Die Arbeiten von Jimmy Durham wirken zunächst einfach, doch die Struktur, die ihnen unterliegt, ist stets subtil und komplex. Gleich am Eingang des Neuen Berliner Kunstvereins stößt man auf eine Installation, die vielfältige Assoziationen auslöst. Da hat jeder seine eigene Idee. Es handelt sich um ein Schulpult, bei dem Tisch und Stuhl fest verschweißt sind und der Abstand dazwischen, in den sich ein Kind hineinzwängen soll, so eng ist, dass allein bei der Vorstellung die Luft wegbleibt. Auf dem Pult steht eine Schatzschatulle.

Blick auf den weißen Mann

Durch einen schmalen Schlitz sieht man Dollar- und Euronoten, ein paar Münzen und andere Kleinigkeiten. Die Schatulle ist jedoch verschlossen, an ihren Inhalt kommt man nicht heran. Ein Sinnbild für die Schulzeit, in der man gequält, aber wirkliches Wissen vorenthalten wird? Was ist Wissen?

Ein Künstler wie Jimmy Durham mit seiner besonderen Biografie und Herkunft würde wohl antworten: Es ist relativ, abhängig von der jeweiligen Perspektive. Denn der 1940 in Arkansas geborene Objektkünstler, Dichter und ehemalige Polit-Aktivist Durham gehört dem Stamm der Cherokee-Indianer an und hat vor dem Hintergrund der Geschichte amerikanischer Ureinwohner einen besonderen Blick auf den weißen Mann und den mit ihm verbundenen Eurozentrismus. Entsprechend setzte sich Durham nach dem Kunststudium in Genf in den 1970er-Jahren vor allem für die politischen Rechte der Indianer ein, war 1973 sogar ihr erster UN-Vertreter.

Am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn in den USA wurde seine Arbeit als folkloristische „Indianerkunst“ abgetan, da er bei frühen Objekten Tierschädel und –knochen, Steine und geschnitztes Holz verwendete und zusammenbastelte. Inzwischen ist Durham ein bedeutender Künstler der Gegenwart, der mit mehrfachen Teilnahmen an der Documenta und der Biennale von Venedig sowie Einzelausstellungen überall in Europa und den USA längst den Olymp des Kunstbetriebs erklommen hat. Nachdem er in Mexiko gelebt hatte, zog er 1994 nach Europa, und pendelte heute zwischen Berlin und Neapel. Die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein ist eine Art Mini-Retrospektive von Arbeiten aus dieser Zeit. Europa ist ein großes Thema für ihn. „Ich liebe Europa. Ich habe das Gefühl, dass ich hier teilhaben kann. Ich fühle mich befreit von Geschichte. Ich werde nie Franzose, Engländer oder Deutscher sein, aber ich kann trotzdem ein vernünftiger, kritischer Bürger Europas sein. Das könnte ich nie in Amerika.“, hat er in einem Interview gesagt.

Immer wieder besticht der Humor in Durhams Arbeiten. Mit einen Bettlaken, das mit Leim und Haaren bestrichen und auf einem Holzrahmen moduliert ist, spielt Durham mit dem klassischen Trägermaterial von Gemälden: der Leinwand. Er nennt seine Arbeit „French Anatomy“ von 2015 jedoch eine Skulptur.

Ein verkohlter Schemel

Bei „Coffeetable“ (2010) steht auf einem Holzhocker eine mechanische Espressomaschine, darunter fackelt ein Feuer. Das Video scheint wie eine experimentelle Wette auf das, was zuerst geschehen wird: der Kaffee wird kochen oder der Schemel zusammenbrechen. Davor liegen als Antwort die Einzelteile des verkohlten Schemels. Mit nur zwei kleinen Eingriffen verwandelt Durham bei „Not All Questions Have Reasonable Meanings“ (2015) in einer Art magischer Verwandlung einen simplen Stein in ein Tier: Ein Glasauge und ein gemalter Kreis schauen einen an, man glaubt den treuen Blick eines Hundes zu sehen. Diesen Arbeiten folgt man gerne, und meistens ertappt man sich bei ihrer Betrachtung und dem Sinnieren über ihre Bedeutung beim Schmunzeln. Dabei steht Durham, wie er in einem Interview einmal sagte, dieser Suche nach der Bedeutung von Kunst eher skeptisch gegenüber: „Jeder in Europa will über die Bedeutung von Kunst reden. Niemand würde so über Musik nachdenken. Die bedeutet, was sie ist. So sollte es auch mit der Kunst sein.“

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128–129. Di–So 12–18 Uhr, Do 12–20 Uhr. Bis 2. August