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Ein neuer Platz in ihrem Leben

Kein leichter Abschied: Intendantin Dagmar Reim verlässt 2016 den RBB aus privaten Gründen

Sechs Monate lang habe sie mit der Entscheidung gerungen, sagt Dagmar Reim. Es habe genug Gründe für die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) gegeben, einfach weiterzumachen wie bisher. Seit 2003 steht sie an der Spitze des Senders, sie arbeite sehr gern, sagt sie, und sie komme jeden Morgen mit Freude in den Sender. Sie sei weder müde noch lustlos oder kraftlos, und es gebe auch keine Krise, sagt sie der Berliner Morgenpost.

Bei Dagmar Reim, die Ende Juni 2016 aufhören wird, liegt der Fall also anders als bei den Intendanten der ARD, die in der jüngeren Vergangenheit aus explizit gesundheitlichen Gründen ihr Amt aufgaben. Monika Piel verabschiedete sich 2013 vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), nachdem die Ärzte vor einem Schlaganfall warnten. Helmut Reitze, der den Hessischen Rundfunk leitet und in diesem Monat seinen vorzeitigen Rückzug bekannt gab, hatte erklärt, dass „seine Energie nicht mehr ausreicht“, um die Aufgabe zu erfüllen.

Mehr Zeit mit der Familie möchte sie künftig verbringen

Bei Dagmar Reim ist der Rückzug eine Lebensentscheidung, die Abwägung einer Frau, die seit dem Ende ihres Studiums mit 23 Jahren durchgehend gearbeitet hat. Sie war Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk (BR), beim WDR und beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). Dort leitete sie die NDR-Pressestelle, 1995 wurde sie Chefredakteurin des NDR-Hörfunks, von 1998 bis 2003 war sie dann Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg. Seit 2003 steht sie dem RBB vor, sie war Gründungsintendantin des Senders mit Sitz in Berlin und Potsdam, der nach der Fusion zwischen SFB und ORB entstand. Sie ist die erste Frau an der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, den Titel wird ihr keiner mehr nehmen. Bis 2018 hätte ihre Amtszeit gedauert.

Für alles im Leben gebe es eine Zeit, sagt sie, nun wolle sie mehr Zeit mit der Familie verbringen. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, 64 Jahre alt ist sie und joggt weiterhin zu einer Morgenstunde, zu der sich andere Menschen noch einmal im Bett umdrehen.

Heute ist in ihrem Leben alles in Ordnung, aber wird es morgen noch so sein? Diese Frage, die vielen Menschen vertraut ist und die sie doch zumeist zur Seite schieben, hat sie nicht losgelassen, bis sie sich selbst eine Antwort gegeben hat. Sie hat sich dafür entschieden, ihre Zeit ab kommenden Sommer eigenständig und ohne Terminvorgaben einzuteilen und nicht so zu tun, als sei man unsterblich. Wie das Leben ab Juli 2016 aussehen wird, sie wisse es nicht, sagt sie und klingt dabei erstaunt und fröhlich zugleich.

Es ist naheliegend, dass Dagmar Reim als Intendantin der ersten Stunde den Sender geprägt hat. Sie ist ein Freund der klaren Ansage und gesegnet mit einer außergewöhnlichen Schlagfertigkeit. Ihr robuster Führungsstil schließt ein, dass sie Versäumnisse, Unzulänglichkeiten, Fehlentscheidungen benennt. Doch sie kann auch vergessen und nachsichtig sein. Als Chefredakteur Christoph Singelnstein 2012 einen Beitrag ändern ließ, nachdem die Landesregierung in Potsdam angerufen hatte, stand dieser wochenlang in der Kritik und gefährdete die Glaubwürdigkeit des RBB. Dagmar Reim stellte sich intern wie extern vor ihren Chefredakteur. Er hatte einen Fehler gemacht, aber nicht jeder Fehler muss gleich mit einem erzwungenen Rücktritt enden, so war ihre Haltung.

Das war aber auch das einzige Skandälchen in ihrer Amtszeit. Sie führt ein großes Gebilde wie den RBB relativ geräuschlos, 1500 Festangestellte und 1500 feste freie Mitarbeiter arbeiten bei dem Sender. Einige Sachen musste sie in den vergangenen zwölf Jahren machen, die auch leicht hätten schiefgehen können: Sie musste die Zahl der Mitarbeiter kürzen, sie musste einen Sparkurs durchsetzen, sie muss eine Sendeanstalt mit zwei Standorten führen, und sie muss ein TV-Programm für Berlin und Brandenburg verantworten – eine Region, die man wohl kaum als homogen bezeichnen kann. Trotz alledem hält die „Abendschau“ noch immer eine Quote von 25 Prozent Marktanteil in der Region.

Dagmar Reim scheidet nicht sofort aus, damit der Sender noch einen Nachfolger suchen kann. Intern sind sowohl Hagen Brandstäter und Claudia Nothelle vorstellbar. Hagen Brandstäter ist seit 2003 Verwaltungsdirektor des RBB und ist stellvertretender Intendant des Senders, journalistisch gearbeitet hat der Betriebswirt nicht. Claudia Nothelle leitet seit 2009 die Programmredaktion des RBB, sie hat immer als Journalistin gearbeitet, recht häufig auch in Krisenregionen in Pakistan, Afghanistan und Indien.

Wie es weitergeht, darüber berät in der kommenden Woche der Rundfunkrat, denn selbstverständlich wird es auch externe Berater geben. Der Rundfunkrat könnte eine Findungskommission einsetzen, um die Bewerbungen zu prüfen, aber auch das ist noch nicht entschieden.

Sie werde alles vermissen, sagt Dagmar Reim, ihre Mitarbeiter, den Blick über die Stadt von ihrem Büro im 13. Stock aus in der Masurenallee, „dieser Himmel über Berlin“, und versucht dabei, nicht wehmütig zu klingen.