Gerade hat Ville Tietäväinen Frau und Tochter zum Flughafen gebracht. Er selbst bleibt noch bis Ende Mai 2014 in Berlin. Der Finne ist Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) in Wannsee. Dort ist eine Ausstellung mit Einzelseiten aus und Recherchematerial zu seinem Buch „Unsichtbare Hände“ zu sehen, das nun auf Deutsch im avant-verlag erschienen ist. Morgenpost-Redakteurin Tanja Laninger hat den 43 Jahre alten Illustrator und Grafik-Designer in einem Café in Schöneberg getroffen.
Berliner Morgenpost: Herr Tietäviänen, Sie haben zusammen mit dem Anthropologen Marko Juntunen mehrere Wochen in Marokko und Spanien zur Lage von Flüchtlingen recherchiert. Sie haben mit Betroffenen, aber auch mit Menschenhändlern und Grenzpatrouillen gesprochen. Ihr Buch handelt von Korruption und Drogenhandel, vom Geschäft mit Elend und Ausbeutung. Wurden Sie nie bedroht?
Vielle Tietäväinen: Nein. Marokko war leicht, weil Marko dort drei Jahre gelebt hatte und alle kannte. Er ist Wissenschaftler, ich bin als sein Assistent aufgetreten. In Spanien war es schwierig. Wir haben das Vertrauen der „papierlosen“ Flüchtlinge, die in den Gewächshäusern arbeiten, gewonnen, weil wir als Journalisten aufgetreten sind. Das war nicht gelogen, wir haben später eine große Reportage in einer finnischen Zeitung geschrieben, die eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren hat und mehrere Millionen Menschen erreicht. Das Schlimme war: Du hast den Hoffnungsschimmer in den Augen der Entrechteten gesehen – dass eine Berichterstattung ihre Lage verbessert. Das ist nicht passiert. Als wir 2006 wieder nach Spanien kamen, nach Almeria, waren die selbstgebauten Unterkünfte der Flüchtlinge plattgewalzt, der Boden war vergiftet vom Einsatz der Chemikalien in der Gewächshausindustrie. Und von den Menschen, die wir kannten, haben wir niemanden mehr wiedergefunden.
Erscheint ihr Buch in Spanien?
Nein. Alle Verleger, die wir gefragt haben, haben ganz deutlich „Nein“ gesagt.
Wann waren Sie zuletzt in Spanien?
Das war 2006. Nachdem Marko Juntonen und ich unsere Reportage veröffentlicht hatten, gab es eine Kontroverse in Finnland. Sogar EU-Parlamentarier schrieben uns, dass sie sich für die Flüchtlinge einsetzen wollten. Wir haben nichts mehr von ihnen gehört. Aber die humanitäre Katastrophe ist geblieben. Da die Europäische Union sehr viel Geld zur Grenzsicherung ausgibt, ist eine Überfahrt, wie ich sie schildere, wohl noch schwieriger geworden. Marko Juntonen hegt die Vermutung, dass der Menschenhandel nun vor allem über falsche Papiere abgewickelt wird. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit in Spanien gestiegen, inzwischen sollen sogar Spanier in der Treibhaus-Industrie arbeiten.
Ihr Buch lässt einen mit Wut und einem schlechten Gewissen zurück. Denn viele Europäer kaufen das Obst und Gemüse, dass in diesen Gewächshäusern produziert wird – gerade weil es billig ist.
Mir geht es genauso. Wir Finnen leben im Winter davon. Und in der Textilindustrie ist die Problematik ähnlich. Ich bin überzeugt, dass individueller Aktionismus, der Boykott bestimmter Waren, nicht ausreicht. Wer etwas ändern will, muss sich direkt bei Politikern und der Industrie dafür einsetzen, dass die Menschenrechte geachtet werden. Dass solche Arbeitsbedingungen verboten werden. Außerdem müssen die Hersteller zur Transparenz verpflichtet werden. Wie bitte soll denn der Konsument wissen oder herausfinden, was wo produziert wurde?
Sie leben auf Einladung des LCB einen Monat lang in Berlin, am Wannsee. Das ist ein sehr schöner Ort. Und etwas abgelegen. In Kreuzberg am Oranienplatz haben Flüchtlinge monatelang gecampt und für bessere Lebensbedingungen protestiert. In Hellersdorf gibt es Proteste gegen und Anschläge auf eine Asylbewerberunterkunft. Bekommen Sie davon etwas mit?
