Kultur

Stephen King erfindet sich ständig neu

Der Bestseller-Autor schreibt wahnsinnig schnell: In Kürze erscheint sein neuer Roman „Finderlohn“

Das Arbeitspensum von Stephen King ist enorm. In den letzten zwei Jahren hat der 67-Jährige, der bislang um die 60 Bücher im Lebenslauf vorweisen kann und offenbar weit vor Ende dieses Jahrzehnts die 100 erreichen möchte, das Gothic-Schauermärchen „Revival“ veröffentlicht. So, als ob er sich nach „Doctor Sleep“, der Fortsetzung seines Klassikers „Shining“, unausgelastet fühlte. Nebenbei entstand der Vergnügungspark-Krimi „Joyland“, den er wegen einer nostalgischen Erinnerung an die eigene Jugend als Taschenbuchsuchtleser nur als Paperback veröffentlichen ließ. Vor allem aber machte sich King an ein weiteres Format, einen Serienmörder-gegen-Detektiv-Thriller, dessen Auftakt er enorm effektsicher mit leicht übernatürlichen Gemeinheiten würzte, um der Stammkundschaft ein wohliges Wieder­sehensgefühl zu spendieren.

Besessenheit als Thema

Im vergangenen Jahr erschien „Mr. Mercedes“, und nur eine Woche nach Erscheinen in den USA beglückte King, als wäre er ein in den Kundendienst verknallter Drogendealer, seine Fangemeinde mit der Botschaft, ihnen in Jahresfrist viel mehr vom guten Stoff liefern zu können. In diesem Sommer dann legte King, wie versprochen, mit „Finders Keepers“ nach. Anfang September wird die deutsche Übersetzung „Finderlohn“ garantiert ihren Weg in die Bestsellerlisten finden.

Und als der Großmeister des Grusels im April mit „Mr. Mercedes“ als Genreneuling den begehrten Edgar Allen Poe Award für den besten Kriminalroman des Jahres gewann, nutzte King die Gelegenheit, um das Finale seiner Trilogie anzukündigen. Der Name wurde inzwischen von „The Suicide Prince“ zu „End of Watch“ geändert, raunt es in den für Gerüchte zuständigen Internetecken. Nebenbei kündigte King an, im Herbst einen Sammelband mit 20 alten und neuen Kurzgeschichten und dem sympathischen Titel „The Bazaar of Bad Dreams“ vorzulegen. „Es wird wohl ein ziemlich dickes Buch werden.“
Ach ja, bei „Under The Dome“, der TV-Serien-Version von „Die Arena“, hatte er als Produzent auch noch seine Finger drin. Von Marktsättigung hat Stephen King entweder noch nie gehört oder sie nie für wichtig gehalten. Mehr als 400 Millionen verkaufte Bücher geben ihm durchaus recht, nach wie vor.

Soweit die bloße Papierform, beeindruckend genug ist sie. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis, das King vorm Lauwarmwerden in der Déjà-vu-Hölle des Ewiggleichen bewahrt, ist viel einfacher erklärt als mit Marketing-Hochdruck: Der Mann ist ein Virtuose des Fürchterlichen. Er kombiniert die handwerklichen Voraussetzungen, die es für einen Bestseller braucht, mit dem Geschick, Urängste aufbrausen zu lassen und die ganz großen Themen ganz einfach ins Spiel zu bringen.

Kings ewiges Lieblingsthema, was Besessenheit und Süchte mit Menschen machen, steht auch im Mittelpunkt von „Finders Keepers“. In „Misery“ hatte er vor einem Vierteljahrhundert mit grausamer Freude am knochenbrecherischen Detail geschildert, was passieren kann, wenn sehr berühmte Autoren auf sehr sonderbare Bewunderer treffen und mit ihrer Arbeit ums Verrecken nicht deren Wunschvorstellungen entsprechen wollen. Diesmal ist der Schriftsteller eine an Salinger und Roth angelehnte Berühmtheit und sein verloren geglaubtes Meisterwerk der Anlass für ein Duell zwischen Gut und Böse.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass der Autor King sich darüber auslässt, wie andere Autoren ticken und an ihrer Berufung verzweifeln. Stephen King zeigt hier aber auch, wie hauchdünn die Trennfuge zwischen Moral und Verbrechen in unserer Zeit ist, die doch so gut durchorganisiert scheint, doch so wenig vorbereitet ist auf das Chaos und eine Verzweiflung, die mit dem Charme einer Splitterbombe den berechenbaren Alltag pulverisieren kann.

Sein Leitdetektiv Bill Hodges ist ein pensionierter Bulle mit goldenem Herzen und rabiaten Methoden, der am Ende von „Mr. Mercedes“ mitsamt dem verstörenden Psychopathen Brady Hartsfield für die Fortsetzung in Position gebracht wurde, er fädelt sich geschickt in den Mittelteil ein. Am Ende, wie sollte es anders sein, steht ein Cliffhanger vom Feinsten, der klar macht: Die Wartezeit auf den Schluss wird jetzt mächtig nerven.

Schriftstellerische Instanz

Im Laufe der Jahrzehnte hat Stephen King verfeinert und gelernt, seine Leser vom Buchweglegen nach einigen Kapiteln abzuhalten. King-Bücher setzen höchstens im Regal Staub an, nicht während des genießerisch gierigen Verzehrs. Aus dem Auflagenkrösus, den der Literaturbetrieb so gern von oben herab belächelte, ist eine schriftstellerische Instanz geworden, die sich ihren Platz unter den Großen des 20. Jahrhunderts verdient hat. Den neuen King so schnell wie möglich zu inhalieren, sobald er zu haben ist, ist längst kein Guilty Pleasure mehr. Sondern nur noch das reine, gemeine Vergnügen.

Immer wieder hat King sich neu erfunden – er war zunächst der klassische Horrorschocker-Autor mit einem Händchen für teenagertaugliche B- bis C-Literatur. Der Mann, der übermächtige Frauengestalten auf verschüchterte Männer losließ, zwischendurch der Fantasy-Epos-Auswalzer. Mit zunehmender Erfahrung, wie hinterhältig weit er sein Können ausreizen kann, reifte er zum raffiniertesten Psychosenenthüller seit Freud.

Die Angst, aus der Stephen King keinen Schocker schnitzen könnte, muss erst noch im Unterbewusstsein gefunden werden. Haustiere, Gebrauchsgegenstände, sogar der etwas zu lange und gar nicht harmlose Blick in das abgründig dunkle Wasserabflussrohr eines Rinnsteins, mit dem „Es“ beginnt, genügen ihm schon, um größtmögliche Verwüstung am Nervenkostüm seiner Leser anzurichten.

Mit einem baldigen Ende dieses Gourmetschreckens sollte man lieber nicht so schnell rechnen. „Ich schreibe so lange, wie der Leser davon überzeugt ist, in den Händen eines erstklassigen Wahnsinnigen zu sein.“