Da gibt es dieses eine kleine Bild, grau, weiß, ein bisschen Schwarz beigemischt, es gibt einen Horizont am Meeresrand, ein Kriegsschiff, irgendwo ein Hauch Orange. Ein paar Schritte weiter sehen wir ein Video, nichts weiter drauf, nur ein ebenso weiter Horizont, flammendes Orange, hauchzartes Rot, Glut. Kein Mensch, nirgends. Beim Betrachter kommen viele Gefühle zusammen: Hiroshima, atomare Bedrohung, Krieg, Fukushima. Kann das sein?
Leiko Ikemura ist nun alles andere als eine strenge Chronistin. Unter den Malern ist sie die Meisterin der Innenschau, der Meditation, des Unterbewussten –, ausgerichtet ganz klar auf die melancholische, tiefe Seite des Lebens. Das darf uns aber nicht erschrecken, weil man gerade vor ihren den Erdtönen zugeneigten Bildern irgendwie zur Ruhe kommt. Hier stoppt der allgemeine Bilderfluss zumindest für die Dauer des Ausstellungsbesuches. Genau genommen hat das in einer turbulenten Stadt wie Berlin schon einen eigenen Wert. Im Haus am Waldsee zeigt die Berliner Künstlerin, die auch in Köln ein Atelier hat, einen Teil ihrer Vergangenheit: mit Werken aus den letzen zehn Jahren bestückt sie ihre Schau mit dem Titel „…und plötzlich dreht der Wind“.
Vermutlich, weil sich auch bei ihr etwas gedreht hat. Im letzten Jahr hat die 64-jährige grazile Künstlerin ihre Professur an der Universität der Künste (UdK) an den Nagel gehängt. Jetzt also ist Zeit für Rückschau.
Als Studentin wollte Leiko Ikemura unbedingt raus aus Japan, weg von den Traditionen, die für junge Frauen wie sie damals nicht viel Spielraum ließen. „Ich bin kein süßes Mädchen“, hat sie das mal kommentiert. Also ging die stille junge Frau nach Europa, in Barcelona studierte die 21-Jährige Literatur und Kunst, über die Schweiz kam sie später nach Köln und Berlin. Dass man ihre Kunst irgendwie mit ihrem Heimatland in Verbindung bringen könnte, das wollte sie partout nicht.
Im Haus am Waldsee sehen wir, wie viel ihre somnambule Malerei, ihre Skulpturen, ihre Kohlezeichnungen, ihre Fotografie mit ihrer japanischen Heimat zu tun haben. In großen Bildformaten wie „Zarathrusta“ gibt es diese seltsamen Übergänge, Zerfließendes, zwischen Traum und Bewusstsein, diese schwebenden Frauenfiguren im Fluss des Wassers, Ophelia gleich, mehr tot als lebendig. Da liegt diese wunderbare Skulptur eines weiblichen Körpers schutzlos auf den Fliesen im Erdgeschoss, eine geschwungene Muschel, doch am unteren Ende ist sie aufgebrochen.
Der lasierende Farbauftrag der Gemälde, ganz der japanischen Tuschzeichnung verwandt, die durchscheinenden Pigmente auf der großporigen Leinwand – gerade diese Mischung, jene japanische Prägung und der europäische Blick, macht die Spannung ihrer Bilder aus. Aber da ist noch mehr: Aus den tiefliegenden Augen in den Gesichtern glotzt ein Edward Munch, aus den Landschaften winkt ein Caspar David Friedrich herüber. Unverkennbar aber schimmern in den Flussläufen auch die farbigen Holzschnitte eines Utagawa Hiroshiges und Katsushika Hokusai durch.
Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30. Di–So 11–18 Uhr. Bis 17. April

