Kultur

„Dieses Spiel habe ich verloren“

Heinz Rudolf Kunze wollte mit dem Lied „Willkommen liebe Mörder“ provozieren – nun hat er den Schaden

Er ist schon ziemlich lange im Geschäft, seit Beginn der 80er-Jahre macht Heinz Rudolf Kunze Musik. Irgendwo zwischen Rocksänger und Liedermacher lässt er sich einordnen; dass sein Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ so erfolgreich wurde, lag zum Teil am damaligen Zeitgeist. Im Zuge der „Neuen Deutschen Welle“ wurde auch er populär. Nun hat er wieder Aufmerksamkeit erreicht. Mit „Willkommen liebe Mörder“ hat er vor einiger Zeit ein maximal missverständliches Lied herausgebracht. Er sagt, es sei eine Anlehnung an Frischs Stück „Biedermann und die Brandstifter”, das vom Aufkommen der Nazis handele. Eine klare Parallele zum Nationalsozialismus zieht Frisch hingegen nicht. In rechten Netzwerken ist das Lied beliebt, weil dort geglaubt wird, Kunze warne vor den Flüchtlingen, so heißt es in einer Strophe: „Sie pflegen fremde Bräuche, so lautet das Gerücht, Genaueres weiß keiner, denn man erkennt sie nicht.“ Die Umarmung seines Liedes durch fremdenfeindliche Strömungen sei, so sagt Kunze, „grotesk“.

Berliner Morgenpost: Herr Kunze, Sie sind ein fleißiger Künstler. „Deutschland“ ist bereits Ihr 35. Album. Keine Angst, dass Ihnen mal die Ideen ausgehen?

Heinz Rudolf Kunze: Nein, im Gegenteil. Ich hätte genügend Material, um alle vier Monate eine neue CD zu produzieren. Aber das kann ich den Leuten ja nicht zumuten.

Ist zuerst der Text da oder die Musik?

Fast immer der Text, dann entsteht die Musik. Den Song singe ich dann in meinen Kassettenrekorder ein.

Kassettenrekorder? So ein altes Gerät mit eingebautem Mikro, wo man gleichzeitig die Aufnahme- und die Wiedergabe-Taste runterdrücken muss?

Mein Rekorder funktioniert seit 30 Jahren perfekt, mein wichtigstes Handwerkzeug. Dann kommt mein Bassist Peter Pichl mit seinem mobilen Tonstudio, und wir nehmen ein mehrspuriges Demoband auf.

Sie haben es nicht so mit moderner Technik, oder?

Ich bin froh, wenn ich auf der Bühne weiß, wo das Kabel in die Gitarre kommt. Auch mit Computern kann ich nichts anfangen, ich mag es nicht, vor einem Bildschirm zu sitzen und da was reinzuschreiben. Das würde mich blockieren. Ich schreibe alles mit der Hand, tippe es in den Laptop, drucke es aus und hefte es ab. Ich bin eben doch ein Handwerker (lacht).

Internet, Smartphone, Mails?

Habe ich alles nicht. Irgendwie hab ich das verpasst, mir macht das auch keine Freude wie der jungen Generation. Alles, was über Faxe hinausgeht, überschreitet meine technische Kompetenz. Mails gehen an meine Frau, die druckt sie für mich aus, das ist sehr praktisch für mich.

Fehlt Ihnen nicht das Internet, um nach Ideen für Ihre Lieder zu googeln?

Nein, ich habe Bücher und Zeitungen, das reicht mir.

Ohne Internet ist Ihnen die Diskussion um Ihr Lied „Willkommen liebe Mörder“ entgangen, das inzwischen Pegida-Demonstranten für sich entdeckt haben.

Das habe ich natürlich dennoch mitbekommen, mein Management betreibt ja auch eine Facebook-Seite für mich. Ich kann das alles nicht fassen. Es ist grotesk, dass ausgerechnet die Leute, die ich mit diesem Lied in den Blick nehmen wollte, sich das nun auf ihre Fahnen schreiben. Pate für den Song war das berühmte Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“, das vom Aufkommen der Nazis handelt. Es ist eine ironische Abrechnung mit den NSU-Mördern.

Haben Deutsche keinen Sinn für Ironie?

Wir haben sie zumindest nicht erfunden. Ich hatte in den 90-ern schon einmal Probleme mit der rechten Szene, als eine rechtsradikale Band Songs von Westernhagen, den Toten Hosen und mir covern wollte. Das konnten wir über unsere Anwälte verhindern. Aber gegen diese Vereinnahmung kann ich mich juristisch nicht wehren. Zugegeben, der sehr provokante Titel „Willkommen liebe Mörder“ war ein Spiel mit dem Feuer. Und dieses Spiel habe ich verloren.

Fürchten Sie, dass nun Pegida-Aktivisten zu Ihren Konzerten kommen?

Nein, das wird nicht passieren. Aber ich muss jetzt auch den mir wohlgesonnenen Fans jedes Mal vorab erklären, wie dieses Lied gemeint ist. Und das hasse ich wie die Pest.

Umtreibt Sie die Flüchtlingsdebatte?

Das ist ein Problem von unglaublichen Ausmaßen. Es ist unverschämt, wie sich andere europäische Nationen verhalten. Die Länder, die uns jede Unterstützung verweigern, sollten mal darüber nachdenken, wofür sie eigentlich das Geld aus Brüssel von der EU bekommen.

Das rechtsextreme Lager wird immer stärker.

Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen. Aber ich bin überzeugt, dass es dort lediglich einen harten Kern von zehn Prozent Unbelehrbaren gibt. 90 Prozent können wir in das demokratische Spektrum zurückholen. Aber das wird nur funktionieren, wenn wir die Flüchtlinge, die sich nicht an die Spielregeln halten, konsequent abschieben.

Es fällt auf, dass Sie bei Benefizfestivals oder Konzerten gegen rechte Gewalt eher nicht mitmachen.

Man hätte mich ja einladen können, dann hätte ich sagen können, ob ich da nun spielen möchte oder nicht. Aber ich wurde schlicht nicht gefragt.

Sie haben einmal in einem Text mit dieser Solidaritätskultur abgerechnet. „Ich habe sie feilschen gesehen, im Halbdunkel hinter Festivalbühnen, bis an die Zähne vergoldet.“ Vielleicht lädt man Sie deshalb nicht mehr ein.

Es ist richtig, dass ich viel Heuchelei in diesem Geschäft gesehen habe. Ich werde hier aber keine Namen nennen, kann ja sein, dass ich dem einen oder anderen noch begegne. Nein, im Ernst, ich möchte niemandem sein Engagement absprechen.