Kulturforum

Mutige, radikale Ideen für das Museum der Moderne

Die 460 Entwürfe für den Wettbewerb des Museums der Moderne sind jetzt am Kulturforum zu sehen. Es gibt sie, die mutigen Lösungen.

Die Sammler Heiner und Ulla Pietzsch sehen sich am  Kulturforum  die Gewinnerbeiträge zum Museum der Moderne an. Die 460 Beiträge sind  in einer  Ausstlelung zu besichtigen

Die Sammler Heiner und Ulla Pietzsch sehen sich am Kulturforum die Gewinnerbeiträge zum Museum der Moderne an. Die 460 Beiträge sind in einer Ausstlelung zu besichtigen

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Mal ganz ehrlich, mit der Jury möchte man auch nicht jeden Tag tauschen. Um die meterlangen Architekturentwürfe an den weißen Wänden zu studieren, muss man sich gleich eine Lupe umhängen, um überhaupt die Details zu erkennen. Den Physiotherapeuten kann man gleich mitbringen, wenn es darum geht, in Hock- und Bückhaltung die Modelle anzuschauen. Ohnehin sehen die kleinen Pappmachebauten, dicht an dicht, auf dem gigantischen Tisch eher aus wie eine weiße Schneeverwehung. Drei lange Tage hat die Jury des Ideenwettbewerbs gebraucht, um 460 Entwürfe für das Museum der Moderne (M20) zu sichten. Am Schluss wurden zehn anonymisierte Ideen gekürt.

Diese zehn Siegerideen sind bereits seit zwei Wochen am Kulturforum zu sehen, jetzt kann man die restlichen 450 Entwürfe dort in der Sonderausstellungshalle anschauen. Wer jeden Entwurf nur eine Minute begutachtet, bräuchte etwa 7,5 Stunden für alle. Bei Brezeln und Weißwein drängeln sich jede Menge Studenten, Architekten und jene, die es gern wären, vor den großen Zeichnungen. Zu entdecken sind übrigens auch die Privatsammler Erich Marx und Ulla und Heiner Pietzsch, schließlich geht es beim M20 auch um „ihr“ Museum. Viele hätten sich „die Zähne“ an dem Wettbewerb ausgebissen, erzählt Arno Lederer, Architekt und Vorsitzender der Jury.

Das sieht bei vielen Modellen aber ganz und gar nicht danach aus. Im Gegenteil: Wer die zehn Siegerentwürfe nicht als den großen Wurf sieht, der wird beim Rundgang schnell überrascht. Da gibt es: Originelles. Verrücktes. Radikales. Wie bei dem Genfer Architektenbüro Made in Sarl, das sich alle Bauten des Kulturforums einverleibt, die Staatsbibliothek direkt anbindet, die Potsdamer Straße unterirdisch laufen lässt, die Parkplätze unter die Piazzetta legt, einen U-Bahn-Anschluss vorsieht und ansonsten den Louvre beschwört. Statt der Pyramide gibt es eine riesige Spiegelfläche als Zeichen, in denen sich die umliegenden Gebäude verdoppeln. Selbstbewusster geht es nicht.

Vielleicht schlägt dieser Entwurf solche Funken, weil er das Problem des Neubaus so auf den Punkt bringt. Er darf selbst nicht den Duckeberger spielen zwischen Mies van der Rohe und Hans Scharoun, soll sich aber gleichzeitig demütig verbeugen vor den Diven. Und darf dabei noch die urbane Glücksfee spielen und die Brache städtebaulich neu ordnen, also feinen Goldstaub zwischen die Solitäre Nationalgalerie und Philharmonie verstreuen.

Welche Begehrlichkeiten das Projekt am Kulturforum seit Jahrzehnten schon weckt, zeigt die anschließende, recht muntere Diskussion. Es gibt Fragen, die Fragen bleiben, ob der Bauplatz wirklich der allerbeste sei und nicht die Sigismundstraße, ob das mehrteilige Verfahren funktioniere, und ob die Jury nicht eigentlich komplett mutlos war in ihrer Entscheidung. Unter dieser Jury hätte Mies van der Rohe damals nie seine Ikone gebaut, spöttelt da jemand. Arno Lederer findet das nicht sehr witzig.

„Warum gibt es keinen Masterplan 2“, will nun einer wissen, – als Konkurrenz zur Museumsinsel. „Bitte mehr Mut!“ schiebt er gleich hinterher. So geht das hin und her, Klatschen da, Klatschen dort, je nach Fraktion. Die einen sehen den Neubau als Motor für eine längst überfällige städtebauliche Entwicklung, denen kommt es weniger auf die Zeit an, sondern einfach um den richtigen Entwurf.

Die anderen wollen unbedingt einen schnellen Wettbewerb, damit das Museum der Moderne endlich gebaut wird. Und dass das Haus Haltung zeigt, Stil, Atmosphäre, im coolsten architektonischen Kleid des 21. Jahrhunderts. So sieht das Museumsmann Udo Kittelmann, er hat den Privatsammlern ein Versprechen gegeben und daran erinnern sie ihn. Ehepaar Pietzsch jedenfalls geht mitten in der Diskussion. „30 Jahre“, sagt Heiner Pietzsch und dreht sich nicht um, „warte ich nicht mehr“.