Wer die Ausstellung in der Villa Grisebach anschaut, sieht ein gemaltes Road Movie durch die Jahrzehnte dieser Stadt. Tag und Nacht, Tag- und Albträume. Hinein in die Bars, wo das Bier rot schäumt im düsteren Licht, das Dämonen gebiert. Hinaus auf die breiten Straßen mit den flackernden Neonreklamen, den Kudamm runter, die Fasanenstraße hinein, die Augen blitzen. Und gleich runter in die U-Bahn, die Züge fahren in den Bauch der Metropole. Hier sieht man schön K.H. Hödickes frühe Liaison mit Warhols Pop-Art, und seine moderne Verwandtschaft mit den Expressionisten. Die Komplementärfarben in „Potsdamer Ecke Winterfeld“ könnten greller nicht sein, und der „Nachtfalter“ in Pink und Lila wohl nicht kantiger.

Anders als die Berliner Maler-Chronisten wie Christopher Lehmpfuhl oder Hans Stein, die sich die Stadt systematisch Baustelle für Baustelle, Ort für Ort, vorgenommen haben, hat Hödicke, Jahrgang 1938, einfach festgehalten, was „ich vor die Nase bekam“. Früher, findet er, war die Stadt „sehr eigenartig“, heute werde sie langsam zu einer Großstadt wie jede andere. Sein Atelier hat er an der Dessauer Straße, am Anhalter Bahnhof, vor der Wende nahe der Mauer. „Spannende Ecke war das“, sagt er. Was er vor dem Fenster sah, malte er. Die Metamorphose des Potsdamer Platzes ist eines seiner Themen. 1977 hat er dem Ort ein Triptychon gewidmet. Für das mittlere Bild wählte der Maler den Blick aus dem Osten, hell leuchtet in der Ferne die Goldelse wie eine Heiligenfigur, Grenzer patrouillieren, sie werfen unheimliche Schatten an den unteren Bildrand. Auf der West-Seite sieht man zwei Hunde, einen Läufer. Was hat er vor?

„Wir hatten zwar Freiheit, aber verkauft wurde nichts“, erzählt K.H. Hödicke. In Schöneberg gründet er 1965 mit anderen zusammen die „Großgörschen“, die erste Produzentengalerie. Er selbst studierte bis 1964 an der Hochschule der Künste bei Fred Thieler, trat 10 Jahre später in dessen Fußstapfen und wurde zum Vater der Neuen Wilden. Salome, Middendorf und Fetting schmissen ihre breiten Pinsel in große Farbeimer und füllten die Leinwände mit riesigen Figuren. „Meine missratenen Söhne“, lacht Hödicke am Telefon. Berlin-Chronisten sind sie allemal.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25 (Zeichnungen) und 27, Mo-Fr, 10 -18 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Bis 20. Februar.

Gabriela Walde