Die Berliner Konzertsaison ist eröffnet. Die Philharmoniker empfingen unter Sir Simon Rattle. Im Foyer der Philharmonie herrschte Galastimmung, im Saal selbst tobte zunächst Schostakowitschs Vierte, ein Werk voller Wut und Verzweiflung. Kurz vor der Leningrader Uraufführung 1936 hatte der Komponist diese regimekritische Sinfonie zurückgezogen – aus Angst vor Stalins Schergen. Erst 25 Jahre später wagte sich Schostakowitsch damit in die Öffentlichkeit. Ihren Ruf als heftigste Sinfonie des Sowjetrussen hat sie sich bis heute bewahrt.
Auch Rattle schont weder Publikum noch Musiker. Er möchte nichts beschönigen, fordert drohende Schärfe und zynischen Spott. Fast überraschend, dass der Chefdirigent im zweiten und dritten Satz die Zügel dann doch etwas lockerer lässt. Die Philharmoniker ergreifen die Gelegenheit, beginnen den langsamen Satz tänzerisch versonnen, bieten plötzlich erstaunlich viel Herz.
Stefan Schweigerts Fagott-Solo zu Beginn des Finales schlängelt sich in schüchterner Schönheit über mild gezupften Kontrabässen. Wie in einem hermetisch abgeriegelten Traumgebilde. Auch wenn man diesen Satzbeginn ganz anders deuten könnte – Rattle erreicht durch diesen Kunstgriff den größtmöglichen Kontrast zum brutal verfremdeten C-Dur-Hymnus gegen Ende des Werks. Alle Träume sind im Nu zerstört, es bleibt der Tod. Und natürlich die befreite Künstlerseele, die über einer esoterischen c-Moll-Fläche schließlich gen Himmel steigt.
Kaum verwunderlich, dass nach diesem intensiven Schostakowitsch-Erlebnis das erste Werk beinahe in Vergessenheit geraten ist: Brittens Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10. Es ist ein Werk, das unterhaltsam daherkommt und trotzdem durch hohe kompositorische Meisterschaft überzeugt. Sein Variationswerk huldigt seinem Kompositionslehrer Bridge auf entwaffnend humorvolle Weise: Jeder Satz stellt eine Charaktereigenschaft Bridges’ dar – darunter „Integrität“ und „Einfühlungsvermögen“, „Ehrfurcht“ und „Charme“. Rattle lenkt den üppigen Streicherapparat in forsche Bahnen, überzeugt durch straffe Tempi und witzige Details. Großes gelingt den Philharmonikern bei dieser Saisoneröffnung. Und Großes hat das Orchester auch in den kommenden Wochen vor: Die Aufführung aller Beethoven-Symphonien steht an, inklusive Tournee nach Wien, Paris, New York und Tokio.
Felix Stephan

