„Paper Gods“ ist das 14. Studioalbum von Duran Duran und sicher nicht das Schlechteste. Die vier Mittfünfziger, die vor über 30 Jahren New Wave mit Pop und einer Riesenportion Hedonismus paarten und für ihre dekadenten Videos zu Welthits wie „Wild Boys“ oder „The Reflex“ gerühmt und bisweilen auch geächtet wurden, haben ein sehr zeitgemäßes Album gemacht. Wir unterhielten uns mit Sänger Simon Le Bon, 56, im Londoner „Soho Hotel“.

Berliner Morgenpost: Simon Le Bon, fühlen Sie sich wohl in Deutschland?

Simon Le Bon: Sehr. Ich kenne mich gut in Köln aus, dort bin ich häufiger. Ich habe Verwandtschaft in Meckenheim, das liegt bei Bonn.

Sie haben Verwandte in Meckenheim?

Ja. Meine persische Familie lebt dort, die Angehörigen meiner Frau. Das sind tolle Menschen, wir besuchen sie recht oft. Ich denke dann immer, was man in Deutschland doch für ein gutes Leben hat. Alles ist so sauber und aufgeräumt, die Deutschen wirken gesund und machen viel Sport. Zumindest die, die ich kenne. Ich glaube, ich könnte mich an das Leben in Deutschland gewöhnen.

Auf Ihrem T-Shirt steht „1978“. Das Jahr, in dem Sie gerne geboren wären?

Das Jahr, in dem die Band geboren wurde! Ich trage unser eigenes Merchandising auf. Ich liebe diese Farbe, diese spezielle Art von Navy-Blau tut meinen Augen sehr gut.

Sie sind seit 30 Jahren mit Ihrer Frau, dem Model Yasmin, geborene Parvaneh, verheiratet. Sind Sie selbst verblüfft darüber, dass die Ehe gehalten hat?

Verblüfft? Nein, das wäre eigenartig, oder? Ich stecke ja selbst mittendrin in dieser Ehe und weiß genau, weshalb sie hält und nach all den Jahren so stark und so stabil ist. Ich hatte das Riesenglück, früh in meinem Leben jemanden zu treffen, der ein guter Mensch ist.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Durch einen irren Zufall. Während wir mit Duran Duran im Fotostudio saßen und Bilder machten, blätterte ich durch ein Modemagazin und entdeckte in einer Anzeige meine Frau. Yasmin war damals schon Model. Ich verliebte mich in ihr Foto, und es gelang mir, mich mit ihr zu verabreden. Daraus wurde Liebe, und daraus wurde Ehe. Ich finde es faszinierend, dass es immer wieder Momente im Leben gibt, an denen du vor Gabelungen und vor Entscheidungen stehst. Je älter du wirst, desto interessanter werden solche Überlegungen.

Sie haben drei Töchter in den Zwanzigern, die studieren und als Model arbeiten. Was wissen sie von Ihren wilden Zeiten?

Meine Töchter fragen schon, aber sie halten sich zurück. Ich glaube, die wollen gar nicht alles wissen. Weil sie sich vor den Antworten fürchten. Sie ahnen, dass mein Leben in ihrem Alter so viel zügelloser war als ihres heute ist, und damit haben sie Recht (lacht). Nicht im Detail nachzubohren, erspart ihnen das Gefühl zu denken, dass ihr Leben scheißlangweilig ist.

Ihre Töchter wären also gerne wilder?

Nein, sie hätten Angst davor. Das geben sie auch zu. Sie sind in einer ganz anderen Gesellschaft aufgewachsen, in einer Gesellschaft der Furcht und Behütung. Als ich jung war, waren die Zeiten ganz andere. Die Bedrohung war elementar, wir hatten Schiss vor dem Atomkrieg und darauf reagierten wir, die Jugendlichen der 70-er, erst mit Punk und dann mit der Dekadenz der New-Romantic-Szene. Mein Gott, wir waren Arbeiterkinder aus Birmingham und träumten diese komplett verrückten Träume, die dann alle wahr wurden. Und heute? Haben die Kids all diese Anspruchshaltung und diese große Fresse und meinen, es stünde ihnen zu, Popstar zu werden. Nur weil sie im Fernsehen ständig mit diesen Castingshows gefüttert werden.

Was ist schwerer aufrechtzuerhalten – eine lange Ehe oder eine lange Bandbeziehung?

Einfach ist weder das eine noch das andere. Ich denke definitiv, dass es da Parallelen gibt. Auf Platz Eins steht in beiden Fällen: Toleranz. Kein Mensch ist perfekt, und wir verstehen uns auch nicht immer grandios. Aber wir raufen uns eben zusammen, weil wir wissen, dass wir unsere Zeit lieber miteinander, als ohne einander verleben möchten.

Gab es für „Paper Gods“ ein bestimmtes Ziel, auf das Sie hingearbeitet haben?

Ja. Das Album sollte sich nach 2015 anhören, neu und frisch. Die „Back to the Roots“-Geschichte hatten wir mit unserer letzten Platte „All you need is now“ erledigt, jetzt wollten wir nach vorne gucken. Dass die DNA von Duran Duran immer noch tief drinsteckt, wir also unverkennbar klingen, ist natürlich klar. Das passiert unbewusst.

Auf der Platte gibt es ziemlich viel Disco – auf „Butterfly Girl“ oder „Danceophobia“ zum Beispiel.

Richtig. Das ist eine Straße, die wir immer wieder gern hinuntergehen. Wir wuchsen mit Disco und Clubmusik auf. „Butterfly Girl“ ist außerdem inspiriert von Kraftwerk. Disco trifft Kraftwerk, das finden wir super.

An einer „Danceophobia“, also der Angst davor zu tanzen, dürftet ihr Jungs dagegen nie gelitten haben, oder?

Oh, doch. So einen Song kannst du nicht schreiben, wenn du das Gefühl nicht kennst. Wir waren, wenn überhaupt, immer die letzten auf der Tanzfläche.

Dabei haben Sie immer gewirkt wie die supercoolen, selbstbewussten Playboys.

Na ja, das waren wir auch. Wir sind gern und oft durch die Clubs gegangen, um die Mädchen aufzureißen. Nur getanzt haben wir dabei nie. Das wäre kontraproduktiv gewesen (lacht).