Kultur

Grunewaldstraße 87 – eine Spekulationsgeschichte

Wie ein Schöneberger Altbau zum „Horrorhaus“ wurde

Journalisten neigen zu Übertreibungen, das bringt der Beruf mit sich. Aber im Fall der Grunewaldstraße 87 war es wohl nicht verkehrt, von einem „Horrorhaus“ zu sprechen. Der Begriff hatte sich im Sommer schnell eingebürgert für das denkmalgeschützte Gründerzeitgebäude in Schöneberg. Im Hof stapelte sich der Müll, Möbel und Fäkalien in Plastikbeuteln flogen aus den Fenstern, überall machte sich Schimmel breit. Permanent gab es Schlägereien und Lärm, die Polizei war Stammgast, manchmal sogar mit dem Sondereinsatzkommando. Besorgte Nachbarn hatten sich zu einer Initiative zusammengeschlossen. Sie sorgten sich um die Sicherheit in ihrer Straße. Aber sie wehrten sich auch, als die rechten Schreihälse von der NPD versuchten, das Thema für sich zu vereinnahmen.

Denn zum Problem gehörten Roma-Familien. Irgendwann in einer Septembernacht des Vorjahrs waren Klein­busse vorgefahren. Der Eigentümer des Hauses hatte gewechselt, dann kamen neue Mieter. Es gab 40 leere Wohnungen in dem Haus, alle marode und dringend sanierungsbedürftig. Zuerst zogen nur 15 Menschen in das leer stehende Hochparterre ein, bald wurden es mehr. Sie lebten dort unter unwürdigen Bedingungen. Die Grunewaldstraße wurde eine Art Sammellager für Armutsflüchtlinge – ein Lager in erbarmungswürdigem Zustand.

Die Berliner Dokumentarfilmerin Mosjkan Ehrari hat mit „Raus hier! Die Roma und die Nachbarn“ einen eindrucksvollen Film über die Zustände in der Grunewaldstraße 87 gedreht, eine Dokumentation aus dem Herzen eines Kiezes, wie man sie sich öfter wünschen würde: mit Nähe zu den Menschen und der nötigen Distanz zum Geschehen. Es beginnt mit einem riesigen Container, der vor dem Haus abgestellt wird. Die leeren Wohnungen sollen entrümpelt und mit Stahltüren verschlossen werden, damit sie nicht wieder in Beschlag genommen werden.

Wir lernen Anne und Steffen kennen, die vor zwei Jahren in die Gegend zogen, weil sie dachten, es sei ein guter Ort für Familien – bis sie merkten, was in der Hausnummer 87 vor sich ging. Und wir machen die Bekanntschaft der Rumänin Olga, die seit einigen Jahren dort lebt und nun fürchtet, vor die Tür gesetzt zu werden. Ihre Miete wird bar eingetrieben, 450 Euro im Monat für eine feuchte Einzimmerwohnung mit Toilette auf dem Treppenabsatz.

Wie es so weit kommen konnte, dafür gibt es Erklärungen. Baustadträtin Sibyll Klotz lässt sie im Film vorsichtig durchblicken: Die Einquartierung der Roma-Familien sei wohl eine Methode gewesen, die verbliebenen Altmieter zur Kündigung zu bewegen, um das Haus schließlich profitabel zu sanieren. Eine Methode, die auch noch Mieten erwirtschaftete. Der Eigentümer, der sich vor keiner Kamera zeigt und mit Journalisten nicht reden will, bestreitet diesen Verdacht schriftlich. Für die Folgen ist das einerlei: Wer kann, verlässt das Haus in Schöneberg. Es leert sich. Roma-Familien, die unerlaubt wieder einziehen, müssen wieder raus. Sie ziehen in den Park, mit Kindern und Matratzen. Im Film sieht das schon schlimm genug aus. Aber da ist noch Sommer.

In diesen Monaten lesen und hören wir täglich von den Flüchtlingen, die Berlin erreichen, in Zügen und Bussen aus dem Süden. Journalisten besuchen die Notunterkünfte und berichten aus ihnen. Mosjkan Ehraris Film beschreibt, wie Flüchtlinge in der Mitte eines Kiezes ankommen – und er macht auch klar, dass die Nachbarn in ihrer Sorge nicht zwangsläufig zu Ausländerfeinden und Wutbürgern mutieren. Sie wollen helfen, sie haben Verständnis, es sind weltoffene Menschen. Das ist das Schöne an dieser oft bedrückenden, guten Dokumentation.

„Raus hier! Die Roma und die Nachbarn“ ARD, Sonntag, 17.30 Uhr