Der neue Haustarifvertrag fürs Staatsballett Berlin soll noch im Laufe des Oktobers unterschrieben werden, sagt Rolf Bolwin. Im Vorfeld hatte es Arbeitskämpfe darum gegeben. Insgesamt acht Vorstellungen hatten die Tänzer in der vergangenen Spielzeit bestreikt. Für die Arbeitgeberseite hat Bolwin, der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins in Köln, den Vertrag verhandelt. Im Interview erklärt er, weshalb die Situation in der Berliner Opernstiftung eskaliert ist und warum der vorliegende Vertrag vernünftig ist.

Berliner Morgenpost: Warum gehen Sie gerade jetzt in die Öffentlichkeit, wo Sie doch mit dem ausverhandelten Haustarifvertrag Fakten geschaffen haben?

Rolf Bolwin: Es ist seitens der beiden Künstlergewerkschaften, die den Haustarifvertrag abschließen werden, bereits eine Presseerklärung herausgegeben worden. Da aber immer wieder aufs Neue gefordert wird, man möge doch bitte mit Verdi verhandeln, teilweise seitens der SPD und natürlich von Verdi selbst, finde ich es schon wichtig, dass man einmal klarstellt, was die Position der Arbeitgeberseite ist.

Und was will der Arbeitgeber?

Wir stellen fest, dass es seitens der Tänzerinnen und Tänzer im Staatsballett eine Reihe von Wünschen gibt, um zu für sie besseren Regelungen zu gelangen, als es im Flächentarifvertrag der Fall ist. Wir sind der Auffassung, dass man sich damit inhaltlich auseinandersetzen muss. Solche Besserstellungen in einzelnen Betrieben sind durchaus üblich. Regelmäßig wird das hausintern geregelt, etwas durch Gespräche mit dem Ballettvorstand. Die Berliner Compagnie wünscht sich einen Haustarifvertrag. Den haben wir jetzt verhandelt.

Alle Forderungen seien erfüllt, heißt es vollmundig.

Ganz so steht es in der Mitteilung der beiden Künstlergewerkschaften nicht. Sondern man habe für alle Forderungen eine Lösung gefunden. Es sind ja relativ abstrakte Forderungen zu einzelnen Punkten, die von Verdi vor einigen Monaten geäußert wurden. Daraufhin haben mehrere Workshops mit den Tänzerinnen und Tänzern stattgefunden, in denen hat man versucht herauszufinden, was konkret gefordert wird. Auf dieser Grundlage hat es jetzt die Tarifverhandlungen gegeben. Dass es am Ende immer auf einen Kompromiss zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern hinausläuft, ist selbstverständlich. Aber in vielen Punkten haben wir es so gelöst, wie es sich die Tänzerinnen und Tänzer gewünscht haben.

Kurioserweise wäre der neue Haustarif­vertrag wohl ohne Verdis Druck nie zustande gekommen. Was ist in der Vergangenheit mit den beiden Künstlergewerkschaften schiefgelaufen?

Ich glaube, es geht da um etwas, was wir auch in anderen Ballettcompagnien und manchmal auch bei Schauspielern erleben. Sie sind es nicht gewöhnt, ihre Bedürfnisse über Gewerkschaften an die Arbeitgeberseite heranzutragen. Hätten Sie das in intensiver Form über den Ballettvorstand oder die Künstlergewerkschaften gemacht, dann wären diese Forderungen schon früher beim Deutschen Bühnenverein angekommen. Wir hätten uns dann selbstverständlich damit auseinandergesetzt. Das alles hat nicht stattgefunden. Dann hat sich offenbar jemand von Verdi dorthin begeben und versucht herauszufinden, worum es den Tänzerinnen und Tänzern geht. Dagegen ist nichts zu sagen. Opernstiftung und Bühnenverein waren schnell bereit, sich mit den Forderungen zu befassen. Streiks waren dafür nicht erforderlich.

Sie haben sich an den beharrlichen Forderungen von Verdi abgearbeitet?

Noch einmal: Die Lösungen wurden nicht von Verdi gefunden und auch nicht während der Streiks, sondern in den Workshops, die im Staatsballett veranstaltet wurden, und in den anschließenden Haustarifverhandlungen mit den Künstlergewerkschaften, die bereits für den Flächentarifvertrag einstehen. Es hätte aber auch alles in einer Betriebsvereinbarung geregelt werden können.

Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und die Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) sind jetzt die Unterzeichner?

Davon ist auszugehen. Und ich muss sie mal in Schutz nehmen. Das sind die einzigen Gewerkschaften, die sich seit Jahrzehnten überhaupt nachhaltig um die darstellenden Künstler in Deutschland gekümmert haben. Sie verhandeln mit uns, ohne die Mitgliedschaft des einzelnen Künstlers einzufordern. Sicherlich geht es im Flächentarifvertrag immer um die Mindestforderungen, die sich alle Theater leisten können. Und sicherlich kann sich die Berliner Opernstiftung etwas mehr leisten als kleinere Theater.

Warum scheuen sich die Arbeitgeber, Verdi mit an den Verhandlungstisch zu lassen?

Darum geht es zunächst gar nicht. Wir haben einen einheitlichen Flächentarifvertrag für die darstellenden Künstler. Der gilt in ganz Deutschland. Politisch stellte sich ja in den letzten Jahren die Frage, ob es eine Vielfalt von Tarifverträgen in einem Betrieb oder nur einen geben soll. Das hat jetzt zum Tarifeinheitsgesetz geführt. Wir haben einen einheitlichen Manteltarifvertrag für die Künstler an den Theatern, mit Ausnahme der Orchestermusiker. Was Verdi nun versucht, ist, diesen Manteltarifvertrag mal über Betriebsratsaktivitäten oder jetzt über Streiks beim Staatsballett infrage zu stellen. Das entspricht nicht der politischen Intention, klare Abgrenzungen zwischen den Gewerkschaften herzustellen und einen einheitlichen Manteltarifvertrag zu sichern. Verdi versucht, diesen politischen Willen zu konterkarieren.

Die Tänzer wollen sich aber von Verdi vertreten lassen und fühlen sich bei den Künstlergewerkschaften nicht gut aufge­hoben?

Ich glaube nicht, dass es so ist. Ich sagte es schon: Es gibt generell ein großes Problem bei der künstlerischen Mitarbeiterschaft, sie dazu zu bewegen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Wir haben über 140 Stadt- und Staatstheater, wenn wir nur die öffentlich getragenen Bühnen in Deutschland nehmen. Hinzu kommen noch zahlreiche Privattheater. Es ist schwierig, dass eine Gewerkschaft jetzt von Betrieb zu Betrieb zieht und sie zu überzeugen versucht, sich bei ihr gewerkschaftlich zu engagieren. Unsere Partner sind GDBA und VdO. Wir sind ein freies Land, die Tänzerinnen und Tänzer können auch der IG Metall beitreten. Ich kann und will niemanden daran hindern. Es nutzt uns aber allen nichts.

Was tun Sie, wenn die Tänzer den Vertrag so nicht wollen und Verdi weiter zum Streik aufruft?

Ich würde die Tänzer fragen, worum es ihnen eigentlich geht? Geht es um den Vertretungsanspruch von Verdi oder darum, inhaltlich etwas zu erreichen. Letzteres ist jetzt mit dem vorliegenden Haustarifvertrag geschehen. Ich weiß nicht, ob Streiks wegen Zuständigkeitsfragen überhaupt verantwortlich wären. Das müssen sich alle, vor allem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, mal ernsthaft fragen.