Wir sehen ein Mann auf der Straße stehen, wo heute der U-Bahnhof Wittenbergplatz ist, er schaut einer Radfahrerin hinterher. Im Hintergrund ist das Kaufhaus des Westens. Zumindest behauptet die Bildunterschrift das. Denn was wir sehen, ist ein ausgebranntes Gebäude, das Dach zerstört, vor ihm lagert sich der Schutt.
Wir sehen das Reichpietschufer, das zu diesem Zeitpunkt Tirpitzufer hieß. In dem Kanal schwimmen Reste der Von-der-Heydt-Brücke. Im Hintergrund steht das Shell-Haus, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben ist. Ein Vorzeigebau aus der Ära der Neuen Sachlichkeit ist jetzt fensterlos und ausgebombt, das Stahlgerüst der Vorderseite ist zu erkennen.
Wir sehen zwei sowjetische Soldaten, die im Begriff sind, an zwei Kindern vorbeizugehen. Die beiden Kinder schauen in die Kamera. Sie stehen an einer Straße mit Kopfsteinpflaster. Sie ist seltsam unbeschadet. Rechts stapeln sich die Trümmer. Im Hintergrund stehen die Reste des Dierig-Hauses in der Spandauer Straße in Mitte.
„Ein geschlossenes Werk“
Cecil F.S. Newman ist der Chronist der Verwüstung. Der Nordire fing 1945 seine Arbeit als Stadt- und Landschaftsplaner an. Er durchlief die Stadt mit seiner Leica und fotografierte sie Straße um Straße. 1400 Aufnahmen hat er gemacht, 150 Neuprints nach den Negativen zeigt das Märkische Museum. Ein Rundgang bietet es entlang von fünf Räumen an, er geht von Friedrichshain über Mitte und Tiergarten nach Charlottenburg. Die Bilder stammen aus Newmans Nachlass, der zu Kriegsende als 30-Jähriger in die Stadt kam. Die Tochter hat die Aufnahmen der Stadt nun aus dem Nachlass geschenkt, sie wolle sie nach Hause bringen, hat sie gesagt.
Bei diesen Aufnahmen handelt es sich, wie Kuratorin Ines Hahn bemerkt, um „ein geschlossenes Werk“. Und in der Tat hat Cecil Newman eine eigene Handschrift. Er weitet den Blick auf eine Stadt, die gerade einen Weltkrieg hinter sich hat. Seine Bilder erfüllen keinen anderen Zweck als das Gesehene zu zeigen, sie vermitteln keinen politischen Inhalt. In ihrem Realismus schwingt aber auch „Empathie“, so wie Ines Hahn feststellt, mit. Ein Mitleiden im Angesicht der Trümmer, das nicht nach der Zeit vor dem Mai 1945 fragt. Das ist umso bemerkenswerter, da der „Leitfaden für britische Soldaten“ von 1944 ein anderes Verhalten vorschreibt: Viele der deutschen Männer, Frauen und Kinder „werden durch Überarbeitung, Unternäherung und die Folgen von Luftangriffen geschwächt sein, und Sie könnten in Versuchung geraten, Mitleid für sie zu empfinden“. Doch die Soldaten sollten „daran denken, dass sie nicht hier wären, wenn die deutschen Verbrechen diesen Krieg nicht unausweichlich gemacht hätten“.
Lächelnd und optimistisch
Cecil Newmann hat sich an diese Anweisung nicht gehalten. Das beweisen die zahlreichen Porträts der Deutschen (die im Gegensatz zu seinen Stadtaufnahmen nur aus dokumentarischer Sicht interessant sind), die lächelnd und optimistisch zumeist in die Ferne schauen.
Dass Berlin 1945 zerstört war, ist keine Neuigkeit. Umso verwunderlicher ist es, wenn man die eigene Überraschung beim Betrachten der Bilder registriert. Und zwar eine doppelte Überraschung: Zum einen wie flächendeckend die Zerstörung war. Zum anderen, wie schnell sich die Stadt davon erholen konnte. Das KaDeWe wurde 1950 wieder aufgebaut, bereits 1946 zog die Verwaltung des Energieunternehmens Bewag in das Shell-Haus. Nur das Dierig-Haus im Osten der Stadt wurde nicht wieder aufgebaut. Die Geschwindigkeit, mit der die Kriegsschäden beseitigt wurden, vergrößerte die Ungleichzeitigkeiten zwischen West und Ost.
1946 verließ Cecil Newman Berlin und ging zurück nach Belfast. Nach Berlin kam er nie wieder, 1984 starb er. Man hätte dem Mann, der so viel Mitgefühl mit den Deutschen hatte, gern von der Wiedervereinigung erzählt.
Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5. Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Bis 25. Oktober. Katalog: Nicolai, 16,95 Euro


