Kluft zwischen Arm und Reich, Leistungsgesellschaft, Flüchtlingspolitik, Medienkritik – unsexy Themen? Klar, kann alles schwer langweilig sein, kann aber auch krachen. Dann nämlich, wenn die Anarchoband „Deichkind“ mit ihrer Mischung aus Hip Hop und Elektropunk, Hüpfburgen und Schlauchbooten, Pyramidenhüten und Karomasken sich den Themen annehmen. Dann werden sie nicht wie in der jungendfeindlichen Tagesschau mit viel Staub und Pathos aufbereitet, sondern mit Tütenweise Federn und ein bisschen Glitzer-Glitzer. Außerdem dürfen die Fans nebenbei eine riesige Party feiern, diesmal in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle.
Soeben hat das Hamburger Spaßkollektiv sein sechstes Album „Niveau Weshalb Warum“ auf den Markt geschmissen. Und weil die Band sich fast ausschließlich über ihre Liveshows finanziert, tourt sie derzeit wieder durchs Land. Meistens stellt Deichkind seine neuen Songs und Videos nämlich gleich selbst kostenlos ins Netz, nach dem Motto: Was umsonst ist, kann man nicht klauen. Das Konzept geht auf, schließlich wissen sie, dass die Fans ihre Musik nicht nur hören, sondern erleben wollen.
Deichkind wissen, wie man ein Ereignis inszeniert
Und so laden sie regelmäßig zu ihrer Choreographie des Chaos: Mit LED Leuchten, pinken Großhirnen, Pappkreuzen auf der Brust springen sie an Gummiseilen, surfen mit Skateboard und Segel über die Bühne oder mit einem aufblasbaren Gummireifen über die Hände des Publikums. Deichkind wissen aber nicht nur wie man ein Ereignis inszeniert, sondern auch, wie man kluge Texte schreibt, die Jugendliche bis hin zur so genannten Generation Y ansprechen. In „Denken Sie groß“ spielen Sie mit dem „work hard, play hard“-Motto junger, geldfixierter „Leistungsträger“: Denken Sie groß, wie Calmund's Appetit/ So wie Baumgartner, wenn er in das All fliegt/ In harten Zeiten muss man Leistung zeigen/ Wie ein Schwertransport voll mit Platinscheiben“.
Dabei will diese Generation ja eben nicht bedingungslos leisten und der Nachwuchs der Generation Burn-out sein, sondern Geld lieber gegen Zeit eintauschen. Zum Bespiel gegen Zeit zum Feiern. Ihre Deichkind-Hymnen heißen „Arbeit nervt“, „Remmidemmi“ und „Bück dich hoch“ – Persiflagen auf die Generation Praktikum. Der Deichkind-Kern um Sebastian Dürre alias Porky, Philipp Grütering alias Kryptik Joe, Ferris Hilton und Bühnenregisseur Henning „La Perla“ Besser geht zwar gesammelt auf die 40 zu und steht seit fast 20 Jahren auf der Bühne, aber im Herzen bleibt er Jungrebell.
Oben sitzt ein Kollege und schwenkt eine schwarz-weiße Fahne
In „Like mich am Arsch“ führen sie die Facebook-Logik ad Absurdum: „Gefällt mir! Riesen-Oktopus entdeckt. Like den Button. Scroll to the next. Gefällt mir! Der neue Fixiestore. Warum hab ich’s geliked? Ich verabscheue Sport. Gefällt mir! Dass dir das nicht gefällt. Klappe zu, Stecker ziehen, raus in die Welt.“ Gaga-geniale Medienkritik.
Der Höhepunkt aller Deichkind-Konzerte ist seit Jahren das traditionelle „Roll das Fass rein“, bei dem die Masken-Männer in einem überdimensionalem Weinfass durchs Publikum rollen, oben drauf sitzt ein Kollege und schwenkt eine schwarz-weiße Fahne. Kurzes Stocken. Schwarz-weiße Fahne? Erinnert derzeit vor allem an die Terrororganisation IS. Dann Erleichterung. Auf der anderen Seite der Fahne steht: „Refugees Welcome“-Flüchtlinge Willkommen. So macht man Tagesschau-Themen sexy.


