Jörg Thadeusz

„Fernsehmacher fallen manchmal in Kaba-Tüten“

Beim RBB feiert seine Sendung diese Woche Jubiläum: Jörg Thadeusz über gelungene Interviews und schwierige Gäste.

Jörg Thadeusz, Moderator und Journalist, im Café am Roseneck: „Die Leute kennen mein Gesicht, wissen aber nicht mehr, woher.“

Jörg Thadeusz, Moderator und Journalist, im Café am Roseneck: „Die Leute kennen mein Gesicht, wissen aber nicht mehr, woher.“

Foto: Amin Akhtar

Wir treffen uns in Café am Roseneck, da würde man ihn erkennen und grüßen, sagt er. Er würde gern noch prominenter sein, sagt Jörg Thadeusz, so prominent wie Barbara Schöneberger zum Beispiel. Vermutlich nehmen sie sich nichts, moderiert gefühlt doch immer einer der Beiden irgendeine Gala in der Stadt. Am Dienstag nun hat Jörg Thadeusz ein kleines Jubiläum, zum 400sten Mal wird seine Sendung „Thadeusz“ im RBB ausgestrahlt (22:15 Uhr). Gleichzeitig erscheint das Buch „Wie riecht die Queen“, zusammen mit Redaktionsleiter Stefan Frohloff (Kiwi, 464 Seiten, 12 Euro) verfasst, in der 50 Interviews aus den Sendungen nachzulesen sind, von Klaus Wowereit über Daniel Barenboim bis Heike Makatsch.

Berliner Morgenpost: Herr Thadeusz, haben Sie noch Lampenfieber vor einem Auftritt?

Jörg Thadeusz: Ich kenne Lampenfieber. Aber es tritt eher auf, wenn ich auf großer Bühne moderiere. Im Fernsehen bin ich mal mehr, mal weniger angespannt. Das hängt stark vom Gast ab. Es ist wie ein Pilot vor dem Abflug: Nicht nervös, aber man weiß, man sollte sich ab jetzt konzentrieren.

Warum ist Fernsehen einfacher?

Wenn ich in das Studio gehe, ist das wie mein Wohnzimmer. Ich kenne alle, die dort arbeiten und das schon seit Jahren. Auf der Bühne ist das anders, da will der Veranstalter alles möglich, es soll lustig werden, aber die Gäste darf ich auch nicht beleidigen, das ist schon heikler.

Warum interviewen Sie gern?

Es ist immer ein Gespräch zwischen zwei Persönlichkeiten. Da kann alles und nichts passieren. Ich kenne doch die Haltung von vielen Journalisten, die sagen: War ich, kenne ich, brauche ich nicht mehr. Dieses schnelle Urteil erledigt sich sofort, wenn man einen Menschen trifft und sich mit ihm unterhält. Ich erlebe einen Ausschnitt der real existierenden Persönlichkeit und nicht irgendein Zerrbild, das sich der linksliberale Journalist beim Weißwein mal so zurecht denkt.

Wann ist eine Sendung gelungen?

Sie ist gelungen, wenn irgendeine Art von Atmosphäre entsteht. Selbst wenn die frostig ist und es überhaupt keine Annäherung gibt.

Also quasi immer.

Ja. Wir hatten auch einmal eine SPD-Politikerin, die hatte nach Meinung einfach nichts zu sagen oder hatte keine Lust etwas zu sagen und sich selbst genug war. Dann hatten wir eine Schauspielerin, die jedes Gesprächsangebot abgelehnt hatte. Das war eigenartig, Unklar, warum sie überhaupt gekommen war.

Wer war gut?

Iris Berben zum Beispiel. Sie ist ja zu 90 Prozent Atmosphäre. Ich habe sie schon alles gefragt: Zu ihrem Geburtsort, zu ihrer Hippie-Vergangenheit, zu ihrem Hang zur Sozialdemokratie. Aber das ist egal, sie soll noch zehn Mal kommen.

Mit wem möchten Sie nie wieder sprechen?

Das ist nicht meine Haltung, ich gebe nicht auf.

Bei welchem Gast fühlten Sie sich überfordert?

Ganz zu Anfang, bei Julia Jentsch. Und zwar, weil ich sie so hinreißend fand. Mir fielen keine Worte ein. Ich habe dumme Fragen gestellt, und sie hat nichts geantwortet. Aber sie hätte etwas zu sagen gehabt, hätte ich richtig gefragt.

Eine Zeit lang gab es während Ihre Sendung noch irgendwelche Aktionen. Warum haben sie die eingestellt?