Am Oranienplatz bin ich vorbeigekommen. Flüchtlinge protestierten. Es regnete. Ihre Schilder waren nass, ihre Zelte waren nass, ihre Kleidung war nass. Alles war nass. Es war traurig. Aber beschämt bin ich über Finnland. Wir lassen kaum jemanden rein. Schweden nimmt zum Beispiel viel mehr Syrer auf als wir. Wir beherbergen eine lächerliche Zahl an Immigranten und Flüchtlingen. Sie leben fast alle in Helsinki – wenigstens sieht die Stadt gesund gemischt aus. Der Rest des Landes dagegen ist so finnisch, dass es mir Angst macht.
Wie oft waren Sie schon in Berlin?
Das ist jetzt das dritte Mal.
Während des Gesprächs versucht die Redakteurin unauffällig nach ihrem angebissenem Toast zu greifen. Tietäväinen reagiert sofort und ruft aus: „Moment, Sie machen das Gesicht kaputt.“ Er fotografiert mit seinem Smartphone ihren Teller ab. Und sagt: „Das ist eine Marotte von mir. Ich sehe überall Gesichter und muss sie fotografieren. Inzwischen habe ich meine Tochter Aino infiziert. Sie ruft sehr oft: „Papa, da ist ein Gesicht.“ Er legt sein Smartphone wieder weg. Der Toast bleibt liegen. Vorläufig.
Herr Tietäväinen, was machen Sie den ganzen Tag in Berlin, außer Gesichter zu sehen und zu fotografieren?
Ich besuche Ausstellungen. Die von Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau ist beeindruckend. Die Häuser selbst sind es auch. Am Neuen Museum mag ich das absichtlich Unfertige nach der Renovierung: dass man die Geschichte des Hauses noch in Schichten sieht, dass es nicht so hochpoliert ist – wovon mir immer schwindlig wird. Außerdem sammele ich religiösen Kitsch. Ich habe bei Ave Maria an der Potsdamer Straße ein Jesus-Wackelbild erstanden.
Sind Sie religiös?
Nein, gar nicht. Aber ich habe mich sehr viel mit dem Islam beschäftigt. Ich musste ja in die Hosen meines Protagonisten Rashid schlüpfen, ihn verstehen. Er hat eine enge Beziehung zu Gott. Aber die Hölle, die er in Europa durchleidet, verändert seine Identität. Er muss alle seine Werte aufgeben. Er tut am Ende all das, wovor sein Vater ihn gewarnt hatte.
Ihr Buch „Unsichtbare Hände“ handelt also auch von Religion.
Es hat mich schon immer interessiert, wie und warum und woran Menschen glauben. In Finnland denken viele, dass alle Muslime gleich denken und handeln. Das ist natürlich nicht so. Davon handelt eine meiner Lieblingsszenen, von Seite 111 bis 116. Ich habe im Buch auch zahlreiche Bezüge zu realen Ereignissen verpackt, etwa das Zugbombenattentat in Madrid. So lasse ich einen Charakter sagen, dass diese „Happening“ mit Geld aus dem Cannabis-Handel finanziert wurde. Er sagt aber nicht Cannabis, sondern Kräuter. Es ist auch im echten Leben so, dass vieles in Andeutungen ausgedrückt wird und wir nicht immer sicher sein können, was der Sprecher tatsächlich meint. Genauso habe ich viele Sprechblasen keiner konkreten Person zugeordnet.
Das erschwert den Lesefluss...
Es ergibt sich aus der Handlung, wer spricht. Damit wollte ich dem Leser Platz geben, selbst nachzudenken. In vielerlei Hinsicht ist das Buch schwer zu lesen. Warum auch nicht? Man ist zu sehr gewohnt, dass Comics leichte Kost sind.
Ihr Buch erzählt die Geschichte von Rashid, den es so nicht gibt. Es ist keine Dokumentation, sondern setzt sich zusammen aus Eindrücken einer Langzeit-Beobachtung. Nur zwei Orte in Barcelona, die Ramblas und die Christus-Statue, sind echt.
