Zitadelle Spandau

Lana del Rey - die Königin der Retro-Coolness in Berlin

Für ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr ist Lana del Rey nach Spandau gekommen - und begeistert die mehrheitlich weiblichen Fans. Nur eine Zugabe bleibt nach intensiven 70 Minuten aus.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Auf den ersten Blick scheint die Zitadelle Spandau nicht der geeignetste Ort für die dezent depressive, zwischen Tristesse und Lebenslust umherirrende Gefühlswelt von Sängerin Lana del Rey zu sein. Diese Musik schreit nach Dunkelheit, nach dem zitternden Neonschein eines nächtlichen Highway-Diners, nach dem Rotlicht eines heruntergekommenen Casino-Ballrooms, nach der verblichenen Kulisse eines zweitklassigen Sixties-Hollywood-Dramas.

Als die Sonne sich verzieht, wird es etwas kühl an diesem Freitagabend in Spandau. Die mehr als 6000 mehrheitlich weiblichen Fans, viele tragen Blumen im Haar, stört das überhaupt nicht und sie schwelgen in Jubel, als die Königin der Retro-Coolness Punkt 20.30 Uhr für ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr charmant lächelnd im weißen Minikleidchen auf die Bühne schreitet, um neben ihren Hit von „Born To Die“ bis "Summertime Sadness" auch einige Songs ihres neuen, von Black-Keys-Musiker Dan Auerbach produzierten Album „Ultraviolence“ live aufzuführen.

„Cola" singt sie zum Auftakt, wie schon vor gut einem Jahr bei ihrem letzten Berlin-Gastspiel. Es folgen das ätherisch schwebende „Body Electric“ und der hymnische Song „Blue Jeans“, sie wird mit frenetischem Kreischen gefeiert. „Wow!“ entfährt es ihr beim Blick über die hörige Masse. „This is so special. We love you so much!“.

Die Sängerin mit der beschwörend dunklen Stimme, die urplötzlich in höchste Höhen ausbrechen kann, hat die Regeln des Popgeschäfts verstanden und sich in gerade mal ein paar Jahren eine klug durchgestylte, massenwirksame Bühnenpersona erschaffen. Aus der blonden Elizabeth Woolridge Grant, Tochter aus gutem Hause aus Lake Placid im Staat New York, wurde nach ersten musikalischen Gehversuchen die Stilikone Lana del Rey. Ein Popstar, eine ganz den amerikanischen 50er- und 60er-Jahren verpflichtete Entertainerin, die vor drei Jahren mit höchst zeitgemäßen Nachtclub-Songs, juvenilen Crooner-Balladen und tatkräftigem Internet-Einsatz zum Gesicht und zur Stimme ihrer Generation wurde.

Kein kurzlebiges You-Tube-Phänomen

Ihr erster Titel „Video Games“, den es später natürlich auch im aktuellen Programm zu hören gibt, erreichte innerhalb eines Monats mehr als eine Million Aufrufe. Bis heute wurde das mit Versatzstücken aus Homevideos und Hollywoodfilmen zusammengeschnittene Video mehr als 57 Millionen Mal angesehen. Das erste Major-Album „Born To Die“ verkaufte sich weltweit mehr als fünf Millionen Mal.

Es sind solche Zahlen, an denen im Pop der Erfolg gemessen wird. Mit „Ultraviolence“ wird sie den erwartungsgemäß noch einmal toppen. Eines ist klar: Das kurzlebige You-Tube-Phänomen, als das die inzwischen in Kaliforniern lebende Musikerin gern abgetan wurde, ist Lana del Rey nicht. Dazu hat sie in ihrer steilen Karriere einfach zu viele Dinge richtig gemacht.

Zwischen lasziver Lolita und unnahbarer Diva

„West Coast“ ist das erste neue Stück des Abends. Lana del Rey bleibt ihrem Konzept weitgehend treu, hat die Koordinaten aber verfeinert. Sie spielt mal die laszive Lolita, mal die schmollmündig unnahbare Diva, mal das von Todessehnsucht getriebene Girl-Next-Door. Ein Bad Girl, das auf der Bühne auch schon mal zur Zigarette greift. Hier ein bisschen „Mad-Men“-Ästhetik, da ein bisschen Hippie-Romantik, dann wieder großes Gefühlskino mit dem passenden Soundtrack, inzwischen gern auch mit Rockgitarren verfeinert. „Born To Die“ war sozusagen die erste Staffel der Pop-Soap vom Aufstieg des All-American-Girls, mit „Ultraviolence“ - der Titelsong ist nun auch im Repertoire - hat sie sich in Staffel zwei noch einmal erheblich gesteigert.

Diese meist zeitlupenhaft mäandernde Poesie birgt allerdings auch die Gefahr der Gleichförmigkeit, der Oberflächlichkeit, die mit Langeweile einherzugehen droht. Dabei sind die Songs von Lana del Rey, die am Sonnabend 28 Jahre alt wird, durchaus nicht nach gängigem Schema gestrickt. Sie schert immer wieder aus, spielt mit Tempowechseln wie in „West Coast“, lässt Twang-Gitarren flirren, nutzt jede Menge Hall-Effekte, baut auch mal atonale Schlenker in ihre gar nicht so heile Klangwelt ein. Und sie beweist sich als stimmversierte Sängerin mit einer betörenden Alt-Stimme, die die pointieren Textzeilen mal klar artikuliert, dann wieder auf seltsame Weise vernuschelt.

Markenartikel zum Anfassen

Ihren Kritikern muss sie nichts beweisen. Sie hat die Fans auf ihrer Seite und sie weiß, was sie ihnen schuldig ist. Sie steigt von der Bühne, lässt sich fotografieren, schüttelt Hände, gibt Autogramme, ein Markenartikel zum Anfassen. Und am Ende erweist sich die Zitadelle mit ihrer morbiden mittelalterlichen Atmosphäre dann doch als ideale Kulisse für diesen kunstvoll eingenebelten, exakt inszenierten Filmsoundtrack. Das pompös lang anhaltende Stück „National Anthem“ steht am Ende eines so intensiven wie mit gut 70 Minuten etwas kurzen Abends. Der Applaus ist dankbar, euphorisch und langanhaltend. Lana del Rey kehrt dennoch nicht mehr auf die Bühne zurück.