Hans von Dohnanyi war zwei Jahre in Haft. Im Berliner Wehrmachtsgefängnis, in der Krankenanstalt Berlin-Buch, im Gestapo-Gefängnis und zuletzt im Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort wurde er am 9. April 1945 gehängt.
In diesen Jahren schrieb er Briefe an seine drei Kinder, an seinen Schwager und Widerständler Dietrich Bonhoeffer und vor allem an seine Frau Christine. Die Briefe wurden mitgelesen, manchmal gelang es ihm auch, Kassiber herauszuschmuggeln, versteckt in Buchdeckeln und Marmeladengläsern. Während er in den Briefen oft sehnsüchtig wirkt und über Alltägliches schreibt, wird er in den Kassibern deutlicher, plant er seine Verteidigung und versucht, noch aus dem Gefängnis heraus seine Frau zu schützen. Die erstmals veröffentlichten Briefe waren im Besitz der Familie, seine Frau Christine konnte sie bei den streng kontrollierten Besuchen an sich nehmen. Von den mehr als 50 Briefen haben wir hier einige Auszüge exemplarisch ausgewählt. Sie sind Zeugnis von Zivilcourage, Überlebenswillen und Liebe. Sie zwingen uns, die bekannte Frage zu stellen: Wie hätten wir gehandelt? Dohnanyi selbst sagte, es sei der Anstand gewesen, der ihn habe so handeln lassen. So sieht man ihn heute auch in Israel: In Yad Vashem ist Hans von Dohnanyi „Ein Gerechter unter den Völkern“.
Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Berlin April – Juli 1943
An Christine von Dohnanyi, 5. und 12. April 1943
Mein süßer, über alles geliebter Engel, mein Liebling Du, mein Muckilein, mein Herzlein, ach, wie soll ich Dich nennen?! Jedes dritte Wort, das ich vor mich hinspreche, fühle, denke, bist Du, seid Ihr, Du und die Kinder! Es ging alles so schnell – ich hatte (wie üblich, und jetzt kommen die Selbstvorwürfe) am Vormittag bis gegen 1 „keine Zeit“, Dich anzurufen. Ich wollte es tun, wollte Dir sagen, dass ich zu schnell weggegangen bin am Morgen, nervös und gehetzt. Ich habe Dir vielleicht weh getan – aber Du bist mir nicht böse, nein? Die Kinder schliefen noch, es war ja Alarm gewesen in der Nacht, ich habe mich von ihnen nicht verabschiedet, um sie nicht zu stören; hätt’ ich’s doch getan! Wann werde ich sie wiedersehen? Dich soll ich bald sehen dürfen – Gott geb’s! Ich habe eine Sehnsucht nach Dir, Deinen Augen, deiner Stimme und – Deinem Lachen, die mich krank macht.
12.4.
Eben komme ich zurück von der ersten Vernehmung. Jetzt weiß ich, wo Du bist. (...) Ich bin nicht fähig etwas zu denken. Das Herz tut mir so maßlos weh. Warum das ?? (…)Um meinetwillen musst Du das erleiden – und ich hätte mir doch lieber – ich weiß nicht was – angetan, bevor ich Dich in eine solche Lage gebracht hätte! (…) Bist Du mir bös? Ich muss Dich bald sehen, ich muss den Morgengruß vom 5. nachholen – ich kann’s sonst nicht aushalten. Man sagt, Du habest alles, was Du brauchst, die Kinder sind, wie ich von Papa höre, wohlauf bei Schleichers. Und mir, mir sind die Hände gebunden, Dir zur Freiheit zu verhelfen. Ich möchte bei Dir sein – anderes zu denken und zu fühlen bin ich nicht imstande. (..)
Anmerkung: Hans von Dohnanyi hatte erst bei der Vernehmung am 12. April 1943 erfahren, dass auch seine Frau festgenommen worden war.
An Christine von Dohnanyi, 1. Mai 1943
Mein über alles geliebter Engel Du! Du bist frei! Frei! Ach, was ist das schön! Wie unendlich dankbar bin ich dafür! Ich fürchte, ich habe mich wie ein kleines Kind benommen, als ich die Nachricht bekam – ich war völlig außer Fassung. Nun muss die Sache ja vorankommen, nun wird sich alles schnell zum Besseren wenden. (…) Wie kann ich je wieder gutmachen, was Du um mich gelitten hast?! Aber welch ein Augenblick, wenn die Tore hinaus sich wieder öffnen! Das Erlebnis hast Du vorläufig vor mir voraus.
Anmerkung: Im Dezember 1943 war Hans von Dohnanyi in der Charité, dort durfte ihn seine Frau pflegen.
Um die Durchführung der Hauptverhandlung in seinem Verfahren vor dem Reichskriegsgericht bis zum erhofften Umsturz zu verschleppen, infizierte sich Hans von Dohnanyi im Mai 1944 mit Diphtherieerregern, die seine Frau in Lebensmitteln in das Gefängnis eingeschmuggelt hatte.
Krankenrevier des KZ Sachsenhausen August 1944 – Januar 1945
An Christine von Dohnanyi, 3. November 1944
Dass ich nur mit Mühe lesen kann, hängt mit der Dir bekannten Lähmung der Augen zusammen, die immer noch nicht recht besser werden will. Aber ich kann wenigstens erkennen, was ich unmittelbar vor den Augen habe, wenn ich geradeaus schaue. Die Thrombose im linken Bein ist tatsächlich (...) verkannt worden. Die Schmerzen sind im wesentlichen fort, bewegen kann ich das Bein ohnedies kaum.
