Kultur

Ganz schön erfolgreich

Dranbleiben: Jojo Moyes legt die Fortsetzung zu ihrem Erfolgsroman „Ein ganzes halbes Jahr“ vor

Der Text auf dem Buchrücken holt den Leser da ab, wo ihn die britische Autorin Jojo Moyes am Ende des Vorgängerromans hat stehen lassen. „Sechs Monate hatten Louisa Clark und Will Traynor zusammen. Ein ganzes halbes Jahr. Und diese sechs Monate haben beide verändert.“ Ja, denken sich die bereits mit dem Werk von Moyes vertrauten Leser, das ist richtig. Das „ganze halbe Jahr“, so auch der Titel des Bestsellers von 2012, hat tatsächlich seine beiden Protagonisten verändert. Vor allem für Will. Der ist nämlich jetzt tot.

Jojo Moyes’ Liebesgeschichte von der unkonventionellen Louisa Clark mit ihrem Arbeiterklassenhintergrund und dem durch einen Unfall aus seinem Jet-Set-Leben katapultierten Will Traynor hat eine Erzählung aufgegriffen, die wir so ähnlich schon tausendmal gelesen haben: Lebenslustige Frau aus der Unterschicht gibt lebensmüden Mann aus der Oberschicht durch ihre Liebe die Freude zurück. Auch wenn im vorliegenden Fall der Mann sich am Ende gegen das Leben entscheidet, so ist doch die Faszination der Leser an solchen Geschichten ungebrochen. Und Moyes gelingt es, diese Geschichte neu zu erzählen. Das liegt vor allem an ihrem Stil. Die Story von Aschenputtel und dem Prinzen mag alt sein, hier aber wird sie in die Gegenwart geholt. Mit Humor, mit Gefühl fürs Timing und mit Ironie während der kitschigen Momente, sodass die ganz großen Emotionen auch mit halbem Ernst gebrochen werden können.

Ihr letztes Werk war daserfolgreichste Buch 2013

Das Buch hat sich extrem gut verkauft: weltweit über fünf Millionen Exemplare, allein in Deutschland weit über eine Millionen. Der erfolgreichste Roman des Jahres 2013. Er wurde in 34 Sprachen übersetzt, 40 Wochen hielt sich der Roman auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Im Juni 2016 soll nun der Film zum Buch erscheinen. Und auch hier hat man auf den Publikumserfolg gesetzt: Emilia Clarke, Starbesetzung aus der Serie „Games of Thrones“, spielt die Rolle der Louisa Clark, Sam Claflin, bekannt aus „Tribute von Panem“, übernimmt den Part des gelähmten Will Traynor, und mit Matthew Lewis hat man sich auch noch einen der Schauspieler aus der Verfilmung von „Harry Potter“ gesichert. Millionen von Teenagern und Ex-Teenagern werden allein wegen der Darsteller ins Kino gehen.

Aus finanzieller Sicht ist es also nur folgerichtig, dass Jojo Moyes auch schreiberisch an ihren Erfolg anknüpft. In der jetzt bei dem zu Rowohlt gehörenden Verlag Wunderlich auf Deutsch erschienen Fortsetzung „Ein ganz neues Leben“ spielt die britische Autorin ihr Handeln in der Sache naturgemäß runter. Nicht sie, sondern der Leser sei schuld an der Weiterdrehe. „Seit Jahren fragt ihr mich immer wieder, wie Louisas Leben weitergegangen ist“, erklärt sie im Vorwort. Und dann sei ihr, eines Morgens um halb sechs, tatsächlich die zündende Idee dazu gekommen.

Was diese Idee allerdings gewesen sein könnte, das ist für den Leser von „Ein ganz neues Leben“ nicht ganz ersichtlich. Ist es die verlorene 16-jährige Lily, die ihrer neurotischen Mutter und dem verhassten Stiefvater entfliehen will und sich in Louisas Leben einnistet? Oder ihr Besuch in der Trauergruppe, in der Lou lernen will, wie man weiterlebt, wenn der Mensch, mit dem man das tun wollte, nicht mehr da ist? In der sie sich damit auseinandersetzt, ob sie nicht doch etwas hätte tun können, damit Will seinem Leben nicht durch Sterbehilfe ein Ende setzt. Oder ist es doch eine neue Liebesgeschichte, wie die zum Sanitäter Sam, der seinerseits versucht über den Verlust seiner Frau hinwegzukommen?

Drei Frauen, die auf andere Weise verloren sind

Ähnlich wie Lou, die Heldin, sich nicht so richtig entscheiden kann, wie denn nun dieses „ganz neue Leben“ aussieht, das sich vor allem Will für sie gewünscht hat, kann sich Moyes, die Autorin, nicht dafür entscheiden, wie die vom Markt erwünschte Fortsetzung eigentlich aussehen soll. So springt die Geschichte von Lou nach Will etwas hin und her und verliert unterwegs leicht an Spannung.

Eine Sache aber hat sich deutlich geändert. „Ein ganzes halbes Jahr“ folgte streckenweise noch sehr dem Märchenschema in modern, in ihrem neuen Buch aber befreit Moyes sich und ihre Frauenfiguren. Wir lernen hier drei Frauen kennen, die zwar auf unterschiedliche Weise verloren sind, aber nicht mehr von einem starken Mann gerettet werden müssen. Das schaffen sie schon selbst. Diesen Moment der Emanzipation in das Genre des Schmökers einzuführen, ist ein schöner Verdienst der Autorin.

Auch ohne großen Konflikt liest man den Roman gern. Er ist leicht geschrieben, gewohnt gut erzählt, genügend vorhersehbar, um große Leserscharen zu binden, und birgt doch immer wieder Überraschungsmomente. Moyes ist keine große Erzählerin, aber sie ist eine begnadete Handwerkerin, und ihre Hauptfigur ist ihr so sympathisch gelungen, dass man sich am Ende dieser Fortsetzung freut, dass auch hier wieder ein Anfang drinsteckt, so wie beim letzten Mal. Es wird also ein drittes Buch über Louisa Clark geben. Im deutschen Titel wird dann auf jeden Fall das Wort „ganz“ vorkommen. Ist doch ganz schön, oder?