Peter Zander

„And the Oscar goes to...“ Das sind die magischen fünf Worte, wenn in der Nacht zu Montag im Dolby Theatre in Los Angeles zum 87. Mal die Oscars verliehen werden. Es ist die Nacht der Nächte, mit der die sogenannte „Award Saison“ endet – nach all den Filmpreisen vom Golden Globe bis zu den Baftas. Die Nacht, bei der alle dabei sein wollen. Bei der sich die Stars am roten Teppich drängeln und Milliarden weltweit an der Glotze sitzen. Aber wer hat in diesem Jahr die größten Chancen, wie viele Hoffnungen darf sich Deutschland machen, und wohin geht es nach der Show? Wir haben das Wichtigste rund um den Preis zusammengetragen.

Der Preis

Ganze 34,29 Zentimeter misst der Academy Award, und sein Materialwert kommt gerade mal auf schnöde 300 Dollar. Der Oscar besteht größtenteils aus einer Nickel-Kupfer-Silber-Form und ist nur mit einer hauchdünnen, aber immerhin 24-karätigen Goldlasur überzogen. Aber so vergleichsweise schnöde der tatsächliche Wert, so prestigeträchtig ist der ideelle Wert: Wer einen Oscar bekommt, steigt automatisch in der Gehaltsliste. Kann doch künftig auf jedem Plakat mit dem Oscar-Winner geworben werden. Und auch beim Anpushen eines neuen Projekts ist es immer hilfreich, Produzenten einen interessierten Oscar-Sieger nennen zu können.

Die Kritik

Noch im Vorfeld der Verleihung hat es einige Unmutsäußerungen gegeben. Ava DuVernay, die afroamerikanische Regisseurin des Martin-Luther-King-Films „Selma“, kritisierte, heterosexuelle weiße Männer hätten in Hollywood seit jeher die Fäden in der Hand, die Hürden, die man als Frau nehmen müsse, seien enorm, erst recht als schwarze Frau. Deshalb hat sich die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Oscars vergibt, zu einem unkonventionellen Schritt entschieden: Obwohl es ein gut gehütetes Geheimnis ist, wer die derzeit über 6000 Mitglieder sind, haben sich einige von ihnen (die Namen wurden nicht genannt) im „Hollywood Reporter“ in Interviews geäußert. Ein älteres, weibliches Mitglied bekannte sich dort: „Ich bin die Gerüchte leid, dass wir absichtlich manche Filme abkanzeln. Für jedes ‚Abkanzeln‘ in der Vergangenheit hatten wir gute Gründe.“ Und im Falle von „Selma“ traue sich niemand zu sagen: „Es ist ein gut gemachter Film, aber ohne echte Kunst.“ Wäre der Film von einem 60-jährigen weißen Mann gemacht worden, „wäre er gar nicht erst so weit gekommen“.

Der Moderator

Gerade bei den Oscar-Moderatoren kann man DuVernays Kritik widerlegen. Im vergangenen Jahr führte zum wiederholten Male die offen lesbische Ellen De Generes durch den Abend, diesmal ist es erstmals der offen schwule Neil Patrick Harris, der erst vergangenen September seinen langjährigen Partner David Burtka geheiratet hat. Der 41-Jährige, bekannt aus der Kultserie „How I Met Your Mother“, ist berühmt für seine Tony-Moderationen. Beim Oscar 2010 hat er das Opening gesungen. Und er verspricht: „Ich will mit meinem Humor anecken!“ Dennoch gibt er zu, nervös zu sein, hat De Generes 2014 doch mit einem spontanen Star-Selfie Oscar-Geschichte geschrieben. „Dein Selfie war spektakulär“, gab Patrick Harris in De Generes’ Talkshow „Ellen“ zu, „der schwebt jetzt über meinem Kopf wie eine dunkle Wolke. Wie soll man ein Selfie überbieten, das das Internet kaputt gemacht hat? Ich sehe dieses Bild in meinen Alpträumen.“

Der Teppich

Fast 150 Meter lang und zehn Meter breit ist der rote Teppich, über den die Stars schreiten. Er bietet zirka 3.700 Quadratmeter Fläche zum Posieren. Im vergangenen Jahr allerdings hat, man erinnere sich, ein enormer Regenguss die Preshow am Teppich buchstäblich verhagelt und nicht nur die Stars und Sternchen vor spontane Roben- und Frisurenprobleme gestellt, sondern auch den Teppich stark in Mitleidenschaft gezogen. Bislang war es gute Tradition, dass Teile des berühmten „Red Carpet“ jährlich wiederverwertet wurden. Diesmal jedoch wurde ein brandneuer Bodenbelag hergestellt, den über 20 Helfer vor dem Dolby Theatre ausgerollt haben. Die Farbe ist übrigens kein helles Rot, sondern ein dunklerer Ton namens „Cayenne“.

Die Favoriten

Die meisten Nominierungen bringen zwei Filme auf: „Birdman“, Alejandro González Iñárritus brillante Satire auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie bringt es ebenso auf neun Nennungen wie Wes Andersons schrill-eskapistische Slapstickkomödie „Grand Budapest Hotel“, die in Babelsberg gedreht und koproduziert wurde. Auf Platz drei folgt mit acht Nominierungen „Imitation Game“ über den Mann, der den Enigma-Code knackte. Als Sieger des Abends könnte sich aber „Boyhood“ herausstellen: Richard Linklaters über zwölf Jahre immer wieder mit denselben Schauspieler gedrehtes Drama ist zwar nur sechs Mal nominiert, ist aber schon bei den Golden Globes an den Konkurrenten vorbeigezogen. Bei den männlichen Darstellern dürfte es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben zwischen Michael Keaton für seinen „Birdman“ und Eddie Redmaynes Darstellung des Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Ein ähnliches Duell gibt es wohl bei den Damen zwischen Juliane Moore für das Alzheimer-Drama „Still Alice“ und Reese Witherspoon für das Ich-bin-dann-mal-weg-Drama „Wild“. Bei den Globes haben jeweils Redmayne und Moore gewonnen.

