Die Fans brüllen so laut, dass die Glocke der nahe gelegenen Kirche dagegen nicht anschlagen kann. „Melina, ich liebe dich!“, ruft ein Mädchen und hält eine Pizzaschachtel hoch. Ein Stück Pizza gegen ein Stück Nähe. „Kannst du auf meinem Skateboard unterschreiben, Bibi? Mit Lippenstift?“ Klar, kann sie das. Hier und heute ist nichts unmöglich. Wir sind in Heide, und die Heide brennt. An normalen Tagen rühmt sich die Stadt damit, über den größten unbebauten Marktplatz Deutschlands zu verfügen. Doch heute geht es nicht um Traditionen, heute ist die Zukunft zu Besuch. Die bekanntesten YouTuber Deutschlands sind auf dem Marktplatz, um die Premiere ihres gemeinsamen Films „Kartoffelsalat“ zu feiern. Und diese Komödie läuft keineswegs im Internet, sondern ab Donnerstag im Kino. Wir erleben also eine Symbiose: altes Medium trifft neues Medium und zusammen sind sie stark.
Andrang am roten Teppich
Den Teaser zum Film hatten 48 Stunden nach seinem Hochladen auf YouTube und Facebook bereits mehr als 1,3 Millionen Menschen angesehen, was ihm den Titel als „erfolgreichster deutschsprachiger Teaser-Start aller Zeiten“ einbringt. „Obwohl wir überhaupt kein Geld für Werbung oder Marketing ausgeben können, haben die Leute von unserem Film erfahren“, sagt Michael David Pate und schaut fast ungläubig auf den Andrang am roten Teppich. Der 35-jährige Regisseur ergänzt, dass es auch sonst kaum Budget gab. Überstunden bei den Dreharbeiten wurden mit Bier bezahlt, die Pizzeria vor Ort sprang ein, das ganze Dorf half mit. Auch Geld für eine Premiere in Berlin oder Hamburg fehlte. Zu hoch waren die Summen, die die Veranstalter für die nötigen Sicherheitsvorkehrungen veranschlagten.
„YouTube-Stars sind die Rockstars von heute. Wenn die kommen, muss man mit Massenaufläufen rechnen“, sagt Pate. Die Stadt Heide freut sich dagegen über die Premierenanfrage. Knapp 5000 Fans sind erschienen, um trotz Regens jeden Auftritt auf dem roten Teppich zu bejubeln und zu knipsen, was das Smartphone hergibt.
Der Rummel überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass sich hier die Größten einer noch jungen Szene treffen: Freshtorge, Melina, Beauty-Bloggerin Bibi und ihr Freund Julian, Lifestyle-Bloggerin Dagi Bee, Comedians wie Y-Titty, die Außenseiter sowie viele andere YouTuber spielen im Kinofilm „Kartoffelsalat“ mit. Zusammen bringen sie es auf rund 22 Millionen Fans, und die folgen ihren Stars nicht nur im Internet, sondern bis nach Heide.
Es sind keine Stars, wie wir sie von früher kennen: von einem anderen Stern, unnahbar, geheimnisvoll. Die Stars von heute wohnen in der WG gleich nebenan, leben vom Austausch mit ihren Zuschauern und müssen meist zwei Jobs wuppen: den, den sie gelernt, und den, den sie kreiert haben. Torge Oelrich etwa war gelernter Erzieher, als er 2009 unter dem Namen Freshtorge mit dem Hochladen seiner selbst gedrehten Sketchvideos begann. Inzwischen hat Freshtorges Kanal 1,3 Millionen Abonnenten, damit gehört er zu den erfolgreichsten YouTubern. Dennoch: Torge Oelrich will weiter als Erzieher arbeiten. Bei den Dreharbeiten bedeutete das für ihn Stress pur. Nach seinem Schulalltag hetzte er zum Drehort, seiner ehemaligen Schule.
Der Quatsch ist eine solide gemachte Teenie-Zombie-Komödie. Am Premierentag läuft sie im Lichtblick-Filmtheater in allen vier Sälen von 10 bis 23 Uhr. Zombies am Morgen, zum Mittag und zum Abend. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Schüler Leo (Freshtorge) ist ein Außenseiter, der ständig gemobbt wird. Als jedoch ein Virus ausbricht, das die Menschen zu Zombies macht, kann Leo alle retten und wird zum Helden.
Otto ist mit von der Partie
Mobbing sei eines der größten Probleme der Jugendlichen heutzutage, sagt Freshtorge. Als Pädagoge weiß er, dass es nichts bringt, mit dem erhobenen Zeigefinger darauf hinzuweisen, aber in homöopathischen Dosen unter viel Klamauk gemischt, komme es vielleicht an. Der Humor des Films soll sowohl die junge Zielgruppe als auch die Elterngeneration ansprechen.
Komisch sind auch selbstironische Auftritte wie die von GSZS-Star Wolfgang Bahro und Jenny Elvers, die ihre Alkoholsucht aufs Korn nimmt. Und dann, neben all den jungen Leuten, tänzelt einer über den roten Teppich, der seit fünf Jahrzehnten sein Publikum unterhält: Otto Waalkes. Das wirkt ein bisschen so, als hätte sich ein alter Hase in eine Kükenfarm verirrt. Aber von Verirrung kann keine Rede sein, er hat den Weg gezielt gesucht. Otto bot Freshtorge seine Hilfe an, er wurde zum Co-Produzenten, denn er weiß um das Potenzial der YouTuber. Waalkes Mitwirken gibt Selbstvertrauen. Otto, sagt Freshtorge, habe verstanden, was YouTube ausmache, jetzt müsste noch das Fernsehen nachziehen. „Die suchen verzweifelt ihre Zielgruppe, aber die ist hier bei uns.“

