Startenöre haben es gut, weil sie in den Opern häufig die eindrucksvollen Figuren aus der großen Literatur verkörpern. So kann der exquisite und ein wenig exzentrische Roberto Alagna seinen Galaabend in der Waldbühne am Sonntag selbstbewusst mit „Shakespeare’s Stars“ überschreiben. Letztlich ist er der Star, denn mehr als Otello oder Romeo geht im Opernbetrieb kaum. Im Laufe seiner 30-jährigen Bühnenkarriere hat der gebürtige Franzose, 52, mehr als 60 Rollen erarbeitet. Regelmäßig war er dabei an der Deutschen Oper zu erleben, wo er auch im Oktober die Titelrolle in Meyerbeers Oper „Vasco da Gama“ singen wird. Dieser Tage erscheint seine neue CD. Alagna hat gerade einen guten Lauf und lacht im Gespräch mehrfach auf.
Berliner Morgenpost: Herr Alagna, sind Sie ein nostalgischer Mensch?
Roberto Alagna: Nein, gar nicht. Wie kommen Sie darauf?
In den letzten Jahren ging es bei Ihren Projekten vor allem um Ihre Vergangenheit. Da ist zum Beispiel Ihre Autobiografie „Tenor aus Berufung“. Da sind die sizilianischen Lieder, mit denen sie aufgewachsen sind und die sie auf CD aufgenommen haben. Und nun Ihr neues Album „My Life Is An Opera“, bei dem man den Eindruck haben kann, Sie würden Ihre Autobiografie mit musikalischen Mitteln fortsetzen …
Okay, ich verstehe, was Sie meinen. Trotzdem sehe ich das ganz anders. Meine neue CD habe ich nicht gemacht, um in der Vergangenheit zu schwelgen. Ich habe sie gemacht, weil ich ein Kapitel meines Lebens abschließen wollte. Und um meinen langjährigen Fans zugleich etwas sehr Persönliches von mir zu geben. Was mich betrifft, fühle ich mich in der Gegenwart viel wohler. Gerade ist so etwas wie ein zweiter Frühling für mich angebrochen. Den möchte ich voll und ganz auskosten.
Ein zweiter Frühling?
Ja, bei mir hat sich in den letzten zwei Jahren sehr viel verändert. Ich habe eine neue Frau, eine kleine Tochter. Eine Familie, die mich braucht und für die ich da sein möchte. Das gibt mir ungeheure Kraft. Auch für meine Auftritte in Berlin.
In den kommenden Wochen sind Sie ziemlich häufig in der Hauptstadt zu sehen. Zunächst auf der Waldbühne mit Ihrer „Shakespeare’s Stars“-Tournee, dann kommen Sie für das nahezu unbekannte Meyerbeer-Werk „Vasco da Gama“ an die Deutsche Oper. Auf welches Projekt freuen Sie sich am meisten?
So denke ich nicht. Ich gebe bei jedem meiner Auftritte mein Bestes, egal unter welchen Umständen ich singe. Auf Open-Air-Auftritte bereite ich mich genauso intensiv und gewissenhaft vor wie auf eine Opernpremiere. Das bin ich meinen Fans schuldig.
Haben Sie schon einmal in der Waldbühne gesungen?
Nein, es wird mein erstes Mal sein. Ich erinnere mich aber noch gut an das Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker mit Claudio Abbado und meiner damaligen Frau Angela Gheorghiu vor etlichen Jahren. Damals saß ich im Publikum. Irgendwann hat es angefangen zu regnen.
Vor sieben Jahren haben Sie ebenfalls Pech mit dem Wetter in Berlin gehabt – damals sangen Sie beim „Classic Open Air“-Festival auf dem Gendarmenmarkt in Sturm und Regen. Ist das Wetter nicht riskant für die Stimme?
