Fernsehen

Die seltsamen Jahre mit Günther Jauch

Heute nach dem „Tatort“ wird die letzte ARD-Talkshow mit dem Moderator ausgestrahlt. Sein letzter Abend im Berliner Gasometer.

Vier Jahre lang hat Günther Jauch das Paradepferd des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geritten, die große Polit-Talkrunde am Sonntag nach dem „Tatort“

Vier Jahre lang hat Günther Jauch das Paradepferd des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geritten, die große Polit-Talkrunde am Sonntag nach dem „Tatort“

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

An einem Sonntag im September 2014 sollte bei Günther Jauch über ein Thema diskutiert werden, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Unter der Überschrift „Gewalt im Namen Allahs – wie denken unsere Muslime?“ waren unter anderem Neuköllns damaliger Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Dauergast Wolfgang Bosbach eingeladen. An ihrer Seite saß ein muslimischer Imam namens Abdul Ahim Kamouss.

Ein Verirrter im eigenen Fernsehstudio

Er hatte unter anderem in der Al-Nur-Moschee an der Haberstraße gepredigt, einem Gotteshaus, das gerade in Berlin seit Jahren für negative Schlagzeilen gesorgt hatte. Hassprediger wie Bilal Philips hatten dort schon 2009 homophobe Ressentiments verbreitet, und immer wieder war zur Auslöschung Israels aufgerufen worden. Und so wurde auch schnell klar, welche Rolle Abdul Ahim Kamouss in dieser Runde zugedacht war: Er sollte als Menschenverführer und Gewaltanstifter Buße tun. Ein Video zeigte ihn an der Seite des radikalen Salafisten Denis Cuspert alias Deso Dogg. Man hatte auch ein Zitat von Kamouss ausgegraben, wonach Frauen ohne Erlaubnis des Mannes nicht das Haus verlassen sollten. Aber die öffentliche Demontage des Imams ging komplett in die Hose, und das lag unter anderem an Günther Jauch.

Denn Abdul Ahim Kamouss wollte sich partout nicht in das Skript der Sendung fügen. Denis Cuspert? Ein fehlgeleiteter Extremist, den er vor dem Abdriften in die islamistische Szene nicht habe bewahren können. Die Sache mit den Frauen? Das sei doch schon Jahre her, er habe sich inzwischen geändert. Je länger er reden durfte – und er durfte lange reden – desto klarer wurde auch, dass der Moderator nicht nur mit diesem Gast überfordert war. Es war die Idee seiner eigenen Sendung, die ihm zu schaffen machte. Irgendwann beklagte sich Heinz Buschkowsky über seinen Bluthochdruck.

Vier Jahre lang hat Günther Jauch das Paradepferd des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geritten, die große Polit-Talkrunde am Sonntag nach dem „Tatort“. Seine Bilanz fällt, man kann es nicht anders sagen, gemischt aus. Gerade in den letzten Monaten, nach einer schier endlosen Sommerpause und dem vorgezogenen Ende der Gesprächsrunde auf den heutigen Sonntag, schien er sich in die eigene Sendung geradezu verirrt zu haben und vermittelte nur den Eindruck eines staunenden Zeugen.

Aber auch in den Jahren zuvor schien der Moderator Jauch immer dann besonders abwesend zu sein, wenn seine Präsenz besonders dringend erforderlich war. Das könnte die Kehrseite sein von jenen Stärken, die ihn groß gemacht haben. Erinnern wir uns: Ende 2010, als das Ende seiner RTL-Politsendung „stern tv“ in Sichtweite war, hatte er sich überraschend für den begehrten Sendeplatz am Sonntag ins Gespräch gebracht. Die ARD brach der etablierten Sonntagabendtalkerin Anne Will ohne viel Getue die Treue und verschob diese mitsamt ihrer Sendung auf den Mittwoch.

Zu stark strahlte damals Jauchs Ruhm für die Entscheidungsträger in den Gremien, um diese Chance ungenutzt zu lassen. Bei RTL zog er in seiner Millionärs-Show alle Register seines lausbübischen Charmes, auf demselben Sender hatte er sich aber auch als politischer Journalist einen Namen gemacht. Jauch war prominent bei einem beispiellos großen Publikum, neben Thomas Gottschalk vielleicht der zweite Schwiegersohn der Nation. Anne Will mochte sich zu einer hartnäckig nachfragenden Moderatorin entwickelt haben, die auch mit den Lafontaines, Gabriels und Altmaiers dieser Welt klar kam. Günther Jauch schien damals dennoch das größere Kaliber.

Dabei fehlte ihm für die Rituale seiner oft mit Alphatieren durchsetzen Gästerunden etwas Entscheidendes: Die Lust am Streit und die Fähigkeit, Diskussionen mit Nachdruck in die richtige Richtung zu schieben. So einfühlsam und konziliant er im Einzelgespräch sein konnte, so konfliktscheu erschien er doch oft auch, wenn große Reden geschwungen wurden und Maulhelden zum Schweigen gebracht werden mussten.

Auf das Bellen und Beißen ist er nicht abonniert

Der damalige griechische Finanzminister Yannis Varoufakis machte das im Frühjahr schlaglichtartig deutlich. In einem eingespielten Video war zu sehen, wie er den Deutschen den ausgestreckten Mittelfinger präsentierte. Der zugeschaltete Varoufakis log dreist, das Video sei manipuliert worden. Mitten in der Live-Sendung bezichtigte er die Redaktion, mit gefälschtem Material zu hantieren.

Das war ein Bluff, aber er funktionierte: In Jauchs völlig überrumpelter Reaktion spiegelte sich seine redliche Unfähigkeit, mit solchen Manövern umzugehen. Kraftvolle, unbelegte Behauptungen wie diese konnten ihn schachmatt setzen – ihn, der immer viel weniger aufs Bellen und Beißen abonniert war, als aufs Zuhören und jene Zwischentöne, die in der politischen Arena nur zu gern als Schwäche verstanden werden.

An diesem Sonntag wird nun also beendet, was am 11. September 2011 mit einer Sendung zum 10. Jahrestag der Terroranschläge von New York begann. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wird Günther Jauchs letzter und einziger Gast im Gasometer in Schöneberg sein. Ein Solo für ihn.

Die Überschrift des Abends lautet „Am Ende eines Krisenjahres“. Zu erwarten ist ein interessantes Gespräch mit einem Politiker im Spätherbst seiner Karriere – und ein Beispiel für Jauchs Paradedisziplin: der ruhige Dialog. Er war in dieser Sendung nur leider nicht so oft gefragt.

ARD, heute, 21.45 Uhr