Weil sie vom Gespräch ablenken und Blödsinn sind.

Und was war die Grundidee dabei, dass man irgendetwas macht?

Die Grundidee war, irgendetwas zu machen.

Klingt gut.

Wenn man sich manche Sendungen anschaut, fragt man sich: Leute, warum habt ihr jetzt gerade den Drehort gewechselt? Der hat doch gerade etwas interessantes erzählt, der wollte gerade weitererzählen. Fernsehmacher fallen manchmal in Kaba-Tüten und erfreuen sich an ihrem Quatsch. Seitdem Jörg Schönenborn über die großen Zahlen auf dem Monitor wischt, sind ja Wahlanalysen viel spannender geworden. Glaubt er zumindest.

Zurück zu Ihrer Sendung.

Keinen Mensch werde ich am Wegzappen hindern, weil ich Julia Jentsch eine Schokolade reiche. Das muss man aber erst einmal verinnerlichen. Wir haben am Anfang einen Kellner genommen, der war ein Schwarzer. Ich weiß gar nicht mehr, warum. Ich bin Anti-Rassismus-Botschafter meiner Schule, mein Redaktionsleiter ist Mitgründer der Anti-Rassismus-Kampagne „Gesicht zeigen“ – was ist da in uns gefahren? Ich kann es Ihnen sagen: das war so eine Hyper-Ironie, typisch für die Medienbranche, ausgerechnet einen Schwarzen als Bediensteten zu wählen.

Mancher Zuschauer ist irritiert.

Der Zuschauer fragt sich, warum lassen wir denn einen schwarzen Kellner mit weißer Mütze die Getränke bringen und fragt sich, was für ein Quark ist das denn?

Welcher Gast hat sie positiv überrascht?

Ganz ganz viele.

Die Showmaster-Antwort.

Nichts da. Roland Kaiser – was für ein überlegter Mann. Roger Willemsen – in den bin ich leicht verliebt.

Interessant. Wollen Sie dazu mehr sagen?

Ich finde ihn toll. Würde ich auf Männer stehen, er hätte schon so eine Kladde mit Anträgen von mir. Mary Roos war auch so großartig, so offen, so zugewandt.

Welche Frage hätten Sie gern rausgeschnitten?

Ich hatte Klaus Wowereit gefragt, wie er damit leben würde, dass Berlin die brutalsten Polizisten Deutschlands hätte.

Sie waren gerade rabauzig drauf.

Ich wollte einfach zeigen, was für ein knallharter Frager ich bin. Das war natürlich Quatsch.

Interviewen Sie lieber Models oder Politiker?

Politiker. Models sind sehr dünne Frauen, die sich darauf konzentrieren, wie sie aussehen, aber wenig erlebt haben.

Warum tun sich Journalisten so schwer damit, Angela Merkel zu interviewen?

Tun sie doch gar nicht.

Haben Sie schon einmal ein unterhaltsames Interview mit ihr gelesen?

Aber das ist doch keine Geheimwissenschaft. Wenn diese beiden Profis vom ARD-Hauptstadtstudio sich da hinsetzen und in einem 30-minütigen Sommerinterview fünf Themen mit Merkel besprechen wollen – was soll dabei denn herauskommen? Da kommt sie mit Plattitüden locker über die Zeit. Bei uns wird nicht nachgesetzt, es gibt kein Gegenpressing. Michel Friedman hat das übrigens hervorragend gemacht.

Sie haben auf Facebook geschrieben, dass Sie in einer Wichtigtuerbranche arbeiten. Was meinen Sie damit?

Ich hatte das im Krankenhaus geschrieben, nachdem ich mir den Arm gebrochen hatte. Wenn man da miterlebt, was die Pflegekräfte leisten und das mit dem Gejammere von festangestellten öffentlich-rechtlich Redakteuren vergleicht, die über ihre Arbeitsbelastung klagen, dann bekommt man schon Respekt vor den Nachtschwestern. Oder ein Chefarzt – was für eine Verantwortung muss der jeden Tag übernehmen. Da sollten Journalisten froh sein über das, was sie machen.

Sind sie noch Journalist oder schon Prominenter?

Das schließt sich ja nicht aus. Ich wäre gern noch viel prominenter. Letzte Woche wollte ich im Sony-Center einen Film vorab anschauen und da sagt die Rezeptionist: „Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind der Mann von der Telekom.“ Die Leute kennen mein Gesicht, wissen aber nicht mehr, woher.

Mit welcher Frage darf man Sie auf der Straße nicht ansprechen?

Ob ich dicker geworden bin.