Schauspieler

Geboren für die Leichtigkeit - Herbert Herrmann feiert 74. Geburtstag

Herbert Herrmann ist ein bisschen so wie die 80er-Jahre. Dieses Gefühl, dass alles schön ist, das kann er immer noch verbreiten. Heute feiert er seinen 74. Geburtstag. Ein Treffen mit einem Glückskind

Foto: Reto Klar

An der Komödie am Kurfürstendamm steht ein Paar vor einem Plakat mit Herbert Herrmann. „Anderthalb Stunden zu spät“ wird angekündigt. Ein Stück, in dem eine Frau eines Abends, kurz bevor sie das Haus verlassen, beschließt, dass sie jetzt dringend mal mit ihrem Mann reden will. Über ihre Kinder, über ihr Leben. Über alles eben. Er will nicht. Aber er wäre der erste Mann, dem das was nützt.

„Da müssen Sie reingehen“, sagt Herbert Herrmann zu dem Paar. Er hat eine auffallend schöne Stimme. Würde er in der Oper singen, er müsste Tenor sein. Die beiden hatten ihn gar nicht bemerkt. Sie sind völlig überrascht. Sofort gehen sie zur Kasse und kaufen Karten. Herbert Herrmann lacht. „Das mache ich jetzt öfter.“ Der Tipp war gut, Herrmanns Gastspiel mit der Komödie des französischen Autors Gérald Sibleyras ist extrem beliebt beim Publikum. Für diesen Abend gibt es nur noch einige Restkarten. Der Sonntag ist ausverkauft. Dann nämlich feiert Herbert Herrmann seinen 74. Geburtstag. Auf der Bühne. In dem Haus, für das er seit fast 45 Jahren spielt.

Wenn man in den 80er-Jahren den Fernseher anschaltete, tauchte früher oder später Herbert Herrmann auf. Mit umgekrempelten Ärmeln am Sakko, mit der einzigen locker wirkenden Föhnfrisur der deutschen Fernsehgeschichte, mit diesem immer leicht amüsierten Lächeln, das einem zu sagen schien: Alles ist gut. „Drei sind einer zu viel“ und „Ich heirate eine Familie“ waren die Serien, die ihn bekannt gemacht haben. Er war im „Tatort“ und beim „Landarzt“ und auf dem „Traumschiff“ sowieso. Er hatte zwei große Filme: „Hexenschuss“ und den Thriller „Fleisch“. Er füllte die Klatschblätter mit Liebesgeschichten. Fünf Jahre lang war er mit Jutta Speidel zusammen, dann zwölf Jahre mit Susanne Uhlen.

Herbert Herrmann ist ein bisschen so wie die 80er-Jahre selbst. Dieses Gefühl, dass alles schön ist, das kann er immer noch verbreiten. Wer aber denkt, Herbert Herrmann wäre Boulevard und Oberflächlichkeit, der sollte ihn auf der Bühne sehen. Zusammen mit seiner Frau Nora von Collande bringt er regelmäßig neue Komödien nach Deutschland. Die haben eine Leichtigkeit und einen Witz, der gerade nur wenigen deutschen Stückeschreibern gelingt. Hierzulande wird streng getrennt: Leicht und lustig gehört dem Boulevard, auf den großen Bühnen wird selbst die Komödie schwer gemacht.

„Eine irre Zeit“

Für unser Treffen hat sich Herbert Herrmann etwas überlegt. „So ein Bild wollte ich immer schon mal“, sagt er. Zusammen mit dem Fotografen laufen wir den Kudamm runter. Kurz vor dem Haus Cumberland, eingeklemmt zwischen einen der teuersten Friseure der Stadt und der Audi Repräsentanz hat sich eine tapfere Currywurstbude gehalten. „Die kannten Sie nicht?“ Herrmann ist amüsiert. „Das geht aber nicht.“ Also gibt er erst einmal eine Runde aus. Mit Pommes. An der Theke erkennt man ihn sofort. „Na, auch mal wieder im Lande?“, sagt die Frau an der Kasse erfreut. Das „Bier’s Kudamm 195“, wie die Adresse im Namen schon verrät: Hier brät einer, der sich nicht verdrängen lässt. Seit 43 Jahren.

