Filmpreis

Golden Globes 2015 - Ganz Hollywood ist Charlie

Auch die 72. Verleihung der Golden Globes stand ganz im Zeichen der Anschläge von Paris. Um die Filme ging es mal nur am Rande. Dabei stach „Boyhood“ überraschend den Favoriten „Birdman“ aus.

Foto: Paul Buck / dpa

Man sagt ja gern, Hollywood sei eine Traumfabrik. Eine Kunstblase, ein Elfenbeinturm, fernab von jeder Realität. Das hat nie so wenig gestimmt wie an diesem Abend der 72. Verleihung der Golden Globes in Beverly Hills. Sind die Stars es sonst gewohnt, dass die ganze Welt auf sie schaut wie sonst nur noch bei der Oscar-Verleihung, so war an diesem Sonntag allen, die zur Verleihung kamen, klar, dass das wichtigere Ereignis an diesem Tag fernab, in der alten Welt geschehen ist: in Paris, wo so viele Regierungschefs in seltener Eintracht nebeneinander durch die Straßen marschierten.

Klare politische Statements

Aber auch im fernen Los Angeles konnte man Solidarität bekunden. In mehrerlei Hinsicht. Helen Mirren steckte sich einen Bleistift als Brosche an, Kathy Bates hielt ihr Smartphone mit dem „Charlie“-Logo in die Kameras, und George Clooney trug einen „Je suis Charlie“-Button am Revers. Clooney, der an diesem Abend trotz seiner erst 53 Jahre den Preis fürs Lebenswerk erhielt, sprach auch in seiner Dankesrede angesichts der weltweiten Trauermärsche von einem „außergewöhnlichen Tag“, weil Millionen Menschen auf die Straßen gegangen seien und gezeigt hätten, dass sie keine Angst hätten.

Klare Worte fand auch Theo Kingma, der Chef des Verbandes der Auslandspresse in Hollywood, welcher über die Globes entscheidet. „Gemeinsam“, so der Gastgeber des Abends, „werden wir zusammenstehen gegen jeden, der das Recht auf freie Meinungsäußerung unterdrückt.“ Das gelte für jeden Ort der Welt, „von Nordkorea bis Paris“. Bei diesen Worten stand der ganze Saal auf. Auch ganz Hollywood, so die klare Botschaft, ist Charlie.

Seitenhiebe auch auf Nordkorea

Dabei ist für die amerikanische Filmbranche das Trauma um die zeitweise abgesetzte King-Jong-un-Filmsatire „The Interview“ und die Hackerattacke auf das Sony-Filmstudio vielleicht die empfindlichere, weil unmittelbare Wunde, die die Traumfabrik mitten ins Herz traf. So gab es auch zahlreiche Seitenhiebe auf Nordkorea an diesem Abend mit Sprüchen wie: „Lassen Sie uns die Filme feiern, die Nordkorea uns durchgehen ließ.“ So politisch wie bei dieser 72. Verleihung war es bei den Globes höchstens nach 9/11. Da passte es sogar, dass als bester Filmsong „Glory“ von John Legend und Common ausgezeichnet wurde: Das Lied aus dem Bürgerrechtsdrama „Selma“ ist in den vergangenen Monaten auch immer wieder bei Protesten gegen die Polizeigewalt in den USA angestimmt worden.

Die Filme schienen dagegen fast Nebensache. Und das ist umso bedauerlicher, als diesmal ein immens starkes Filmjahr im Rennen war. Die größte Überraschung: Der Sieger des Abends war nicht „Birdman“ von Alejandro Gonzáles Iñárritu, der mit sieben Nominierungen der große Favorit war. Sondern „Boyhood“ von Richard Linklater, der nur fünf Mal nominiert war, aber drei Trophäen einheimste, während „Birdman“ nur auf zwei kam. Überraschung auch im Komödien-Musical-Bereich, wo nicht die Musicalverfilmung „Into The Woods“ gewann, sondern Wes Andersons liebevoll durchgedrehte Komödie „Grand Budapest Hotel“, übrigens eine Koproduktion von Studio Babelsberg, die gänzlich in Deutschland gedreht wurde.

Auch die Berlinale darf sich freuen

Darüber darf sich dann auch die Berlinale mitfreuen, denn die wurde 2014 ja mit Wes Andersons „Hotel“ eröffnet, und Linklaters „Boyhood“ war dort der klare Favorit, auch wenn er am Ende nicht den Goldenen Bären gewann, sondern nur den Regie-Bären (und, nebenbei, den Leserpreis der Berliner Morgenpost). „Boyhood“ ist in der Filmgeschichte ein bislang einzigartiges Experiment: weil es über zwölf Jahre hinweg den Werdegang eines anfangs Sechsjährigen in Echtzeit durchspielt, wofür das Filmteam sich auch wirklich Jahr für Jahr immer wieder für ein paar Drehtage traf.

Damit marschiert der Außenseiter jetzt auch straff auf die Oscars zu. Denn die Globes gelten von jeher als Vorbote für die Academy Awards. Auch wenn es inzwischen so viele Filmpreise im Vorfeld der Oscars gibt, das man von einer ganzen „Award Season“ spricht und obschon bei den Globes, anders als beim Oscar, zwischen den Sparten Drama und Komödie unterschieden wird, gilt für viele noch immer die Faustregel: Wer den Oscar will, muss erst mal den Globe kriegen. Der Globe ist immer der zweitwichtigste Preis: bei den Filmen nach dem Oscar und bei den Fernsehproduktionen, die hier auch ausgezeichnet werden, nach den Emmys.

Überraschungen im TV-Bereich

Beim Film haben sich Hollywoods Auslandskorrespondenten überraschend für den kleinen Kunstfilm und gegen das große Starkino entschieden. Und beim Fernsehen waren sie fast noch revolutionärer: Die Serie „House of Cards“, für die Kevin Spacey als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, lief in den USA nie regulär im Fernsehen, sondern auf Netflix. Und „Transparent“, die zur besten Comedy-Serie gekürt wurde, ist eine Amazon-Produktion, die nur in dessen Streamingangebot zu sehen war. Das sind neue Abspiel- und Vertriebsmöglichkeiten, die die klassische Film- und Fernsehbranche in Hollywood von innen fast genauso herausfordern wie die Hackerangriffe von außen.