Das Staatsballett ist gerade auf Gastspiel in Madrid. Die Tournee ist dem Berliner Ballettintendanten Nacho Duato, einem Spanier, persönlich wichtig. Er will den Landsleuten seine neue klassische Compagnie und seine Klassiker-Choreografie „Dornröschen“ vorzeigen. Das Gastspiel soll streikfrei über die Bühne gehen, das haben seine Tänzer und ihre Gewerkschaft versprochen. Aber der Tarifkonflikt ist deshalb nicht vom Tisch, nach den Streiks in der letzten Saison, bei denen acht große Vorstellungen ausfielen, droht in Berlin eine weitere Eskalation.

In der Zwischenzeit sind die Ballettsprecher geschlossen zurückgetreten. Und das öffentlich völlig unbemerkt. Sprecher waren zuletzt Mikhail Kaniskin bei den Ersten Solisten, Arshak Ghalumyan bei den Solisten, Kevin Pouzou und Dominic Hodal bei den Demi-Solisten sowie Tommaso Renda und Patricia Zhou bei den Gruppentänzer. Sie wollten sich nicht mehr in die Verhandlungen einspannen lassen, heißt es unter Tänzern. Jetzt stehen sich nur noch die Geschäftsführung, vertreten durch den Generaldirektor der Opernstiftung, Georg Vierthaler, und die Gewerkschaft Verdi gegenüber. Aber man spricht nicht miteinander. Vierthaler glaubt, dass Verdi den Ballettvorstand zum Rücktritt aufgefordert hat, damit es den als Verhandlungspartner nicht mehr gibt. Die Atmosphäre ist seit Monaten vergiftet.

Und die Angst tanzt immer mit. Viele Tänzer haben Jahresverträge, jeweils im Oktober wird die Nichtverlängerung mitgeteilt. Am 12. September startet offiziell die Staatsballett-Spielzeit in Berlin. Nacho Duatos Choreografie „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ steht in der Komischen Oper auf dem Plan. Keiner weiß, ob die Vorstellung wirklich stattfinden wird. Denn die Tänzer wurden über „Hauspost“ bereits am 11. September zu einem Meeting eingeladen, in dem die beiden kleinen Künstlergewerkschaften Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) als „zuständige Tarifparteien“ die Verhandlungen über den neuen Haustarifvertrag übernehmen möchten.

„Das ist, als wenn man sich im Autohaus einen Toyota kauft, und dann stellt dir der Händler am Ausgang einen kleinen Peugeot hin und sagt, der passt aber besser zu dir.“ Den Vergleich bringt einer der Spitzentänzer. Er möchte ebenso wie seine Kollegin, die das Gespräch zugesagt hat, namentlich ungenannt bleiben. Beide befürchten Repressalien. „Es wird immer schmutziger“, sagt er. „Es ist inzwischen so, dass man wirklich Angst hat“, sagt sie. Es werde gerade „massiv versucht, die Tänzer zu spalten“. Nun sind Tänzer von Berufs wegen sensibel.

Bei Verdi gibt es Kaffee, Kekse und Verständnis

Das Treffen findet in einem Verdi-Konferenzsaal statt. Sabine Schöneburg ist zuständig für die Tänzer. Sie hat etwas Mütterliches im Umgang, bietet Kaffee und Kekse an, hört zu und versichert den beiden Tänzern mehrfach, sie zu nichts zu drängen. Zweifellos wird es für die Vertreter der beiden Künstlergewerkschaften am 11. September nicht leicht werden. In der Staatsballett-Leitung ist man geteilter Meinung über die verhandelnde Gewerkschaft. „Wenn die Tänzer bei Verdi sein wollen“, stellte sich Intendant Duato vergangene Woche im Interview mit der Morgenpost hinter seine Tänzer, „dann sollte man das diskutieren und abwägen.“ Wohl wissend, dass „nicht alle in der Opernstiftung und in der Berliner Politik dieser Meinung“ sind. „Die Tänzer werden sich entscheiden müssen“, sagte Vierthaler am Mittwoch, „ob sie sich von Verdi instrumentalisieren lassen wollen oder ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen umsetzen wollen.“ Er hält es für einen „Kampf auf Gewerkschaftsebene“.