Ich wollte keine Dokumentation machen, sondern ein Drama zeigen, und das so berührend wie möglich. In Finnland hat man das Buch als Fiktion aufgenommen. In Deutschland wird mehr der politische Aspekt gesehen, obwohl ich nicht offen politisch bin. Der Leser soll nicht meine Agenda oder Gedanken lesen. Er soll in die Welt des Protagonisten eintauchen. Das lässt Empathie zu, egal ob eine Person nun gut oder schlecht handelt. Ich hoffe wirklich, dass der Leser Flüchtlinge danach besser versteht.
Welche Technik setzen Sie ein?
Ich habe die Atmosphäre destilliert, ich wollte die Essenz zeigen, keine realen Orte – und trotzdem sollte alles ganz real wirken. Denn mir ist klar, dass viele Leser, viele Europäer, diese Orte nie zu Gesicht bekommen werden. Als Marko auf einer späteren Reise Zeichnungen mitnahm und sie unseren Gastgebern in Marokko zeigte, meinten die, bestimmte Straßen und Plätze in ihrer Nachbarschaft zu erkennen. Das freut mich, auch wenn es nur zusammengesetzte Bilder aus meinem Kopf sind.
Hinter ihrer Farbgebung verbirgt sich ein System?
Die Farben sind nicht realistisch, sondern komplementär. Braun und Rot stehen für Marokko. Siena, Türkisblau und Grün stehen für Europa. Das System basiert auf einem Vergleich. Dazu wollte ich freiwillige Unfälle haben, indem ich Ölpastell- und Wasserfarben mischte. Für Afrika ist der Ölanteil höher, für Europa der Wasseranteil. Beide versuchen, sich zu vermischen, und das bewirkt eine reichere Textur, als sie nur eine Farbe hergibt.
Ville Tietäväinen steht auf und geht zum Tresen. Er bestellt sich „ein Bier von hier“ und bekommt ein italienisches Bier, weil wir in einem italienischen Café sitzen. Er kommt zurück und seufzt und sagt: „Ich komme in Berlin nie dazu, Deutsch zu reden. Es ist so schlecht, dass mir alle sofort auf Englisch antworten. Ich hätte doch mehr als anderthalb Jahre Deutsch auf der Schule lernen sollen.“
„Unsichtbare Hände“ erscheint jetzt auf Deutsch, im kommenden Jahr in Frankreich. Sie haben inzwischen mit ihrer Tochter Aino ein neues Buch gezeichnet.
Aino hatte im Alter von drei bis sechs Jahren starke Alpträume. Ich habe sie sie erzählen und aufzeichnen lassen. Daraus ist unser Buch entstanden. Heute hat sie weniger Alpträume, aber sie ist inzwischen auch älter, und ich habe gehört, dass es vielen Kinder so ging wie ihr. Aber sie hat die Methode beibehalten, sich nach einem Alptraum hinzusetzen und die Monster auf Papier zu bannen. Sie macht mich dann immer noch wach und fragt nach Stiften und Blättern. Und sie hat mir erzählt, dass sie inzwischen ihre Alpräume kontrollieren kann. Ich wünschte, ich könnte das auch.
Woran arbeiten Sie jetzt?
Diesmal zeichne ich nur, das Buche mache ich zusammen mit dem Drehbuchautoren Iiro Küttner, der philosophische Märchen für Erwachsene geschrieben hat. Von „Tales by Trees“ ist die erste Folge schon erschienen, wir wollen bis Frühling 2015 zwei weitere veröffentlichen.
„Unsichtbare Hände“ wurde als Comic ein Bestseller, er ist in vierter Auflage mit 7000 Exemplaren erschienen. Davon kann man doch keine Familie ernähren?
Nein. Ich bin Illustrator und Grafikdesigner, habe 1995 mit zwei Kollegen ein Studio gegründet. Ich arbeite vor allem für Magazine. Für die Werbung arbeite ich immer weniger. Ich mag es nicht, wenn ich die Idee irgendeines Art-Directors umsetzen soll, der selbst gar nicht zeichnen kann. Ich setze lieber meine eigenen Vorstellungen um. Aber sobald ich eine Förderung oder ein Stipendium erhalte, kürze ich diese Tätigkeiten und arbeite an einem Comic. Ich mag die Abwechslung.





