslosen Hamster zu verscherbeln. Weil die Größenverhältnisse der Tiere in Zoomania ja den realen entsprechen, ist das ein lukratives Geschäft.

Hase und Fuchs sind natürlich eine Steilvorlage für einen Buddy-Film, in dessen Verlauf die beiden gemeinsam einen Kriminalfall lösen und Freunde werden. Dass sie normalerweise keine Freunde sind, verstehen auch Kinder unter sechs Jahren, für die die Krimihandlung allerdings zu komplex und streckenweise zu gruselig sein dürfte. Alle anderen werden viel Spaß haben an wilden Verfolgungsjagden durch die Klimazonen und an witzigen Zitaten aus der Filmgeschichte. Mister Big etwa, der Mafiaboss mit Marlon-Brando-Gestus im Körper einer Spitzmaus.

Für den deutschen Markt hat man einige prominente Stimmen gewonnen. Josephine Preuß spricht Judy und der Comedian Rüdiger Hoffmann das Faultier Flash, das den Beamten im Zeitlupentempo persifliert. Eine kleine Gastrollen hat Davis Schulz, der auf Youtube mit Filmparodien und lustigen Tiersynchronisierungen bekannt wurde. Den skurrilsten Auftritt aber hat der Berliner Schauspieler Frederick Lau. Seine Figur, der Yak, ist ein Hippie mit zotteligen Haaren und Hüter einer Welt, die Häschen Judy so erschreckt, dass sie sich wegdrehen muss. Elefanten recken ihre Hintern, Giraffen spreizen die Beine und Schweine suhlen sich anzüglich im Schlammpool – nackt! Ohne Kommentar hätte man ihre Nacktheit nicht bemerkt, die Tiere sind geschlechtslos, sie tragen nur keine Kleidung. In Zoomania steht der Nudistenclub für ultimative Toleranz. Man darf alles sein, sogar so nackt wie ein Plüschbär.

Josephine Preuß leiht Judy ihre schöne Stimmen

An der Spitze der Stadt steht, wieder ein Klischee, der Löwe. Er will vertuschen, dass 14 Raubtiere zu unberechenbaren Bestien mutiert sind. Weil das alte Vorurteilen nähren würde. Die ehrgeizige Judy deckt das Geheimnis auf, ist dann aber mit der anschließenden Pressekonferenz so überfordert, dass sie das böse B-Wort sagt. Dass die Raubtiere so wild geworden sind, liege an ihrer Biologie. Die Folge sind Aufruhr und Angst bei den Beutetieren.

Zuerst verheimlichen, dann Hektik und Überforderung: Vieles an diesem Film erinnert an Ereignisse aus dem wirklichen Leben. Nur ist das Leben leider nicht immer so lustig. Disney träumt von einer Welt ohne Vorurteile und Diskriminierung. Oder von einem lustigen Film, an dem niemand Anstoß nehmen kann. Hoffentlich.