Kultur

Komische Oper entdeckt das Anarchische in der Unterhaltung

Die Komische Oper entdeckt im „Kino Varieté: Zwischen Berlin und New York“ den Stummfilm wieder

Der Stummfilm mag etwas altbacken anmuten im Zeitalter der bunten Multimediaunterhaltung. Dennoch steckt im Stummfilm mehr drin als nur Schwarzweißbilder mit Livemusik. Mit dem Programm „Kino Varieté: Zwischen Berlin und New York“ will sich die Komische Oper am Freitag und Sonnabend zusammen mit ZDF/Arte auf diese Ära zurückbesinnen. Neben neuen Partituren zu restaurierten Stummfilmklassikern werden Schattentanz hinter der Leinwand, Operettenmusik oder auch lebensgroße Puppen eine Rolle spielen.

„An der Komischen Oper gibt es das richtige Temperament dafür“, sagt TV-Produzentin Nina Goslar: „Das Anarchische wird in der Unterhaltungsmusik entdeckt“. Für Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Tartüff“, dessen Erstaufführung mit der Musik von Giuseppe Becce 1926 im Berliner Gloria-Palast stattfand, hat Komponist Detlev Glanerts eine neue orchestrale Fassung geschaffen. Weil sowohl Becces originale Partitur als auch die komplette deutsche Fassung des Films verschollen sind, arbeitete Glanert auf Basis eines Klavierauszugs, Exportversionen und weiteren Fragmenten.

Bereits 2002 hat Glanert Murnaus „Der letzte Mann“ neu vertont. Führende Komponisten wie die Österreicherin Olga Neuwirth oder der US-Amerikaner John Zorn, der 2014 an der Berlinale „Das Cabinet des Dr. Caligari“ selber an der Orgel begleitete, haben Musik für die historische Genre geschrieben. Dabei werden alle Filme aus Archivmaterial, das zwischen Berlin, Moskau und der Schweiz lagert, digital restauriert. An der Komischen Oper wird das „Kino Varieté“ zum ersten Mal ausprobiert. Sogar eine Rollschuhtanznummer steht auf dem Programm. Der erste Abend gipfelt in den Gangsterfilm „Regeneration“ (1915) zur Musik des Jazzers Peter Reiter. Um den Geist des amerikanischen Vaudevilles heraufzubeschwören, werden die ebenfalls in New York stattfindende Kurzfilme „The Immigrant“ (von Charles Chaplin) und „Manhattan“ mit neuer Musik des Komponisten und „Ensemble Modern“-Posaunisten Uwe Dierksen gezeigt.

Das Programm knüpft an die Nostalgiewelle des Opernhauses unter Intendant Barrie Kosky an. Es erinnert an jene Zwischenkriegszeit, in der auch Jazzmusik und Filmpaläste im amerikanischen Stil in Berlin in Mode kamen. „Die Stadt war offen und frei“, sagt Chefdramaturg Ulrich Lenz. „Der alte Wust vom Kaiserreich war hinweggefegt“, so Lenz. „Aber man kann das nicht eins zu eins auf heute übertragen, Berlin musste in den Jahrzehnten nach der Wende zu sich finden und ist mittlerweile zu einer blühenden Metropole geworden.“ Die Komische Oper war früher das Metropoltheater, ein Haus für große Revuen und Operetten. Die Schauspieler waren sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand zu erleben. „Die unterschiedlichen Kunstgenres“, so Lenz, „waren nicht so stark voneinander getrennt wie heute.“

Komische Oper: Kino Varieté: Zwischen Berlin und New Yorki, am 16./17.10.Stadtmuseum: Sonderausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ bis 31.1.