Kultur

Auch Kritzeleien beim Telefonieren können Kunst sein

Seine Kunst sollte roh sein, unverfälscht und echt. Der Maler, Grafiker und Bildhauer Jean Dubuffet hatte den Anspruch, sich von allen Regeln der elitären Kunstwelt frei zu machen. Die Kunstbibliothek zeigt jetzt in der Ausstellung „Monsieur Jean Dubuffet“ 200 Objekte seines Werks: Von Street Art bis Kritzelei, alles ziemlich schrill.

Seine Figuren sind verfremdet, reduziert auf die markantesten Merkmale: Ein dicker Bauch, zwei dünne Beine, ein Wasserkopf. Es sind minimalistische Karikaturen, an die sich das Auge erst gewöhnen muss. Die 18 Lithographien aus Dubuffets Serie von 1944 bilden den Anfang der Ausstellung und den Anfang seiner Karriere. Dubuffet gibt erst seinen Job als Weinhändler auf, bevor er sich im Alter von 41 Jahren der Kunst widmet. Den abgehobenen Kunstbetrieb verabscheut er eigentlich. Deswegen will er Bilder malen, die sich davon abheben. Und das macht er. Seine erste Ausstellung in Paris macht ihn dann auf einen Schlag berühmt. Dubuffets Kunst ist eine Mischung aus Graffiti, Kindermalerei, Science-Fiction-Visionen und grafischen Experimenten. Damals wie heute nicht der Duktus realistischer Malerei mit figürlichem Anspruch.

In der Kunstbibliothek ist die kleine Dubuffet-Ausstellung auch deshalb ein harter Kontrast zur nebenstehenden großen Botticelli-Schau. In Zusammenarbeit mit den Sammlungen Walther König und Egidio Marzona konzentriert sie sich hauptsächlich auf seine grafischen Bücher und Gemälde. In Vitrinen sieht man Künstlerbücher, Skizzen und Illustrationen, ja auch Dubuffets Kritzeleien, die er während Telefonaten anfertigte und später verschönerte. Es ist genau dieser unbewusste, ungezwungene Umgang mit Kunst, der ihn faszinierte. In seinen Augen konnte jeder ein Künstler sein. Unter dem Begriff „Art Brut“, was etwa „brutale Kunst“ bedeutet, sammelt er Bilder von Autodidakten, Kindern, Gefängnisinsassen. Nähert sich immer mehr dem Abstrakten, dem Rohen an. Für den Besucher mag das manchmal irritierend wirken. Aber Dubuffet, der 1985 in Paris verstirbt, ist nicht nur Maler. Er beschäftigt sich auch mit Musik, Theater, Bildhauerei.

Dubuffet, ein Freigeist, kreiert seine eigene Sprache, losgelöst von Grammatik und Rechtschreibung, er vertont eigene Gedichte und erarbeitet riesige Plastiken, die er in Theaterstücken einsetzt. Diesem Medienmix soll auch Tribut gezollt werden. Nähert man sich den Vitrinen mit seinen wilden Arbeiten im vierten Teil der Ausstellung, dann plärrt Free Jazz aus den Lautsprechern, manchmal auch nur schrille Töne. Das zerreißt jäh die Stille in dem kleinen Raum. Deshalb gelingt es auch nicht, Dubuffets Werk hier lebendig werden zu lassen. Seine Karikaturen, seine Filzstiftkritzeleien, seine Poesie. Alles wirkt eingesperrt hinter dem Glas der Vitrinen und sehr unfrei.

Kunstbibliothek, Kulturforum. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 17. Januar.