Gestapo-Hausgefängnis Prinz-Albrecht-Strasse Februar – März 1945
Kassiber an Christine von Dohnanyi,
25. Februar 1945
Liebste, Geliebte, mein alles Du! Jetzt haben wir uns ½ Jahr nicht gesehen. Mein heißer Wunsch: Dich sehen! Es ist eine wahnsinnige Zeit, und dass ich Dir und den Kindern jetzt nicht zur Seite stehen kann, ist ein Martyrium für sich. I. Ein paar Dinge für die andern: über Lehrterstr. 3 und was dort bis vor 3 Tagen vorgegangen ist, weiß ich Bescheid. Ich war bis vor drei Tagen einem Sachbearbeiter überantwortet, der an Brutalität nichts zu wünschen übrig ließ. Er glaubte mich dadurch klein zu kriegen, dass er mich ohne jede Pflege einfach verwahrlosen ließ. So ging das drei Wochen. Aber ich habe mich aufs Stinken verlassen. Das hat geholfen. (…) Ich benutze meine Krankheit als Kampfmittel. (…) Zeitgewinn ist die einzige Lösung. Ich muss sehen, vernehmungsunfähig zu werden. (…) Man will jetzt die Sache mit Gewalt abschließen, und das muss verhindert werden. Man hatte mich bisher fast völlig ungeschoren gelassen, weil ich Huppenkothen schon am 24.8. erklärt hatte, man solle sich mit mir keine Mühe geben, ich würde keine Namen nennen. Jetzt, sagt Sonderegger, könne ich niemanden mehr belasten, es sei alles bekannt, und auch sonst erklingen Sirenentöne: man wolle mich bald in ein Krankenhaus schaffen, damit ich gesund würde, habe kein Interesse, mich vor den Volksgerichtshof zu stellen, habe Achtung vor meiner Haltung pp. Alles gelogen!! Jedenfalls davon muss man primär immer ausgehen! Ich fürchte, andere sind auf solche Dinge hereingefallen. (…) V. Zwischen uns ist klar und entspricht ja auch der Wahrheit: dass ich Dich in amtliche Dinge oder solche, die mir vorgeworfen werden, nie eingeweiht habe; dass ich nie Kassiber an Dich hinausgebracht habe.
Kassiber an Christine von Dohnanyi,
8. März 1945
Das Elend um mich herum ist so groß, dass ich das bisschen Leben wegwerfen würde, wenn Ihr nicht wärt. Aber der Gedanke an Euch, Deine große Liebe und meine Liebe zu Dir gibt mir einen Lebenswillen, der so stark ist, dass ich manchmal glaube, er muss sich durchsetzen – und wenn die Welt voll Teufel wär! (oder ob das nur ein Mann dichten konnte, der die Freiheit besaß?) Deswegen habe ich auch vor keiner Infektionskrankheit Angst. Ich weiß genau, ich würde mich mit dem Gefühl hinlegen: Das ist die Lebensrettung nicht nur für mich, sondern für viele andere auch, deren Sache mit der meinen verbunden ist, jedenfalls für Dietrich. (…) Du weißt, wie die Dinge stehen, weißt sicher sogar mehr, als Du mir zugeben willst, weil Du Rücksicht auf mich nehmen willst. Das brauchst Du nicht – ich habe mit allem abgeschlossen, habe so viel gesehen und erlebt hier, dass es nur noch eines gibt, was mich umwerfen würde, und das wäre, wenn Dir etwas geschähe.
Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin und KZ Sachsenhausen März – 9. April 1945
Anmerkung: Am 9. April 1945 wurde im KZ Sachsenhausen das Todesurteil eines nicht autorisierten SS-Gerichts an Hans von Dohnanyi vollstreckt. Der immer noch gelähmte Dohnanyi wurde in einem Sanitätswagen vom Zellenbau zum Erschieß ungsgraben des Lagers transportiert und am dort installierten automatischen Galgen von der Bahre aus erhängt. Nach dem letzten Zusammentreffen mit ihrem Mann am 5. April 1945 hatte Christine von Dohnanyi ihm noch einen Brief geschrieben:
Mein geliebter, guter Mann, nun weiß ich wieder nicht, wo ich mir Dich denken soll. Du sollst gut untergebracht sein, aber mein Herz ist voller Sorge um Dich. Du weißt, dass ich Tag und Nacht bei Dir bin und mit Dir gemeinsam trage, auch was ich nicht mit Dir erlebe. Dazu gibt mir ein langes und schönes gemeinsames Leben die Kraft. Wenn ich doch einmal bei Dir sitzen und Deine Hand halten und bei Dir ausruhen könnte. Was Du mir in den zwanzig Jahren unserer Ehe gewesen bist, ich weiß nicht, ob Du es weißt. Aber dass nur Glück und Liebe mein Herz erfüllen und auch in die dunklen Tage das Licht Deiner Liebe strahlen ließen, das danke ich Dir. Heut sind es 2 Jahre, dass man uns auseinander riss. Räumlich – im Herzen bleiben wir zusammen. Und werden es bleiben über Raum und Zeit hinaus. So werden wir tragen, was Gott uns schicken will. Er schütze Dich und helfe uns allen. So drücke ich Dich an mein Herz, voll Liebe und Dankbarkeit. Gott behüte Dich, Deine Christel

