Peggy Guggenheim hatte nicht nur einen extravaganten Geschmack, sondern auch Geld und Mut genug ihn umzusetzen. Für ihr neues Apartment in Manhattan suchte sie nach der Trennung von Max Ernst 1943 noch etwas für ihr langes, schmales Entree. Irgendwie kam sie auf Jackson Pollock, der damals noch nicht bekannt war. Das wollte sie ändern, schließlich ging bei ihr die Kunstsociety ein und aus. Eigentlich sollte Pollocks Malerei direkt und pur auf die Wand aufgetragen werden, wie es damals modern war.

Doch dann bekam die New Yorker Mäzenin und Sammlerin den Tipp, lieber auf Leinwand zu gehen. Bei Umzug oder etwaigem Geschmackswandel hätte das sonst den sicheren Tod für jede Kunst bedeutet. Dafür musste der Künstler eine Wand in seinem Atelier einreißen lassen, für die meterlange Leinwand war sie einfach zu klein. Nicht zu klein sind die Wände in der Kunsthalle der Deutschen Bank, wo die millionenschwere „Mural“ nun für vier Monate hängen wird. Ein ziemlich dekorativer Fries aus Schlingen, Schlieren und Schlündern, noch nicht ganz abstrakt. Sind es Tiere, Menschen? Auf jeden Fall gibt es Bewegung, die wie Wellen durch das Bild schaukelt. Die Farbe ist noch gezähmt. Pollock-Fans werden ins Kunsthaus Unter den Linden pilgern wie an einen Wallfahrtsort. Wir stehen vor „Mural“ und sind enttäuscht, leuchtender haben wir uns das Gemälde vorgestellt, intensiver in der Farbe. Zumal es viele Monate lang aufwändig durch das Getty Institute restauriert wurde.

Er malte mit Körpereinsatz, holte das Bild von der Staffelei

Zuletzt war das Bild im Guggenheim Museum in New York zu sehen. Nur als Leihgabe, es gehört zur Sammlung des Museum der Universität Iowa. Weil Mrs. Guggenheim, als sie New York Richtung Venedig verließ, der Universität in Iowa ihren Pollock vermachte. Kaum zu glauben, die Institution galt damals als eine der innovativsten Kunstschulen des Landes. Nicht alle Professoren waren wohl glücklich über das generöse Geschenk, „ihnen waren die paar Dollar für den Transport zu teuer“, berichtet der Kurator David A mfam.

Vielleicht gefiel „Mural“ einigen Professoren gar nicht. Aber das würde Anfam nie sagen, für ihn ist Pollock der Hero der amerikanischen Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gleichzusetzen mit Picassos „Les Demoiselles“ von 1907. Mit einem Mythos macht Anfam dann doch Schluss, dass „Mural“ in nur einer einzigen Nacht in einem Rausch entstand. Es waren mehrere Monate, wie eine Analyse der Farbschichten gezeigt hat. Ein bisschen Mythos gibt es dann doch, als Pollock das Bild im Winter endlich aufhängen wollte, drehte er durch und nervte Mrs. Guggenheim, sie soll ihm, verdammt noch mal, endlich helfen. Da hatte er wieder mal etliche Flaschen intus, platzte splitternackt in eine Party. Schließlich packten Marcel Duchamp und ein Handwerker mit an.

Eins ist klar, Jacksons krempelte damals die ganze Kunstwelt um, beeinflusst Künstler bis heute. Gegenüber von „Mural“ hängt Andy Warhols „Yarn Painting“, bunte Farbschlingungen, dünn wie Fäden, spontan im Schwung. Pollocks Nachlass hängt heute in den größten Museen der Welt. Die Kunstmarktpreise – utopisch.

Pollock hat Schluss gemacht mit der Begrenzung des Bildes durch einen Rahmen, holte es von der Staffelei auf den Boden. Er schmiss Sand und Nägel auf die Leinwand. Wenn er überhaupt den Pinsel benutzte, dann wie einen Schlagstock, die Farben spritzten wild umher. Für ihn war die Leinwand ein vitales, brutales Kraftfeld – mit allen Mitteln des Körpereinsatz: die Geburt des Action Paintings. Eine Revolution in der Malerei – so radikal im Zugriff war keiner vor ihm. Mit den „Drip Paintings“ begann er 1947. Bald nannte man ihn „Jack the Dripper“.

„Mural“, das versteht man schnell in dieser klugen, übersichtlichen Ausstellung, ist ein Bild auf dem direkten Weg zu den abstrakt-expressiven „Drip Paintings“. Sein malerischer Befreiungsschlag und auch sein größtes Werk, na ja, Peggy Guggenheim hatte wegen ihres Flures auf diese Maße gepocht. Unter den Meisterwerken ist es das unbekannteste, es hing die meiste Zeit in Iowa. Die Schau führt vor, wie der Künstler vor „Mural“ an viel kleineren Formaten arbeitete, figürlich wie man am „Icarus“ (ein weißes Strickmännchen) oder an „Bird Effort“ sehen kann. 1935 bis 1938 entstanden die 15 bis 19 Zentimeter großen „Panels A-D“ auf Hartfaserplatten. Ein strenger, abstrakter Mini-Mini-Pollock. Interessant ist auch Pollocks Beziehung zur „Action Photography“, eine Foto-Schau, die 1943 im MoMA lief, als er gerade an „Mural“ arbeitete. Reihung und Rhythmus – ein Prinzip, das ebenso in „Mural“ auftaucht. Auch ein Held braucht Inspiration.

Kunsthalle Deutsche Bank, Unter den Linden 13/15. Tgl. 10 bis 20 Uhr. Bis 10. April 2016