Theater

Die Karamasow-Saga als großes Kino

Frank Castorf vollendet seine Dostojewski-Dramatisierungen. In den ersten sechs Stunden ist man gut dabei, die siebte wird zur Quälerei

Zum Abschied wirft Volksbühnen-Intendant Frank Castorf seinem Publikum einen dicken Brocken hin: „Die Brüder Karamasow“, nach Dostojewskis letztem, gut 1200 Seiten umfassenden Roman. Castorf schließt damit auch ästhetisch an seine Dramatisierungen von „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Dämonen“ an, legt zeitlich aber noch ein bisschen was drauf. Als das Publikum gegen 0.30 Uhr erlöst ist, hat es sechseineinhalb Stunden Castorf hinter sich – mit einer Pause nach knapp zweieinhalb Stunden. Eine Herausforderung, nicht nur sitztechnisch. Die siebte Stunde wird zur Qual.

Es ist die letzte Arbeit von Bert Neumann, dem Chefausstatter der Volksbühne, der mit seiner Agentur LSD das Corporate Design der Volksbühne in der Ära Castorf entwickelt hat – und im Sommer 54-jährig überraschend gestorben ist. Neumann hat den Zuschauersaal ausgeräumt, die Spielfläche zieht sich cinemascope-artig längs durch den Raum. Ein Teil der Besucher nimmt auf schwarzen Sitzkissen Platz, ein anderer Teil auf Plastikstühlen, die auf einem Podest auf der Bühne stehen. Auf einer großen Leinwand wird das Geschehen live übertragen, wenn sich die Schauspieler in der Sauna, im Esszimmer einer Holzhütte oder im drogengeschwängerten Jugendzimmer aufhalten. Sie tun das ziemlich oft. Kino Karamasow. Dieser Videoeinsatz, der zentraler Bestandteil von Castorfs Ästhetik wurde, ist Segen und Fluch zugleich.

Dass dieser große Theatermann in seiner Karamasow-Inszenierung, die als Koproduktion mit den Wiener Festwochen im Mai in der österreichischen Hauptstadt Premiere hatte, sich ein paar selbstreferenzielle, fast wehleidige Einschübe wie „Das hiesige Publikum hat genug von mir. Aber weh tut’s doch!“ gönnt, hat er eigentlich nicht nötig. Castorfs Vertrag war im Frühjahr von Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) lediglich um ein Jahr bis zum Sommer 2017 verlängert worden, um ihn dann nach 25 Jahren Volksbühnen-Intendanz in den Ruhestand zu schicken und mit dem Londoner Museumsmann Chris Dercon einen künstlerischen Neuanfang an diesem Haus zu wagen. „Wir lernen jetzt Englisch und üben Performances“, heißt es mehrmals in „Karamasow“ – und zum Schluss tanzt das ganze Ensemble schön unbeholfen.

Frank Castorf, 64, hat noch einmal seine Kerntruppe versammelt. Hendrik Arnst, der den Regisseur noch aus Anklam kennt, spielt den alten Karamasow, den Hedonisten, ein bisschen fies, ein bisschen schmierig. Er konkurriert mit dem ältesten Sohn Dmitri, der bei Marc Hosemann vom ersten Augenblick an unter Strom zu stehen scheint, um dieselbe Frau. Die Gruschenka hat einen etwas zweifelhaften Ruf, Kathrin Angerer kaschiert die Bosheit mit Eleganz, wenn sie in der „Duell der Königinnen“-Szene Katerina Iwanowna (Lilith Stangenberg) stilvoll beleidigt.

Frank Büttner brüllt sich als Vater Ferapont die Seele aus dem Leib. Rakitin (Patrick Güldenberg) duelliert sich wortreich mit dem jüngsten Karamasow-Sohn Aljoscha (Daniel Zillmann), einem Gutmenschen, dem die 14-jährige, im Rollstuhl sitzende Lisa (Margarita Breitkreiz) den Kopf verdreht. Aljoschas Bruder Iwan, ein tolles Comeback von Alexander Scheer, stiftet den Bediensteten und mutmaßlichen Halbbruder Smerdjakow (Sophie Rois hätte man gern in einer größeren Rolle gesehen) mit Geld zum Mord am Vater an. Allerdings vernachlässigt Castorf die Krimihandlung des Romans zugunsten der philosophisch-grundierten Ost-West-Diskurse.

Dass er kein Ende finden kann, hat der Volksbühnen-Intendant kürzlich in einem Interview eingeräumt. Seine „Karamasow“-Inszenierung zeigt das leider auch. Castorf bietet drei Enden an, die letzte Variante mit Jeanne Balibar als ausgiebig französisch parlierenden Teufel (mit Schwanz!) martert dann doch das Publikum. Dass sich ebenso sicher schon bald nach Castorf sehnen wird.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 20., 22., 27. und 29. November, Tel. 240 65 777.