Das ist wahr. Aber daran denke ich in solchen Momenten nicht. Im Gegenteil: Ich fand es lustig, als bei den ersten Regentropfen jemand auf die Bühne kam und mir einen Regenschirm über den Kopf hielt. Natürlich hoffe ich, dass wir am kommenden Sonntag Glück mit dem Wetter haben werden. Ich glaube aber, dass es auch mit Regen ein toller Abend für alle Beteiligten werden kann.
Sie kombinieren bei Ihrer „Shakespeare’s Stars“-Tournee Verdis „Otello“ und Gounods „Romeo“ miteinander. Bei einigen Aufführungen anderswo singt Ihre Ehefrau Aleksandra Kurzak als Desdemona und Giulietta an Ihrer Seite. Warum ist sie nun in Berlin nicht mit dabei?
Das hat terminliche Gründe. Ich kann Ihnen aber versichern: Inva Mula, meine Gesangspartnerin in der Waldbühne, wird ebenso fantastisch sein. Wahrscheinlich kennen viele Zuschauer sie unbewusst bereits aus dem Luc-Besson-Film „Das Fünfte Element“. Inva Mula leiht da der außerirdischen Operndiva Plavalaguna ihre Stimme.
Ab 4. Oktober werden Sie an der Deutschen Oper in mehreren Vorstellungen von Meyerbeers „Vasco da Gama“ zu sehen sein. Wissen Sie schon, welche Art von Inszenierung auf Sie zukommen wird?
Noch nicht wirklich. Bisher habe ich mich einmal mit der Regisseurin getroffen und gesprochen. Ich vertraue ihr. Es wird wohl eine recht moderne Inszenierung werden.
Heißt das, Sie sind gegenüber modernen Inszenierungen grundsätzlich aufgeschlossen?
Ja, auf jeden Fall. Man sollte als Sänger immer wieder Neues ausprobieren und Risiken eingehen. Vergessene Opern entdecken, moderne Inszenierungen wagen. In diesem Fall trifft sogar beides zu. Wichtig finde ich es nur, dass die Handlung der Oper für das Publikum immer nachvollziehbar bleibt – auch wenn es vorher nicht ins Programmheft geschaut hat. Wenn das gewährleistet ist, bin ich zu allem bereit!
Vera Nemirova, die „Vasco da Gama“-Regisseurin, könnte vom Alter her Ihre Tochter sein. Ist es für Sie eine ungewöhnliche Situation, wenn Sie Anweisungen erhalten von jemandem, der rund 20 Jahre jünger ist als Sie?
Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Außerdem empfinde ich unsere Zusammenarbeit eher als professionellen Austausch. Wir arbeiten als Team zusammen, profitieren gegenseitig von unseren Erfahrungen. Sicherlich wird es konstruktive Diskussionen geben, das ist bei einer Opernproduktion ganz normal.
Für 2018 sind Sie als Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen angekündigt. War es schwer, Sie zu Ihrer ersten Wagner-Rolle zu überreden?
Und ob. Bayreuth hat mehrmals bei mir angefragt, aber ich habe immer abgelehnt. Ich spreche ja kein Deutsch, hatte mit dem deutschen Repertoire bisher gar keine Erfahrung. Und dann gleich der Lohengrin, diese große, gewichtige Rolle – nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Wie kam es, dass Sie schließlich doch zugesagt haben?
Bayreuth hat einfach nicht lockergelassen. Sogar Christian Thielemann hat mich angerufen und mir gesagt, dass er diesen „Lohengrin“ unbedingt mit mir machen möchte. Letztlich war es aber meine Frau Aleksandra, die den Ausschlag gegeben hat. Sie hat mir Mut gemacht und versprochen, mir beim Deutschlernen zu helfen.
Waldbühne: Shakespeare’s Stars. Roberto Alagna, präsentiert von der Berliner Morgenpost, im Galakonzert am 6. September um 19 Uhr. Tel. 0180-6050400Deutsche Oper, Bismarckstr. 35. Premiere von Meyerbeers Oper „Vasco da Gama“ am 4. Oktober. Er singt die Titelrolle Tel. 34384343CD „My Life Is An Opera“ (Deutsche Grammophon), ab 4. September

