Kultur

„Einmalige Atmosphäre“

Locarno ist das größte Freiluftkino der Welt. Ein Treffen mit Senta Berger, Udo Kier und Ronald Zehrfeld

Schon morgens um 10:30 Uhr bildet sich in einer kleinen Seitengasse an der Piazza Grande in der tessinischen Kleinstadt Locarno eine Menschenschlange, die bald bis weit auf den Platz hineinreicht. Es müssen gut hundert sein, die ausharren, um sich gleich einen 38 Jahre alten Kriegsfilm anzusehen. „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ läuft hier auf dem Filmfest als Teil der Retrospektive des amerikanischen Regisseurs Sam Peckinpah. Oder sind sie etwa hier, um Senta Berger zu sehen?

Die deutsch-österreichische Schauspielerin stellt den Film vor, in dem sie mitwirkte, zwölf Jahre nachdem sie für Peckinpahs Western „Sierra Charriba“ 1964 erstmals nach Amerika gegangen war. Damals war sie gerade mal 22. Die Erfahrungen, die sie in Hollywood machte, waren sehr durchwachsen, daraus macht sie an diesem Vormittag keinen Hehl, trotz aller Sympathie für den Regisseur. Ziemlich brutal muss es bei ihm zugegangen sein, vor allem mit den verhassten Produzenten stritt er sich oft unter Alkoholeinfluss bis hin zu blutigen Raufereien. „Aber wir Schauspieler liebten ihn, weil er uns alle Freiheiten gab“, sagt Senta Berger. Charmant wechselt sie vor dem internationalen Publikum immer wieder von Englisch auf Italienisch, ringt um perfekte Formulierungen und wirft, wenn sie in einem Moment nicht weiterweiß, ein deutsches „Wie sagt man?“ ein.

„Stierkämpfe und Machodinge“

Im Gespräch danach in einem Hotel am Ufer des Lago Maggiore gibt sie zu, dass sie lange nicht an diese Zeit gedacht habe. „Sich daran zu erinnern, war sehr emotional“, gibt sie zu. „Jetzt fällt mir vieles wieder ganz scharf ein. Da kann ich plötzlich wieder Stimmungen schmecken.“ Details wie der Schäferhund bei den Dreharbeiten in Mexiko, der unerklärlicherweise Lumpi hieß. Oder wie die Männer des Teams Film und Privatleben verwechselten. „Die spielten da nach Drehschluss wirklich Cowboy und Indianer, mit Schießwettbewerben, Stierkämpfen und all diesen Machodingen. Für Mario Adorf und mich als Europäer war das sehr befremdlich.“

Die Tage in Locarno verbringt sie zusammen mit ihrem Mann, dem Regisseur Michael Verhoeven. Für Spaziergänge ist es allerdings in diesen Tagen zu heiß. „Ich würde gerne, ich bin schon eine Erkunderin, eine Fußgängerin.“ Stattdessen sitzen sie in den ruhigen Momenten abseits des Trubels in einer schattigen Trattoria, bevor es dann weiter zu Dreharbeiten in ihrer zweiten Wahlheimat Berlin geht.

Dort lebt auch Ronald Zehrfeld, der in Ost-Berlin geborene Schauspieler. Er ist mit dem Drama „Der Staat gegen Fritz Bauer“ in Locarno, die noch immer wenig bekannte Geschichte über den hessischen Generalstaatsanwalt, der in den Nachkriegsjahren dafür gekämpft hatte, dass der Naziverbrecher Adolf Eichmann in Argentinien gefasst und vor Gericht gestellt werden konnte. Zehrfeld spielt Bauers Mitarbeiter Angermann, einen sensiblen Mann, der an den rigiden Moralvorstellungen der Adenauer-Ära zerbricht.

Es ist eine ungewöhnliche Rolle für den Berliner Hünen, der sonst meist sehr physische Charaktere wie im Afghanistan-Drama „Zwischen Welten“ verkörpert. Genau das hat ihn gereizt, wie er verrät: „Da ist schon der Wunsch, auch mal andere Facetten zeigen zu können.“ Der Film feierte am Freitagabend Weltpremiere auf der Piazza Grande, die während des Filmfests mit 8000 Sitzplätzen zum größten und schönsten Freiluftkino der Welt wird. Zehrfeld steckt die Begeisterung noch immer in den Knochen. „Ich hatte Bammel, aber dann gab es eine Ruhe und Konzentration, das war Wahnsinn! Das hat mich echt glücklich gemacht.“ Für ihn geht es am heutigen Montag schon wieder weiter mit Dreharbeiten in Berlin.

Sehr viel länger, nämlich die gesamten elf Festivaltage, ist Udo Kier in der Stadt. Der deutsche Hollywoodstar ist Mitglied der Jury und entscheidet über das Wohl und Wehe der 19 Wettbewerbsbeiträge. Der 70-Jährige hat selbst in rund 200 Filmen mitgewirkt, war Dracula bei Warhol, der Teufel bei Lars von Trier und Hitler bei Schlingensief. Kier ist Kult, im ursprünglichen Sinn. Nicht fabriziert, sondern verdient. Nun genießt er es, mal auf der anderen Seite zu sein und die Filme der anderen sehen zu können. „Die Atmosphäre auf der Piazza ist einmalig. Da sitzen in den Häusern ringsum Leute an ihren Fenstern und schauen auf den mit Menschen gefüllten Platz mit der riesigen Leinwand. Das wirkt selbst wie ein Film von Fellini.“ Er bereitet sich grundsätzlich nicht vor, sagt er, achtet auch nicht auf die Reaktionen im Publikum. „Ich konzentriere mich ganz auf den Film, lass ihn in mich eindringen. Ich will auch nicht wissen, was der Regisseur dazu zu sagen hat. Ich bilde mir meine eigene Meinung.“

Laut und wüst das deutsche Kino

Am Sonnabend hat dann ein Film Premiere, der Kier gefallen könnte, aber nicht im Wettbewerb läuft. „Der Nachtmahr“ ist der wilde Psychotrip der 17-jährigen Tina, der nach allerlei Drogenexzessen auf Berliner Technopartys eine albtraumartige Kreatur erscheint, die wie eine Mischung aus Gollum und E.T. aussieht. Stroboskopeffekte und Hardcoresoundtrack – so laut und wüst war das deutsche Kino schon lange nicht mehr.

Als Tinas Schwarm Adam ist Wilson Gonzalez Ochsenknecht zu sehen, der ehemalige Teeniestar aus demnächst sechs Teilen „Die Wilden Kerle“. Er hat einen Anzug dabei, für alle Fälle. „Ich ziehe mich schon gern besonders an für eine Premiere. Ich mag das, wenn sich jeder rausputzt und alle so auf einer Schiene sind.“