Eigentlich hatte er alles schon geschrieben. Als er dann wieder mal, wie so oft, „einen Satz um drei Ecken lenkte“, fiel ihm beim Zurückblättern auf, dass er diesen Satz vor Jahren schon einmal geschrieben hatte, und zwar „um eine Ecke genauer“. So selbstkritisch hat man Günter Grass ewig nicht erlebt. Aber es kommt noch besser: „Das ist das Ende, rief ich, / aber auch dieser Ruf stand / auf seit Jahren welkem Papier.“ Derlei lächelnde Selbstironie mit doppeltem Boden liest man nun in jenem Buch von Grass, das sein letztes ist und seit dem „Krebsgang“ das beste seit Jahren: „Vonne Endlichkait“, betitelt nach dem letzten und einzigen Gedicht mit dem westpreußischen Zungenschlag aus den Kinder- und Jugendzeit des in Danzig geborenen Nobelpreis-Blechtrommlers.

Mit Prosa-Miniaturen und Lyrik

Und selbstverständlich hatte der am 13. April gestorbene Alterspräsident der deutschen Nachkriegsliteratur mitnichten jeden Satz schon mal geschrieben. Aber über die Sorge, es könnte doch so sein, hat kaum einer so schön geschrieben wie Grass in diesem Buch. Es wechselt zwischen kurzen, höchst sinnlichen Prosa-Miniaturen der Selbstbesinnung hier und Gedichten dort, die aus ganz ähnlichen, nur noch stärker rhythmisierten Prosatexten bestehen. Und es kennt so viel Unter- und Zwischentöne wie schon lange kein Grass-Buch mehr.

Stellenweise zärtlich-zart und wirklich altersweise, voller Verbeugungen – vor Hans Magnus Enzensberger als bester Wolkenbedichter beispielsweise, vor einer großen Erzählerin wie der „vielgeliebten“ Libuše Moníková, vor Jean Paul, Walther von der Vogelweide, Paul Celan und dem genialen Anekdotenerzähler Wolfdietrich Schnurre. Von ihm hat Grass die Geschichte des Tessiner Ehepaars geschenkt bekommen: Es fand sein gestohlenes Auto plötzlich wieder, mit einer Entschuldigung und zwei Karten für die Scala. Und während es dann in der „Tosca“ saß, wurde sein gesamtes Haus leer geräumt… Grass, der als Junge gern von Beruf Wolkenschieber geworden wäre, ist übrigens in diesem Band mit „Himmlisch verstiegen“ ein Wolkengedicht gelungen, das es durchaus mit denen von Enzensberger aufnehmen kann.

Ja, es gibt auch in diesem Buch schwächere Texte: Grobe Versuche, die Tagespolitik kritisch aufs Korn zu nehmen („Fremdenfeindlich“) oder Vorboten des Klimawandels gegen das Finanzkapital auszuspielen („Und dann kam Xaver“). Und der Verfolgungswahn, mit dem der späte Grass Kritiker über einen Kamm schor, bringt ihn sogar dazu, sich neben seinem Ahnvater François Rabelais zu sehen, der zeitlebens von der Inquisition bedroht wurde – ob Grass ernsthaft glaubte, das Echo der Kritik sei wie Scheiterhaufen und Folter?

Aber das sind Randerscheinungen dieses von Grass selbst illustrierten Bandes, dessen Kernstück und einzige längere Geschichte in der Mitte schildert, wie er und seine Frau sich Särge schreinern lassen, probeliegen und beschließen, sich darin auf Laub betten zu lassen, mit Rosenblättern auf den Augen wie es Grass bei Bestattungen in Kalkutta gesehen hatte. Die Ferne allerdings musste sich der Küstenliebhaber am Ende verkneifen, „Nie wieder mit Blick Richtung Marokko, die Wüste / europamüde ein Pfeifchen rauchen. / Nur noch mit Fingern auf Landkarten reisen“, heißt es im „Lamento eines Reisenden, der sesshaft geworden ist“.

Es geht um letzte Krisen in diesem rundum ehrlichen Band, über die manchmal nur ein Zwinkern hinweghilft wie in dem Traummärchen, das vom Tintenfischmelken handelt und beim „Nixenbeglücken“ landet. Aber Grass nimmt „Abschied vom Fleisch“, das nun weniger Lust birgt als die Angst vorm Krebs. Abschied auch von „Opas Geliebter“, von der Olivetti-Schreibmaschine, die auf dem Stehpult hungert nach neuen Texten. Schließlich hatte er noch sieben jener Farbbänder, die ihm einst Studenten in Spanien geschenkt haben, als sie hörten, er fürchte, schon bald nicht mehr schreiben zu können, weil das Computerzeitalter keine Schreibbänder mehr produziert.

Wehmütige Gelassenheit

Es ist die Allgegenwart der Endlichkeit, es ist auch der Tod des Günter Grass, der einen dieses Buch anders lesen lässt als andere. Man sieht mit einiger Rührung impressionistische Tupfer wie „Spurenlesen“: „Seitlich des Wellensaums / komme ich mir – hin und zurück – barfuß im Sand entgegen.“ Und man sieht die Frösche und Kröten, die Grass schon immer gern zeichnete, mit neuen Augen, wenn man weiß, dass er sie in der Herbstzeit einsammelte mit dem Korb, mit dem er sonst in die Pilze ging. Manche dieser grotesken Froschzeichnungen lassen ahnen, dass der Grafiker Grass nicht nur bei A. Paul Weber oder Alfred Kubin, sondern auch bei Wilhelm Busch in die Lehre gegangen war.

Man liest auch tiefe Reflexionen über die „Ohnmacht“ auch derer im digitalen Zeitalter, die sich dem Surfen, Googeln, Twittern verweigern – und sich doch in der Hand einer namenlosen Gewalt fühlen. Ohmacht ist keine Ausrede für Nichthandeln mehr und schon gar kein Anlass, das Riechfläschchen zu zücken, sondern die Folge unaufhaltsam voranschreitender Entmündigung.
Man fühlt mit Grass, wie er erst drei Zähne verliert und dann auch noch seinen letzten („Kein Zahnweh mehr. Endlich kann ich endlich sagen“) und das mit wehmütiger Gelassenheit und humorvollem Trotz registriert. Und endlich liest man auch das ein oder andere politische Gedicht, das nicht nur polemisch, sondern in sich stimmig ist, eine Fundamentalkritik Angela Merkels etwa unter dem Titel „Mutti“ oder das böse „Allabendliche Gebet“ an einen neuen Gott, der genau wie der Gott aus Kindertagen alles sieht: „Ach, liebe Drohne / mach mich fromm, / daß ich in den Himmel komm.“

Am Ende ging es Grass auch mit diesem Buch in Wahrheit nicht um die Endlichkeit, sondern um das, worum es Schriftstellern immer geht, um das, was bleibt, wenn die Endlichkeit erreicht ist. Die Sorge darum lässt Grass in dem Gedicht „Bilanz“ bang fragen: „Fehlt noch was, / das unterm Schlußstrich zählen könnte?“

Ach Jinterchen, möchte man sagen, es ist gut. Für die Unsterblichkeit reicht es allemal.