Die Anapa sind, anthropologisch gesehen, ein Reinfall. „Wenn sie tot gewesen wären, wären sie nicht so sterbenslangweilig“, erklärt Nell Stone. Bei den Mumbanyos allerdings hält man es auch nicht aus. Die sind zu brutal. Noch nicht mal ein Küchenboy lässt sich hier rekrutieren, da riskiert man gleich, dass einem die Kehle durchgeschnitten wird. Nur ein Stamm erscheint dem Ethnologen-Ehepaar am Sepik-Fluss erforschenswert. Die Kiona. Ihnen werden großer Heldenmut und komplexe soziale Strukturen nachgesagt. Aber an denen arbeitet sich schon ihr britischer Kollege Andrew Bankson ab.
Papua Neuguinea, Anfang der 30er-Jahre: Rund um die Bodenschätze der Gegend läuft die Kolonialisierung auf Hochtouren, aber am Ufer des Sepik-Flusses gibt es jede Menge unentdeckte Stämme, durch die drei junge Forscher zu Ruhm kommen wollen. Das ist das Setting von Lily Kings neuem Roman, der in dieser Woche beim C.H.Beck Verlag erscheint.
Mutter der sexuellen Revolution
In „Euphoria“ hat die amerikanische Autorin eine historische Begebenheit fiktionalisiert. Tatsächlich trafen sich 1931 am Sepik drei Forscher und verbrachten fünf Monate bei der Erforschung der Eingeborenen: Margaret Mead, ihr zweiter Ehemann Reo Fortune und Gregory Bateson, der später Meads dritter Ehemann werden sollte. Drei junge Menschen im Dschungel und dann noch eine Dreiecksliebesgeschichte. „Daraus sollte jemand dringend einen Roman machen“, habe sie sich vor Jahren gesagt, als sie eines Tages völlig zufällig auf Meads Biografie stieß, erzählt Lily King bei einer Präsentation ihres Buches. Sie sei selbst überrascht gewesen, dass nun schließlich sie dieser jemand ist.
Margaret Mead, das Vorbild für die Heldin, ist so was wie die Mutter der sexuellen Revolution. Mit 24 Jahren reiste sie alleine nach Samoa, um die Lebensweise auf den südpazifischen Inseln zu erforschen. Sie kam zurück mit einer Erkenntnis, die einen Skandal auslöste. In Samoa hatten die Frauen Freude am Sex. Sie suchten sich selbst die Männer, die ihnen gefielen. Und sie hatten nicht unbedingt vor, sie auch zu heiraten oder Kinder mit ihnen zu zeugen. Das war also möglich. Ihre Zeitgenossen waren schockiert, aber doch überaus interessiert an Meads Buch „Coming of Age in Samoa“.
Auch in Papua-Neuguinea machte Mead revolutionäre Entdeckungen. Eines dieser Völker, die sie mit Bateson und Fortune erforschte, waren die Tchambuli. Und die widersetzten sich nach Meads Erkenntnissen der vermeintlichen weiblichen Natur. Die Frau war hier „der herrschende, sachliche und lenkende, der Mann der weniger verantwortliche und gefühlsmäßige abhängige Teil“. Meads Schriften wurden von den 68ern begeistert aufgenommen. Später kritisierte man die Forscherin für ihre Methoden, sie habe eher das gesehen, was sie sehen wollte. Aber doch ist Mead zu einer Ikone geworden. Ihre Thesen wurden Teil einer Debatte, die bis heute anhält: Bestimmt die Kultur die Biologie oder die Biologie die Kultur?
Die Geschichte der Sex- und Verhaltensforscher, die Lily King in „Euphoria“ fiktionalisiert, ist ihr großartig gelungen. Mit feiner Ironie schildert King, wie die drei, die sich doch selbst so gern von den Kolonialherren abgrenzen wollen, ihren ganz eigene Kolonialismus betreiben. Die Suche nach einem passenden Stamm, den das Ehepaar Stone-Fenwick dem Rest der Welt erklären könnte, erinnert stark an einen Trip mit einem Immobilienmakler. Bei den Yarapat liegen die Häuser zu dicht über dem Boden, beim nächsten Dorf urteilt Stone scharf: „Kein Kunstsinn“ und die Wokup, große Künstler und geschickte Architekten, wiederum haben keine Lust, erforscht zu werden. Es sei keine gute Zeit, sagt ein Sprecher des Dorfes, als die drei ihr Boot anlegen, man erwarte jeden Augenblick einen Überfall eines anderen Stamms.
„Euphoria“ ist kein Buch über Anthropologie oder gar über Neuguinea. Kings Stämme und ihre Gebräuche sind allesamt erfunden. Die Eingeborenen, denen wir begegnen, sind weder die edlen Wilden noch die kindischen Idioten, die man aus anderen Darstellungen kennt. Sie leben einfach ein sehr anderes Leben, das schriftstellerisch betrachtet vor allem dazu dient, die Geschichte, die Nelly King eigentlich erzählen will, voranzubringen. Einen kleinen Kommentar erlaubt sich King über das verbreitete europäisch-amerikanische Gefühl der Überlegenheit: Ausgerechnet der brutalste der Stämme ist den Kulturtechniken der westlichen Zivilisation am nächsten.
Es geht King um eine grundsätzliche Frage in diesem Roman, für die der anthropologische Blick nur ein Beispiel ist: Erzählt man, wenn man versucht, einen anderen Menschen darzustellen etwas über diesen Menschen oder doch nur etwas über sich selbst?
Margaret Mead wirkt so mutig, dass sie einem fast Angst machen kann. Vielleicht hat deswegen Lily King sich entschlossen, ihre Biografie auf den Kopf zu stellen. Ihr zweiter Ehemann schlug sie, und dennoch blieb Mead lange bei ihm. Diesen Aspekt der männlichen Gewalt und weiblichen Erduldung nimmt King zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung. Nell Stone, ihre Mead-Figur, ist eine unerschrockene Forscherin, aber ängstliche Ehefrau. Sie ist, wenn man so will, eine Art Anti-Mead. Und so ist „Euphoria“, trotz all seiner Exotik und dem undurchdringlichen Dschungel, ein Roman über die Ehe geworden. Was ist man bereit zu ertragen, um eine Beziehung zu retten? Wie erträgt eine Liebe die Überlegenheit des einen gegenüber dem anderen? Zumal wenn der Überlegene die Frau ist.
„Euphoria“, der Titel, bezieht sich übrigens auf den kurzen Moment, an dem man meint, alles verstanden zu haben. Das kann in der Liebe sein, genauso wie in der Forschung. Es ist ein kluges Buch, das Lily King da geschrieben hat, und ein gut geschriebenes noch dazu.

