Was wäre die Kunst ohne ihre Gläubigkeit, ohne dieses unerschütterliche Vertrauen in ihre wundersamen Energien? Nichts hat ihn je irre werden lassen, den Otto Piene, Stammvater aus dem Heldengeschlecht der Zero-Künstler. Ein paar Tage ist es erst her, dass wir ihm zum letzten Mal begegnet sind.

Er im Rollstuhl, ein wenig gebückt unter der Last seiner 86 Jahre, und doch stolz auf seine große Ausstellung, die ihm die Nationalgalerie und die Deutsche Bank Kunsthalle eingerichtet haben, und noch immer wach im Traum von der Kunst, die aus dem Bild aussteigt und sich mit den Elementen verbündet und auffährt zum Himmel, zur Sonne, wohin sie ihr Lichtschicksal bestimmt hat. Nur schwer fasst man die Nachricht, dass er seinen Traum zum letzten Mal geträumt hat. Einen Tag nach der festlichen Eröffnung in Berlin ist Otto Piene gestorben.

Unmittelbar vor seinem Tod hatte Piene am Donnerstag auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie eines seiner bekannten Sky Art Events vorbereitet. Auf der Rückfahrt im Taxi sei Piene friedlich gestorben, teilte die Düsseldorfer Zero-Foundation am Freitag mit. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte ihn als einen der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit. Der Kunst habe er neue Wege gewiesen, indem er Licht und Bewegung zum Thema vieler seiner Objekt gemacht habe. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach von einem tragischen Tod. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sagte, Piene sei mit seinen Werken in eine neue Dimension der Kunst vorgestoßen: „Seine Installation in der Neuen Nationalgalerie bezaubert uns alle.“

„Sky Art Event“ findet statt

Piene lebte seit Jahrzehnten in den USA, besuchte aber regelmäßig Deutschland. Bei der Vorstellung seiner Doppelausstellung „Otto Piene. More Sky“ in Berlin sagte er noch am Mittwoch: „Ich bin sehr froh, sehr glücklich, dass ich jetzt hier bin.“ Das „Sky Art Event“ mit drei großen, aufblasbaren Skulpturen in Sternform soll trotz des Todes seines Schöpfers am Sonnabendabend in den Himmel steigen. Das sei der Wunsch seiner Familie, teilten die Veranstalter mit. Der Luftraum sei der einzige, der dem Menschen fast unbegrenzte Freiheit biete. So hat es der hochträumende Künstler 1961 gesagt. Und so hat er es immer wieder gesagt und noch einmal gesagt, als er sein Team in die letzten Vorbereitungen für den großen „Sky Art Event“ einwies.

Versteht man noch heute, wie der Glaube an die Vernunft in der Geschichte, an die Vernunft in der Kunst in die Nachkriegsköpfe kommen konnte? Wie die Künstler von Reservaten träumten, wohin ihnen kein Galerist, kein Kritiker, kein Publikum folgen würde, wo Gärten blühten, „die noch kein Gärtner geträumt“ und Arten gedeihten, die noch kein Mensch je gesehen: „Wälder aus Schwämmen, Reliefs aus Nagelstäben, Raster aufsteigender Rauch- und Feuersäulen, … Katapulte von Lichtblitzen“.

Die futuristische Vegetation ist in der dritten Nummer der Zeitschrift „Zero“ beschrieben, erschienen 1961. Die Züchter und Artenpfleger sind gut erkennbar. Für die „Wälder aus Schwämmen“ wäre Yves Klein verantwortlich, für die Nagelstäbe Günther Uecker, für die Lichtblitze Heinz Mack, für die Rauch- und Feuersäulen Otto Piene, der mit Heinz Mack zusammen schon damals die schönsten Worte fand für die angebrochene neue Zeit: „Jetzt sind die Bilder nicht mehr Verliese, die den Geist und seinen Körper fesseln, sondern Spiegel, von denen Kräfte auf den Menschen übergreifen, Ströme, die sich frei im Raum entfalten, die nicht ebben, sondern fluten …“

Der Sound hat einen fernen Hall bekommen. Und wer wollte die Altersfurchen übersehen, die sich in das museal versteckte Werk eingegraben haben. Mit Hingabe und Sorgfalt erinnern die Nationalgalerie und die Deutsche Bank Kunsthalle noch einmal an den Luftschiffer Otto Piene, der schon in den frühen Fünfzigerjahren schwerelose Figuren durch den Bildraum schweben ließ.