Die Deutschen

Der deutsche Oscar-Kandidat für den besten ausländischen Film, Dominik Grafs Schillerlocke „Geliebte Schwestern“, ist gar nicht erst auf die Shortlist, geschweige denn bis zu einer Nominierung gekommen. Die deutschen Chancehn bleiben in diesem Jahr deshalb beschränkt. Wim Wenders immerhin könnte es bei seiner dritten Nominierung in der Sparte Dokumentarfilm schaffen, gibt sich aber bedeckt: „Ich werde dieses Mal zumindest nicht in die Falle tappen, auch nur im Entferntesten damit zu rechnen“, gab er der Morgenpost vorab zu. Der in Los Angeles lebende Komponist Hans Zimmer hat für seinen Score zum Sciencefiction-Film „Interstellar“ sogar schon seine zehnte Nominierung. Hoffnungen können sich auch Christoph Fisser und Car Woebcken vom Studio Babelsberg machen. Auch wenn sie selbst nicht nominiert sind, „Grand Budapest Hotel“ ist eine Koproduktion mit ihrem Studio. Vielleicht gibt es ja wieder ein Augenzwinkern für Deutschland, wie damals bei Kate Winslet und dem Oscar für den „Vorleser“. Einer immerhin kann sich im Oscar-Glanz sonnen: Der Hamburger Peter Baum hat mit seinem MAT-Team den Technik-Oscar für die Entwicklung der sogenannten Towercam Twin Peek gewonnen, einer Spezialkamera für Effekte in engen Räumen. Die Technik-Oscars wurden aber bereits am 7. Februar verliehen.

Die Rekordhalterin

Keine Oscar-Verleihung ohne Meryl Streep. Die 65-Jährige ist die Queen von Hollywood. Niemand wurde je öfter nominiert. In diesem Jahr ist sie bereits zum 19. Mal nominiert. Seit 1979 war sie im Schnitt jedes zweite Jahr nominiert. Das ist einsamer Rekord. Doch sie hat „erst“ drei Trophäen nach Hause gebracht, den letzten 2012 für ihre Darstellung der Margaret Thatcher in „Iron Lady“. Einen Rekord gilt es daher noch zu knacken: Katherine Hepburn hat, bei „nur“ zwölf Nominierungen, vier Oscars gewonnen. Sie gilt es ein-, wenn nicht zu überholen. Ob die Streep in diesem Jahr mit der bösen Hexe im Muscial „Into the Woods“ den Gleichstand erreicht, ist eher unwahrscheinlich. Die meisten tippen eher auf Patricia Arquette für ihren Zwölf-Jahres-Part in „Boyhood“. Aber Frau Streep hat ja noch Zeit: Die Hepburn hat ihren vierten Oscar erst im Alter von 74 bekommen.

Die Kleidung

Die wichtigste Frage auf dem Teppich lautet: Wer bist du? Bei so vielen Stars können die armen Klatschjournalisten hinter der Kordel unmöglich jedes Gesicht wiedererkennen. Zumal manches sich ja auch derart geändert hat, dass von Erkennen keine Rede mehr sein kann, siehe Uma Thurman nach ihrem Lifting-Gau. Die zweitwichtigste Frage aber ist: Wen trägst du? Wie in jedem Jahr drängen sich die angesagten Couturiers geradezu darum, die Hollywood-Diven in ihre edelsten Roben einzuhüllen. Kostenlos natürlich, schließlich kann es keine bessere Werbung geben, wenn die Welt am Fernseher mitschaut. Auch Schmuckdesigner und Coiffeure stellen ihre Dienste dafür gern zur Verfügung. Allerdings vertrauen viele Stars dabei den großen Namen mehr als dem eigenen Geschmack. Und so wird es nicht nur Eyecatcher zu sehen geben, sondern bestimmt auch wieder den einen oder anderen Mode-Unfall. Das aber ist mit das Spannendste an der sogenannten Red-Carpet-Show.

Die Partys

Und wohin geht’s danach? Diese Frage ist fast genauso wichtig wie die nach der passenden Garderobe. Nach der Oscar-Verleihung wird vor Ort im Dolby Theatre weitergefeiert, beim sogenannten Governors Ball, wofür sich auch schon 1.500 Prominente angesagt haben, darunter natürlich auch die Gewinner. Der Ballsaal soll mit Tausenden Fotos aus dem Academy-Archiv dekoriert werden, und Hollywoods Promi-Koch Wolfgang Puch tischt dazu Thunfisch-Tartar und Hühnchen-Potpie auf. Nicht wenige werden aber zu Elton Johns Aids Foundation Viewing Party abwandern, die im West Hollywood Park gefeiert wird. Die ist bekannt für gute Live-Musik, vielleicht greift auch der Meister selbst zum Mikro. Eine der begehrtesten Alternativen ist die Vanity Fair Party, die vom Sunset Boulevard ins Wallis Annenberg Center for Performing Arts umgezogen ist. Die Fete des Hochglanzmagazins gilt als eine der heißesten Partynächte.