Tanz-Kritik

Tanzen unter Suchscheinwerfern

Staatsballettchef Nacho Duato kennt keine Gnade: Seine Choreografie „Herrumbre“ setzt sich mit Terror auseinander

Eine gute Stunde soll das Ganze dauern. Das ist nicht viel für eine abendfüllende Tanzvorstellung, doch in der Erwartung, dass der Abend so schmerzhaft wird wie der Beginn, lässt die Aussicht auf diese Zeitspanne den Zuschauer durchaus ängstlich werden. Von cineastischem Thrill, den wir hier zu sehen bekommen könnten, kann indes nicht die Rede sein. Das wäre selbst angesichts der Ankündigung einer choreographischen Studie über Gewalt und Folter, die der Chef des Staatsballetts Nacho Duato hier im Schiller Theater mit seiner Produktion „Herrumbre“ auf die Bühne bringt, zu billig.

Dabei gibt es nicht wenige Choreographen, die der Eigengesetzlichkeit, dem vermeintlichen „L’art pour l’art“ der Kunstform Tanz keine neuen Blickwinkel auf die Welt mehr zutrauen und deshalb das Ganze mit grell-brutalen Videobildern zuschütten. Nacho tut das nicht, er vertraut dem Tanz, und doch schließt er die tänzerische Handlung seines Stückes „Herrumbre“ in eine denkbar schroffe, sinnlich schwer zu ertragende Schale aus Licht und Geräusch ein. Körperlich schmerzhaft ist der Suchscheinwerfer, der zu Beginn von der Hinterbühne durch die Dunkelheit und ein riesiges fahrbares Gerüst hindurch in unsere Augen leuchtet. Körperlich schmerzhaft ist das anschwellende Knarren aus dem schwarzen Nichts der Bühne heraus, welches klingt wie ein Lautsprecher kurz vor dem Bersten.

Duato choreographierte „Herrumbre“ im Jahr 2004 unter dem Eindruck der verheerenden Terroranschläge von Madrid, die der Choreograph damals aus nächster Nähe mitbekam und die sich tief in seine Seele fraßen. Interessant und sympathisch ist, dass dasjenige, was künstlerisch daraus wurde, nicht bei der blinden und willkürlichen Blutrünstigkeit des Attentats stehen bleibt, sondern auf der Suche nach dem Wesen der Gewalt den nächsten Schritt ausbuchstabiert: die institutionell, ja staatlich verordnete Gewalt, und zwar in ihrer krassesten und gemäß der UN-Charta von 1948 immer unrechtmäßigen Stufe, der Folter.

Duato ist zu erfahren als Choreograph, um nicht von vornherein den Widerspruch zwischen dem hochgradig organisierten und unter höchster Spannung ästhetisch agierenden menschlichen Körper im Tanz einerseits und dem zerstörten, spannungs- und willenlosen Körper des realen Folteropfers andererseits als Problem wahrzunehmen. Das ist kaum aufzuheben – gerade deshalb stellt er diesen Widerspruch künstlerisch ins Zentrum von „Herrumbre“. Duato geht das Problem offensiv an und setzt sich dem Risiko aus, Gewaltszenen zu stilisieren. Das könnte läppisch oder voyeuristisch wirken, doch das ist nicht der Fall. In Zweier- und Dreierkombinationen von Mitgliedern des Staatsballetts lassen die Peiniger ihre Opfer hängen, rollen, fliegen. Es ist die selbstgesetzte Aufgabe Duatos, den tänzerisch gestählten Körper das Leiden an der Machtlosigkeit erfahren zu lassen.

Das alles wäre doch zu viel Kunstdebatte, wenn nicht die Musik „Dark Wood“ von David Darling wäre, daneben geräuschhafte Klangszenarien der spanischen Klangkünstler Pedro Alcalde und Sergio Caballero: metallisches, hartes, auch schmerzhaftes Geräusch oft, mal völlig zufällig, mal rhythmisch organisiert. Alle diese Elemente tragen zur originären Brutalität des Abends bei. Der versagt sich tänzerisch die Rohheit, ohne im mindesten zu langweilen.

Staatsballett Berlin im Schiller-Theater, Charlottenburg Tel. 206092630. Termine: 16., 18., 21., 26. und 28.2.