Ausverkauftes Konzert

Libertines begeistern 3500 Berliner Fans in Columbiahalle

Pete Doherty, Carl Barât, John Hassall und Gary Powell versprühten in der Columbiahalle die Energie früherer Tage. Unsere Konzert-Kritik.

Die Libertines spielten in der Columbiahalle eineinhalb Stunden und lieferten eine grandiose Rockshow ab

Die Libertines spielten in der Columbiahalle eineinhalb Stunden und lieferten eine grandiose Rockshow ab

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Sie hatten ihre Chance. Und sie haben sie vertan. Anfang der 2000er-Jahre waren die britischen Libertines das große neue Ding. Sie waren die nonkonformistischen Freigeister, die mit juvenilem Sturm und Drang gegen die ganze Welt anspielten mit einem rüden, rauen, chaotischen Sound, der sich am klassischen Rock’n’Roll und am Punkrock nährte. Und die mit poetischen Songtexten ein jugendliches Lebensgefühl in dir richtigen Worte fassten. Sie waren die Band der Stunde. Doch nach nur zwei großartigen Alben, nach „Up The Bracket“ von 2002 und „The Libertines“ von 2004, war die Band am Ende. Offiziell aufgelöst haben sie sich freilich nie.

Nun stehen The Libertines am Sonntagabend in der seit langem ausverkauften Columbiahalle auf der Bühne, als hätte es die vergangenen zehn, zwölf Jahre nie gegeben. Und die gut 3500 zumeist jungen Fans feiern ihre lang vermissten Helden, die sich noch immer kumpelhaft rau und unangepasst geben, sich inzwischen aber mit den Regeln des modernen Rockgeschäfts arrangiert haben. Bereits 2014 gab es im Londoner Hydepark ein legendäres Reunionkonzert, nach dem die Libertines auch in die Arena Treptow kamen. Im vergangenen Jahr hatten sie einen kompakten Auftritt beim ersten Berliner Lollapaloosa-Festival, bei dem es bereits neue Stücke zu hören gab.

Nun also sind sie zurück und haben im vergangenen Herbst tatsächlich auch ihr neues, drittes Album „Anthems For The Doomed Youth“ eingespielt, dessen Songs sie im Konzert mit den alten Erfolgen mischen. Die Libertines galten einst als höchst unzuverlässige Band. Mal kamen sie erst Stunden später als geplant auf die Bühne. Mal traten sie gar nicht auf. In der Columbiahalle stehen sie bereit um 19.40 Uhr zur Überraschung derer, die zu dieser Zeit bereits in der Halle sind, auf der Bühne.

Imposanter Lichteinsatz, tolle Show

Pete Doherty und Carl Barât, die singenden Gitarristen und Front-Kumpane, Bassist John Hassall und Schlagzeuger Gary Powell (nur mit Schellenring) spielen schon mal für verdutzte Gesichter „Albion“ von Pete Dohertys zwischenzeitlicher Band The Babyshambles. Sie sind sozusagen ihr eigenes Vorprogramm. Und gehen erst mal wieder. „Viel Spaß mit den Libertines“, ruft Doherty noch beim Hinausgehen, bevor mit der formidablen Rockband Reverend and The Makers aus Sheffield das eigentliche Vorprogramm beginnt.

Es waren vor allem Pete Dohertys öffentliche Eskapaden und Drogenexzesse, die den Libertines einst den Todesstoß versetzten. Doherty hatte eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder an seinem selbstzerstörerischen Drang zu Grunde zu gehen, um Mitglied im tragischen „Club 27“ zu werden. Oder sich endlich zusammen zu reißen. Er hat sich für die zweite Lösung entschieden. Während der Trennung hatte Doherty seine eigene Band The Babyshambles, Carl Barât war mit den Dirty Pretty Things unterwegs.

Der neuerliche Drogenentzug scheint gewirkt zu haben. Doherty hat sich mit seinem alten Freund Paul Barât nach dem zermürbendem Zwist ausgesöhnt. Die Band hat sich wieder zusammengerauft. Es ist zwanzig nach Neun, als die Libertines mit „Barbarians“ vom neuen Album die Bühne entern. Ihr Namenszug im Hintergrund formt das Bühnenbild, der Lichteinsatz ist imposant, der Sound ist, zumindest in der Mitte der Halle, brillant. Das ist allerdings nicht an allen Stehplätzen so.

Lieber kleinere Klubs als Mehrzweckhallen

Doherty und Barât geben sich in diesem organisierten Rock-Chaos, als spielten sie ständig um ihr Leben. Sie posieren mit ihren E-Gitarren, sie singen immer wieder gemeinsam in ein Mikrofon, als würden sie sich dauernd küssen. Babyface Doherty wirkt frisch und gesund, Barât sowieso. Bass und Schlagzeug halten diese druckvolle liaison dangereuse routiniert zusammen. „Heart Of The Matter“ spielen sie und „Horrorshow“, das neue „Gunga Din“ und das alte „Can’t Stand Me Now“ von 2004. Sie versemmeln mitunter Einsätze, sie schludern beim Tempo, sie brauchen lange Pausen mit Saitengeniedel und Rückkopplungen, bevor sie vom einen zum anderen Song finden.

Aber sie versprühen eine ungeheure Energie. Sie haben Wut und Verve der frühen Jahre kultiviert und zu einer gut eineinhalbstündigen Rockshow komprimiert, die atemlos macht, abgesehen von wenigen Verschnaufpausen wie der neuen Ballade „You’re My Waterloo“, die vom ganzen, längst durchgeschwitzten Saal mitgesungen wird. Und Doherty und Barât zelebrieren vor allem ihre wieder gefundene Freundschaft, die so viele Jahre auf Eis gelegen hat. Dennoch wäre man einer Band wie dieser lieber in einem kleineren Klub ausgesetzt. Diese Musik braucht die Nähe.

Das müssen sie die Anhänger aber wohl abschminken. Bei ihrer Englandtour spielten sie bereits in Mehrzweckhallen, die die Namen von Telefongesellschaften oder Autoherstellern tragen. Dagegen ist die Columbiahalle geradezu intim. Mit „Music When The Lights Go Out“ eröffnen sie den Zugabenblock, an dessen Ende das treibende „Don’t Look Band Into The Sun“ von 2003 steht. Die Fans haben sie nach wie vor auf ihrer Seite. Die Libertines haben ihre zweite Chance bekommen. Sie haben sie genutzt.