Eine unglaubliche Geschichte wird aus der Philharmonie über den neuen Chefdirigenten des Rundfunkchors erzählt. Ein bisschen erinnert sie an den Kampf von David gegen Goliath. Gijs Leenaars, 37, hatte für Christian Thielemann, 56, im Januar die Chorpartie von Brahms’ „Deutschem Requiem“ vorbereitet. Als Hauptdirigent probt Thielemann also am Pult der Philharmoniker, während Leenaars fernab in Block B sitzt. Plötzlich ruft Leenaars durch den Saal, jetzt würden die tiefen Streicher aber wirklich für die Sänger zu laut spielen! Und was geschieht? Der Maestro gibt nach. Die Geschichte handelt vom ewigen Machtkampf der verkannten Chordirigenten gegen die übermächtigen Orchesterdirigenten, die am Ende immer den Applaus und den Ruhm bekommen.
Die Anekdote hat nur einen Makel, sie verschweigt etwas. Dass es gar keinen Machtkampf gibt. „Er hat mich gleich in die Proben mit einbezogen“, sagt Gijs Leenaars. „Christian Thielemann war zu mir unglaublich freundlich. Ich hatte schon Geschichten über ihn als Maestro gehört und dachte, naja, mal sehen. Aber er hat mir wirklich vertraut, dass ich ihm reflektiere, wie es im Saal klingt.“ Leenaars hat bereits mit einer Reihe von großen Dirigenten zusammengearbeitet. „Im Allgemeinen ist es so“, lautet sein Fazit, „dass die Topdirigenten im Umgang am unkompliziertesten sind.“
Derzeit probt Leenaars mit dem Rundfunkchor a cappella in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Dort wird er am 19. September mit einem „Late Night Concert“ im Rahmen des Musikfestes seinen Einstand als Chefdirigent geben.
Seit August ist der Niederländer offiziell im Amt, er hat zunächst einen Fünf-Jahres-Vertrag in der Tasche. Leenaars hat den überaus erfolgreichen Simon Halsey abgelöst, der Ende der Saison vom Chor zum Ehrendirigenten ernannt wurde und sich dann zu seiner Familie nach London verabschiedet hat. Der Stabwechsel ist unkompliziert abgelaufen. Die beiden kennen sich schon lange, haben einen ähnlichen Humor und mögen sich. „Ich war schon mal sein Nachfolger beim Niederländischen Rundfunkchor in Hilversum“, sagt Leenaars, „und außerdem ein Jahr lang sein Assistent.“
Gijs Leenaars Karriere klingt unspektakulär. Geboren wurde er 1978 in Nijmegen, seine Eltern sind keine Musiker. Laut Biografie studierte er Klavier, Chor- und Orchesterdirigieren in Nijmegen und Amsterdam. Gleich danach begann seine Zusammenarbeit mit dem Rundfunkchor in Hilversum, deren Chefdirigent er zuletzt war. Aber hinter dem Lebenslauf verbirgt sich auch Leenaars fordernder, ja aufsässiger Charakter. Und er ist ein Typ, der offen darüber spricht. Ursprünglich hatte er ein Vordirigieren als Orchesterdirigent in Utrecht. Aber er habe sich in einer Tempofrage eigenwillig, ja arrogant benommen. Und wurde abgelehnt. Und so studierte er Chordirigieren in Amsterdam.
Wer genauer in seinen Lebenslauf hineinschaut, der wird entdecken, dass Leenaars regelmäßig auch niederländische Orchester dirigiert. Das Holländische Rundfunkorchester hat ihn eingeladen, im Dezember Frank Martins Oratorium „In terra pax“ zu dirigieren. Das ist schon ein großes Projekt. „Aber das Unbedingt-Karriere-Machen habe ich nicht so in mir,“ sagt Leenaars. Und außerdem: „Wer zurück zu den Wurzeln der Musik will, kommt unvermeidlich zur menschlichen Stimme. Und damit zum Chorgesang.“
Das Gespräch mit dem neuen Berliner Chefdirigenten findet nach einer vierstündigen Probe am Marheinekeplatz statt. Leenaars studiert gerade Chorwerke von Schönberg, Bach und Schütz ein. Ein bisschen müde wirkt er schon, aber er trinkt zufrieden seinen Kaffee. „Ich finde die Proben mit dem Chor leicht, weil ich mich ausdrücken kann, wie ich es zu Hause auch tun würde“, sagt er. Der Rundfunkchor nehme ihn sehr sportiv an. „Ich bin ein du, kein Sie“, beschreibt er seinen Umgangston.
Die Holländer, dachte er, bis er nach Berlin kam, immer, seien im Allgemeinen etwas direkter, lockerer im Umgang. „Die Deutschen gelten als formeller und die Differenz zwischen Chef und Angestelltem wird mehr betont“, sagt er. „In Holland ist es normal, dass ein Sänger den Dirigenten unterbricht und an etwas bereits Besprochenes erinnert.“
Ein Chorleiter dürfe in seiner Probenkritik nie persönlich werden, sagt Leenaars: „Es darf nie nach einer persönlichen Beschuldigung klingen.“ Das hänge auch damit zusammen, dass die Stimme etwas sehr Körperliches, Persönliches sei. Anders als bei Instrumentalisten stehe kein Cello oder Kontrabass dazwischen. „Ich möchte nicht in meinem eigenen Chor singen. Ich meckere und unterbreche viel“, sagt er. Aber solche Sätze gehören mit zu seinem trockenen Humor.
Zu Hause wird Swingjazz und Italopop gehört
Mit seiner Familie ist er nach Kreuzberg, dicht an den Park am Gleisdreieck, gezogen. Der Dirigent spricht gern über seine internationalen Familie. Er ist Holländer, seine Frau halb Italienerin, halb Polin. Ihr zweijähriger Sohn habe schon bemerkt, dass die Kinder hier in Berlin anders sprechen. Seine Frau hat amerikanische Literatur studiert und bereits eigene Lyrik auf Italienisch publiziert. Zu Hause hört die Familie Leenaars viel Swingjazz und ab und zu Italopop. „Der ist zwar oft sehr schlimm,“ sagt Leenaars, „aber er hat so eine eigene Wehmut.“
Für seinen neuen Chor wünscht sich der Chefdirigent künftig einen größeren Wechsel von Musikstilen, die Konzerte sollen quer durch die Musikgeschichte führen. „Das ist doch der Luxus des 21. Jahrhunderts“, sagt er, „dass wir das alles haben können.“