Wie er seinen Bildern von Anfang an die Mitteilsamkeit nahm, wie er im Spiel mit gerasterten Strukturen die auftrumpfend erfinderische Geste abtöten wollte, wie er mit anrührend powren Mitteln experimentierte und doch in jedem Gelb die Sonne glühen und in jedem Rot das Feuer lodern und in jedem Weiß die Unendlichkeit nahen sah, wie er seine Bilder mit Rauch und Feuer bearbeitet hat, und wie sie sich über dem kontrollierten Zufall immer mehr der informellen Malerei anglichen, das alles verbindet sich in der exquisiten Auswahl der Ausstellung noch einmal zu einem noch immer anregenden Kapitel der bundesdeutschen Kunstgeschichte in der Adenauer- und Erhard-Epoche.

Bereits Ende der 60er-Jahre war Piene, der 1928 in Bad Laasphe geboren wurde und in der ostwestfälischen Kleinstadt Lübbecke aufgewuchs, vom Massachusetts Institute for Technology (MIT) an das neu gegründete Center for Advanced Visual Studies berufen worden, wo er seinen Utopien vom Kräfteverbund aus Kunst und Technik akademische Gestalt geben konnte. Vor allem aber standen ihm dort die „fortschrittlichen Technologien“ zur Verfügung, mit denen sich fortschrittliche Kunst machen ließ.

Piene-Installationen muten wie „Das neue Universum“ an

Aus den Anfangsjahren stammt auch das Spektakel „The Proliferation of the Sun“, das in Anspielung auf den Non Proliferation Treaty der Atommächte den friedlichen Überschuss der Sonnenenergien preisen wollte. Man tastet sich durch die nächtliche dunkle Halle der Nationalgalerie, umgeben von riesenhaften Leinwänden, auf denen im Rhythmus der ehemaligen Karussell-Projektoren farbige Formen aufblitzen – Kreise, Kugeln, Bulben, Blasen, Tropfen, Birnen, Nieren, zerplatzende Zellen, monströse Moleküle, wie unter dem Riesenmikroskop betrachtet.

Ursprünglich 1120 Glasdias, „handgemalt“, dazu vom Band die Voice of Order des Regisseurs, der das technische Personal zu dynamischen Anpassungen anhält. Und wenn er im Stakkato zu „White Power“ aufruft, dann kommt man sich ein bisschen vor wie in den Wochenschauen damals, als sie vom Start der ersten Raumschiffe geschwärmt haben. Für Piene-Novizen eine sichere Einstiegsdroge. Wem schon bei den Uraufführungen der Zukunftsfrohsinn ein wenig verdächtig vorkam, dem gebricht es nun auch beim digital remasterten Näherrücken der Sonne an der gebührenden Andacht.

Eigentlich muten die Piene-Installationen alle wie Illustrationen aus dem Jahrbuch „Das neue Universum“ an, mit dem die männliche Jugend der 50er- und frühen 60er-Jahre in den Technikfortschritt eingeübt worden ist. Was nicht zuletzt dem mitunter bedenklichen Widerspruch zwischen den hochfahrenden Ansprüchen und den kuriosen Apparaturen geschuldet sein mag. Die „Lichtballette“, die Piene mit drehbaren Lochscheiben in die Galerieräume projizierte, haben ja bereits in den 60er-Jahren etwas wundersam Infantiles gehabt. Schon damals hat man sich an die Fingerspiele erinnert gefühlt, die Hase, Hund & Co an die Kinderwand zaubern. Nur dass bei Pienes tanzenden Lichtern allemal kosmische Kräfte am Werk und Wirken sein sollten.

Wie einen der Computer gelegentlich auffordert, dringend einen Neustart vorzunehmen, so ist auch das Jahrhundert der Avantgarden durchsetzt gewesen von strikten Anweisungen, alle Kunstprogramme zu schließen, das System herunterzufahren und den Neuanfangsvorschriften genau zu folgen. Zero war so eine Neuanfangsvorschrift mit europäischer Reichweite. Wobei es weniger um ästhetische Aufrüstung ging als um Rückzug an die kulturunberührten Weltränder, wo die Kunst noch einmal eine Chance bekommen sollte. Otto Piene hat den Weg dorthin am genauesten beschrieben: „Seit grauer Vorzeit haben Künstler Bilder und Träume gestaltet, die Fantasie angeregt, Luftschlösser der Sehnsucht gebaut, um der Welt Flügel zu geben, und die Möglichkeit, neue, andere Welten am Firmament zu erblicken.“

Es ist immer nur der Tod, der die Flügel stutzt und die Firmamente verfinstert.