Allseits bekannt in Dänemark, wenig beachtet überall sonst: Auch 150 Jahre nach seiner Geburt hat sich Carl Nielsen noch immer nicht im internationalen Konzertleben etablieren können. Seine Sinfonien gehören zu jenen geheimen Schätzen, denen Tonträgersammler gern im stillen Kämmerlein lauschen. Dabei hat der Däne alles, was einen erfolgreichen Komponisten ausmacht: Gespür fürs Publikums, genialische Ideen, hohe dramaturgische Dichte. Umso erfreulicher nun, dass Carl Nielsen auf dem Musikfest zu den Schwerpunktthemen gehört. In sechs Konzerten erklingen die Sinfonien Nr. 3 bis Nr. 6. sowie vier Streichquartette. Auch Rattle und die Philharmoniker sind mit dabei.
Der Auftakt gehört dem Mahler Chamber Orchestra im Kammersaal der Philharmonie. Sympathisch natürlich lenkt der Däne Thomas Søndergård das Ensemble durch Nielsens „Sinfonia semplice“, seine letzte Sinfonie. Es ist ein typisches Werk des Komponisten – eine Kombination aus Einfachem und Experimentellem, unvorhersehbar und doch konsequent durchdacht; publikumsfreundlich und zugleich von hohem kompositorischem Anspruch. Ernst und Humor kreuzen apart die Klingen: Ein erregt vibrierendes Fagott bricht plötzlich aus dem Ensemble aus, stiehlt allen die Show; banalstes Jahrmarktgedudel wird zum überraschenden Ausgangspunkt höchst komplexer Stimmballungen.
Das Mahler Chamber Orchestra präsentiert Nielsens Sechste in einer Fassung für 18 Musiker. Statt der üblichen Orchestermasse herrscht flexibles Kammermusizieren. Erfrischend modern und geistesgegenwärtig wirkt dieser Nielsen – mit einem Dirigenten, der sich voll und ganz im Einklang mit dem Ensemble befindet.
Auch Alban Bergs sperriges Kammerkonzert, das zweite Werk des Abends, konnte von diesem eingeschworenen Ensemble profitieren. Zumal mit Geigerin Isabelle Faust und Pianist Alexander Melnikov ein Team hinzukommt, das sich seit Jahren spannende kammermusikalische Duelle liefert. Alban Berg vollendete sein Kammerkonzert im Jahre 1925, zeitgleich mit Nielsens „Sinfonia semplice“. Bis heute wird es von Orchestern gefürchtet und sogar von den meisten Berg-Liebhabern gemieden. Es ist das komplizierteste, strengste Werk des Schönberg-Schülers. Konsequent zwölftönig angelegt, durchdrungen von sämtlichen technischen Formeln der Zweiten Wiener Schule. Die Zahl drei ist allgegenwärtig, vom allgemeinsten Aufbau bis ins kleinste Detail. Die thematisch wichtigsten Tonhöhen gewinnt der Komponist aus den Namen Schönberg, Webern und Berg. Und errichtet dem atonalen Dreierkollektiv – dem Lehrer und seinen beiden Schülern – damit ein riesiges musikalisches Denkmal. Fern von jeder akademischen Nüchternheit erwecken die 13 Bläser Bergs Musik zum Leben.
Felix Stefan