1969 kam Herrmann zum ersten Mal nach Berlin. Hier hat er angefangen. Im Renaissance Theater, „Ingeborg“ von Curt Götz. „Wenn Götz auf dem Spielplan stand, war das Theater über Wochen ausverkauft“, sagt Herrmann. „Als er gestorben war, wurde er auf der Bühne aufgebahrt. Das gab es auch noch nie.“ Berlin war damals eine komplett andere Stadt. „Das war eine irre Zeit“, sagt Herrmann. Viele Häuser noch zerschossen, anderes mitten im Aufbau. Am Kurfürstendamm haben sie alle gespielt, die Publikumslieblinge. Seit dem ersten Engagement kam Herrmann immer wieder nach Berlin. Ab dann aber immer zur Komödie am Kurfürstendamm. Bei den Wölffers, die mittlerweile in dritter Generation das Theater führen, ist er geblieben. Seit über zwanzig Jahren immer an der Seite Nora von Collande. Erst standen sie gemeinsam auf der Bühne, dann wurden sie ein Paar. Wenn man sie fragt, wie das gelingt, immer zusammen, dann sagt sie: „Das ist ein Glücksfall.“

Am Anfang, wenn Herrmann in West-Berlin spielte, dann wohnte er in einer Pension in der Leibnizstraße. Für fünf Mark die Nacht. zusammen mit Kollegen wie Peter Stein und Jutta Lampe, die gerade mit der Schaubühne begannen. „Es gab nicht ein Jahr, in dem politisch nicht die Hölle los war“, sagt Herrmann. Die Rebellion der 68er, dann die Achtziger, als man im Rest der Welt die Insel West-Berlin entdeckte. Die Wiedervereinigung.

Auch das Theater hat sich verändert. „Wir können nicht mehr so spielen wie vor 25 Jahren, das würde uns keiner abnehmen.“ Tür auf, Tür zu, der betrügt die, die betrügt den. „Das ist für mich tot. Die Comedians haben den Klamauk übernommen. Wir müssen den Leuten heute eine Geschichte erzählen.“

Einmal rief ihn Gerhard Klingenberg an, da hatte er gerade die Intendanz des Renaissance Theaters übernommen. Herrmann ging mit gemischten Gefühlen hin. „Ich dachte, der sagt zu mir, ich würde gerne, dass sie für uns spielen. Aber mal ganz anders. Was Ernstes.“ Aber Klingenberg sagte: „Würden Sie bei mir bitte das spielen, was Sie drüben in der Komödie spielen?“ Der Mann in der Komödie, das ist seine Rolle. Ein charmanter, ein strahlender, aber dennoch eben sehr männlicher Typ mit allen seinen Macken. Den jugendlichen Liebhaber, den hat er auch mal gespielt. Den Verführer auch, aber das mochte er nicht.

Die Rolle des Bösewichts hat ihn nie gereizt? Herrmann lacht. „Nein, da gibt es genug andere. Ich hatte da keine Lust zu und mein Publikum auch nicht.“ Konstanz als Erfolgskonzept. „Ich habe immer dieselbe Frisur, und ich spiele immer Komödien“, sagt Herrmann, und dann beißt er in seine Currywurst und sieht sehr zufrieden aus.

Über die Bühne toben

Dann kommt Nora von Collande vorbei. „Salut“, sagt Herrmann zu ihr. Immerhin ist er gebürtiger Schweizer, sie wohnen im Tessin, das muss man manchmal auch raushören. Herrmann und seine Frau beobachten die Theaterszene genau. Was wird gespielt in London und Paris. Was kann man davon nach Deutschland importieren. Autor Sibleyras war bei der Premiere seines Stücks in Berlin dabei. Und überrascht, wie viel Collande und Herrmann da über die Bühne tobten. In Paris spielten die Schauspieler vorwiegend im Sitzen. „Wir finden es wichtig, die Zuschauer optisch zu unterhalten“, sagen die beiden. Am Sonntag, zur Geburtstagsgala, wird auch um die Bühne herum einiges los sein. Ob er einen Wunsch zum Geburtstag hat? Bevor Herrmann etwas eingefallen ist, weiß Collande schon was. Allerdings für ihren Geburtstag: „Ich wünsche mir, mal für ein paar Wochen in Paris zu sein.“ Warum sollte es im Leben auch anders sein als auf der Bühne.

Anderthalb Stunden zu spät: Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209, bis zum 28.6., täglich außer Montags