Berlinale

Mit der Mafia auf Autogrammjagd

Autogrammjäger: Eine besondere Berlinale-Spezies. Immer dabei, nie im Mittelpunkt. Eine Reportage über Jäger, Mafiosis und das perfekte Foto.

66. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 11.02.2016, Eröffnungsgala und Filmpremiere „Hail, Caesar!“: George Clooney. Der Film läuft auf der Berlinale außer Konkurrenz. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

66. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 11.02.2016, Eröffnungsgala und Filmpremiere „Hail, Caesar!“: George Clooney. Der Film läuft auf der Berlinale außer Konkurrenz. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Der Berlinale-Endspurt hat begonnen. Heute Abend werden die Goldenen Bären verliehen – nächste Woche ist es dann vorbei mit zwölfstündigen Filmen, täglichen Hollywoodstars am Potsdamer Platz und den allabendlichen Film-Partys. Die letzte Gelegenheit, um auch einmal auf die andere Seite des roten Teppichs zu schauen und sich mit einer ganz besonderen Spezies der Filmfestspiele auseinanderzusetzen: den Autogrammjägern.

Stundenlanges warten für sieben Minuten mit dem Star

Ralf Preuß steht seit 14 Jahren neben dem Teppich. Früher sei er zu sämtlichen Filmpremieren gefahren, erzählt er und wedelt wage mit den Händen durch die kühle Luft. Heute sei es weniger geworden. „Das Alter“, fügt er bedeutungsschwer hinzu, obwohl er nicht älter als 50 Jahre sein kann. Damals, vor 14 Jahren, hätte er angefangen, Unterschriften von berühmten Menschen zu sammeln. Für Autogramme hätte er gewartet, stundenlang, bei jedem Wetter. Heute ist es sonnig. Einige Vögel schweben um das „Hyatt Hotel“ am Potsdamer Platz und zwitschern dem Frühling entgegen. Die großen internationalen Stars der Berlinale werden erwartet: Die Überschauspielerin, der Schönling mit Kontakt zur Kanzlerin und die großartige Schottin mit der Sturmfrisur. Berühmtheiten, die schwer genug wiegen, dass Menschen sich vor sechs Uhr morgens neben den abgesperrten roten Teppich stellen.

Um diese Uhrzeit wollen sich Heike Kuhlbrodt und Melanie Lehmann nicht neben den roten Teppich stellen. Das wäre dann doch etwas früh für die Freundinnen aus Schöneberg und Prenzlauer Berg. Trotzdem, einige Stunden vor der angekündigten Pressekonferenz stehen die beiden hinter dem Absperrgitter bereit. Wer weiß, vielleicht kommen die Stars doch früher. Beide verabreden sich regelmäßig, um auf Autogrammjagd zu gehen. Woher sie wissen, wann und wo die Schauspieler auftauchen, will ich wissen. „Wir haben unsere Quellen“, sagt Heike mit gehobenem Kinn.

Dann kommt er. Der Mann der ersten Berlinale Tage. Kleiner als gedacht, mit schwarzer Lederjacke, zerbeulter Jeans und grauen Strähnen im kurzen Haar. Er steigt aus dem schwarzen Auto, geht zu den zusammengedrängten Autogrammjägern und knipst sein strahlendes Lächeln an. „George“, stöhnen sie. „How are you?“, sagt er zur ersten Gruppe. „Everything fine?“ zur zweiten. Sieben Minuten Gedränge, dann ist er im Hotel verschwunden. Heike und Melanie haben eine Unterschrift ergattert. Zwei Kringel auf ihrem Programmheft. Außerdem hat Heike ein Bild von Melanie und George gemacht. Sie zeigt es mir auf ihrer kleinen rosa Digitalkamera. George ist scharf, Melanie unscharf. Macht nichts.

Auch Maren Syväri und Max Pallmann haben ihre Kamera gezückt. Ein Selfie mit Meryl Streep. Das ist ihr Traum. Wurde aber bislang nichts draus. Die Schauspielerin ging an diesem Morgen zu schnell an ihnen vorbei. Sie habe Meryl einen schönen Aufenthalt in Berlin gewünscht und ihr gesagt, dass sie eine große Inspiration für sie sei, erzählt Maren. Streep hätte sogar geantwortet: „Du bist so eine nette Person.“ Die 21-Jährige strahlt. Zusammen mit Max ist sie für die Berlinale aus Kaiserslautern nach Berlin gereist.

Erst waren es nur Autogramme, jetzt sind es eigene Fotos

Ausgerüstet sind die beiden mit Glühwein und einem ausgedruckten Stapel mit Starporträts. Da sollen die Unterschriften drauf. Zu Hause wartet schon die weiße Wand auf die Bilder. „Leute, Auto kommt“, schreit es aus der ersten Reihe. Schwarze Autos fahren vor. Vorne Fahrer im Anzug, hinten abgetönte Scheiben. Die Tür öffnet sich, ein weißblonder Haarschopf wird sichtbar.

Ralf Preuß ist heute kein Autogrammjäger mehr. „2003 hatte ich genug“, erzählt er. Da habe er stundenlang auf Meg Ryan gewartet. Und sie sei einfach nicht gekommen. Angeblich wegen eines Termins in Japan. Nach diesem Vorfall war es vorbei mit Ralf dem Autogrammjäger. Eine Kamera musste her. „Mit einem Fotoapparat hat man eher eine Chance“, erklärt er. „Es ist wie auf der Jagd. Wenn ich ein Foto habe, das wirklich perfekt ist, dann hat es sich gelohnt“. Was ein perfektes Foto ausmacht, will ich wissen. 2007, sagt Ralf, da habe er ein perfektes Foto gemacht. Von Scarlett Johansson. Das werde er nie vergessen. „Vor mir war eine Lücke in der Reihe und da stand sie, leicht nach vorne gebeugt. Sie hat kurz nachgedacht und ich habe auf den Auslöser gedrückt. Perfekt.“

Alles andere als perfekt sind die Fotos, die Ralf heute macht. Oder besser, machen will. Die Sicherheitsbeamten wollen ihn nämlich aus seiner Ecke neben dem Hotel vertreiben. Seit 13 Jahren würde er mit seiner Leiter in dieser Ecke stehen, sagt Ralf. Natürlich, manchmal sei es schon etwas gefährlich gewesen mit der Leiter. Wie damals, als er mit einigen Autogramm­jägern aneinandergeraten sei. Es gäbe da nämlich diese Gruppe, samt Anführer, die bei jedem roten Teppich zehn Minuten vor den Stars eintreffen würde. „Das ist eine organisierte Mafia. Die verkaufen dann die Autogramme für bis zu 250 Euro im Internet“, erklärt Ralf. Bei so einer Mafiaaktion sei es dann vor einigen Jahren passiert.

Er habe auf seiner Leiter gestanden und auf den Star gewartet. Kurz bevor die schwarzen Autos kamen, kam auch die Gruppe. Sie drückte von hinten, er fiel nach vorne, die Hose riss zwischen den Beinen. Peinlich. Aber passiert eben, sagt Ralf. Solange am Ende ein perfektes Foto dabei ist, lohnt es sich.