Nach einer halben Stunde Gespräch ist klar, warum die beiden Tänzer unbedingt von Verdi vertreten werden wollen. Es heißt, 90 Prozent der Tänzer des Staatsballetts haben sich Verdi angeschlossen. In gewisser Weise ist der geforderte Haustarifvertrag zweitrangig. Es geht offenbar zuerst um das Gefühl, bei bestimmten Problemen ernst genommen zu werden. „Wir werden immer wie naive, junge Tänzer behandelt“, sagt er. Was sich daraus erkläre, dass „das Ballett extrem jung ist. In der achtjährigen Ausbildung werden wir zu extremem Gehorsam erzogen. Das wird schamlos ausgenutzt“.

Die beiden Künstlergewerkschaften genießen offenbar kein Vertrauen. Sie haben nur ein einziges Mitglied im Staatsballett. Es ist gerade mal ein Jahrzehnt her, als aus den drei Compagnien der Berliner Opernhäuser das Staatsballett hervorging. Viele Tänzer blieben bei der Fusion auf der Strecke. Wer bleiben durfte, war glücklich. „Es war Morgenluft“, sagt der Tänzer, der das miterlebt hat, „und das mit einem Star wie Malakhov an der Spitze.“

Inzwischen, so beschreibt er es, gäbe es eine „überdurchschnittliche Belastung, wir haben mehr Vorstellungen als vergleichbare Compagnien, wir haben mehrere Spielstätten und außerdem Tourneen. Über die Jahre hinweg haben wir das Gefühl bekommen, es geht über die Grenzen.“ Aber keiner wollte uns zuhören. „Es steht die reine Wirtschaftlichkeit im Vordergrund“, sagt er. Intern wurde ihnen vorgeführt, wie machtlos sie seien. „Immer wenn wir auf die starke Gesundheitsbelastung hinwiesen“, sagt sie, „hieß es, das wäre aber laut Tarifvertrag“.

Wichtig sind Ruhezeiten, Urlaub und Gesundheitsschutz

Dabei hat die Staatsballett-Leitung bereits früh, im April, auf Forderungen der Tänzer reagiert. Rückblickend erklärt sich manches Hin und Her. Normalerweise würde jeder Außenstehende denken, es ginge zuerst um mehr Geld. Vielleicht auch, weil das Staatsballett offiziell sofort mitteilte, dass die monatliche Mindestgage für Gruppentänzer laut NV Bühne auf 3338 Euro gestiegen ist. Aber der Kampf um den Haustarifvertrag war damit nicht beendet. Und dabei geht es vor allem auch um Ruhezeiten, Urlaub und Gesundheitsschutz. Beispielsweise forderten die Tänzer bei den Ballettsaalproben eine 60-minütige Mittagspause.

Dass die Tänzer sich vor einem Jahr Verdi ausgesucht haben, hätte nichts mit dem Intendantenwechsel von Vladimir Malakhov zu Nacho Duato zu tun. Die Zeit war reif. „Auch zu Vierthaler hatten wir früher ein gutes Verhältnis“, sagt der Tänzer. Jetzt sei es angespannt. „Wir gehen den Weg der Rechtsstaatlichkeit“, sagt Vierthaler. Die beiden Künstlergewerkschaften, die Vertragspartner beim Flächentarifvertrag sind und in der Opernstiftung die 800 Künstler vertreten, erhalten ihre Chance, die 80 Tänzer von sich zu überzeugen. Wenn es schief geht, wissen alle, dann gibt es wieder hässliche Streiks. „Wir wollen nur tanzen“, sagt die Tänzerin: „Aber wenn es notwendig ist?“ Und dabei zuckt sie fast schüchtern mit den Schultern.