Klassik-Kritik

Dirigent Pappano rollt dem Prinzen den Teppich aus

Geiger Renauld Capuçon gastiert bei der Staatskapelle

Ausgerechnet das Violinkonzert von Henri Dutilleux spielt die Staatskapelle im Konzerthaus im Gedenken an den kürzlich verstorbenen Pierre Boulez. Dabei waren sich die beiden Komponisten nicht gerade grün. Dutilleux distanzierte sich von seinen zeitgenössischen Kollegen, besonders von Boulez. Aber man kann die frühere Kollegenstichelei getrost bei Seite schieben. Das erste Stück des Konzertabends, „Ma mère l’Oye“, nivelliert ohnehin diese Bredouille, denn Maurice Ravel verehrten beide Komponisten gleichermaßen.

Ravels „Mutter Gans“ sind fünf kleine märchenhaft-poetische Klangbilder, die er zunächst für die klavierspielenden Töchter von Freunden komponiert hatte. Wegen des großen Erfolgs der Kinderstücke fasste er sie für Orchester. Mit Zartheit und offensichtlicher Freude lassen die Musiker erst Dornröschen schlafen, während der Frühnebel auf der Waldlichtung liegt, dann den kleinen Däumling durch das hohe Gras stapfen und die Vögel singen. Dirigent Antonio Pappano gestattet einen bei aller Luftigkeit schwelgerischen Ton und rollt den Teppich aus für die Ankunft des Märchenprinzen.

Dieser kommt in Gestalt von Renaud Capuçon daher, mit größter Eleganz und ganz ohne große Gesten. „Der Baum der Träume“ lautet der Titel von Dutilleux‘ Violinkonzert. In einer Traumsequenz befinden wir uns, allerdings in einer sehr haptischen. Der Solist tastet die Rinde und die Verzweigungen ab und flitzt wie ein Eichhörnchen die Äste hinauf und hinab, ist aber gleichzeitig Kern und Lebensader eines Waldriesen. Aus dem Orchestergefüge heraus kommen alle Impulse für den Solisten und umgekehrt. Capuçon kommuniziert nicht theatralisch, sondern über den gemeinsamen Atem mit dem Orchester, während Antonio Pappano als Dirigent fast durchsichtig wird, so fließend gibt auch er sich in den Organismus des Baumes hinein. Wie auch ein Baum an vielen Zweigen gleichzeitig wächst, geschieht hoch komplex eine Menge zur gleichen Zeit, dennoch verbunden durch einen großen Zyklus, in dem sich alle befinden. Konsequent endet das Stück wie im Blitzlicht einer Momentaufnahme, man ahnt, dass das Stück ewig weitergehen könnte.

Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ folgen. Die Staatskapelle spielt sie ein wenig rückwärtsgewandt, wie einen seit Ewigkeiten bekannten Arbeitsablauf, an dem es nichts Neues mehr zu entdecken gibt. Wie weggeblasen ist die französische Poesie aus dem ersten Teil des Konzertes, stattdessen werden die Streicher seifig und manche Holzbläser spielen alles selbstgefällig tremolierend. Wunderschön dagegen, die Soloklarinette im Kinderspiel in den „Tuilerien“ und die Solotrompete mit dem Lamento des Schmuyle. Pappano setzt gegen Ende eine unglaubliche Körperspannung ein, um das Orchester noch ein wenig aus der Gemütlichkeit zu wecken, so dass das große Tor von Kiew sich den Zuhörern dann doch prächtig öffnet, als habe es die Staatskapelle eben erst entdeckt.