Kultur

Fotos, Sekt und alte Ausweise

Vor 20 Jahren verhüllten Christo und Jeanne-Claude den Reichstag. Die Dokumentation ist jetzt dort zu sehen

Was für ein verrückter Berliner Sommer! Im Juni 1995 begann der Zauber, als Christo und seine Frau Jeanne-Claude den Reichstag in 100.000 Quadratmeter Silbergewebe steckten und Seile drumherum wickelten wie um eine Geschenkpackung. Die Menschen strömten in die Stadt, die Rasenfläche vor dem Reichstags wurde bis weit nach Mitternacht zum Picknickareal. Die allgemeine Fröhlichkeit und Leichtigkeit steckte alle irgendwie an. Manche lagen einfach nur auf dem Rasen, schauten den schimmernden Koloss an wie ein Weltwunder. Bei Sonnenuntergang war die Stimmung am besten, je nachdem, wie das Licht einfiel, veränderte das Silber seine Farbe ins Beige hinein. Berlin war anders.

20 Jahre später ist Christo, 80, zurück in Berlin – die Dokumentarausstellung „Wrapped Reichstag“ wird für die nächsten 20 Jahre auf der Plenarebene des Parlaments zu sehen sein. Lebensgroße Zeichnungen sind dabei, Collagen, Urkunden, ein raumfüllendes Modell und historische Fotos, die Christos über 20-jähriges, hartnäckiges Werben illustrieren. Annemarie Renger mit steiler, blonder Hochfrisur, Christo mit Hippie-Haar. Herrliche Mode. Die Bundestagsabgeordneten können sich die Bilder anschauen, wann immer sie wollen. Für die Öffentlichkeit geht es nur mit Voranmeldung und Führungen – ein bisschen elitär ist das schon.

Die Eröffnung durch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Mittwochabend gleicht einem Veteranentreffen. Lammert gehörte damals zu der „kleinen, fast sektenartigen Gruppe von erklärten Irren“, die an Christo glaubten. Küsschen hier, Küsschen dort, Umarmungen. So viel Emotionen sind selten in den hohen Hallen des Deutschen Volkes. „Dear, dear Rita“ jubelt Christo, die ehemalige Bundestagspräsidentin Süssmuth brachte sein Projekt auf den Weg. Mittendrin Bürgermeister Eberhard Diepgen a. D., Anwalt Peter Raue, Politiker Peter Conradi, Mäzen Dieter Rosenkranz.

Natürlich sind auch Christos treue Weggefährten Michael S. Cullen, Wolfgang Volz und Roland Specker dabei. Alte Ausweise werden herumgezeigt. „Cool“, sagt einer. „Damit komme ich heute nicht mehr rein“, scherzt Wolfgang Stucke, der damalige Ingenieur. Keiner hat sich verändert. Stimmt. Nee, stimmt nicht. Noch ein Glas Sekt, bitte.

Vorne am Mikrofon steht Lars Windhorst, artig, mit gefalteten Händen, ein wenig angestrengt. Der 39-Jährige Unternehmer hat das Konvolut von Christo erworben. Mittels eines Leihvertrages stellt er es dem Bundestag für zunächst 20 Jahre zur Verfügung. In den 90er-Jahren galt er als „Wirtschaftswunderkind“, bis er Insolvenz anmeldete. Nun steht er hier und weiß, was viele denken. „Es ist kein Marketing“, sagt er. Finanziell hat er sich offenbar erholt. Und was poliert das Image besser auf als ein internationales Kunstprojekt? Jedenfalls unterstützt er angesehene Institutionen wie C/O Berlin und die Serpentine Gallery in London. Die Kaufsumme? Bleibt geheim. Ein Preis von acht, neun Millionen Euro kursiert. Christo hatte anfangs mit zehn Millionen kalkuliert.

Wolfgang Stucke erzählt, was er damals nicht erzählen durfte. Kein Wort über die Konstruktion, hatte ihm die 2009 verstorbene Jeanne-Claude gesagt. Die Verhüllung ist Kunst – und Kunst ist auch Marketing. Doch die Verpackung musste getestet werden, am Bodensee gab es ein ähnlich großes Gebäude, das kurz verhüllt wurde. Zuerst aber haben Stucke und sein Team auf der Landebahn eines alten Russenhangars nahe Berlin das meterlange Gewebe in Falten gelegt. Das ist nun lange vorbei. Christo kommt vorbei. „Hello, hello“. Es ist Christo-Tag.