Kunstfest Weimar

Wenn die Stadt zum Hauptakteur wird

Unter Nike Wagner stand das Kunstfest Weimar zehn Jahre lang im Zeichen der klassischen Musik. Nun soll das Kunstfest ein Festival für alle Künste werden. Der neue Kurator Christian Holtzhauer lässt einen großen Teil des Programms im öffentlichen Raum stattfinden.

Foto: Martin Schutt / dpa

Kunstfest Weimar – der Name soll ab sofort zum Programm werden. Es geht um die Kunst, das Fest und die Stadt. Zehn Jahre lag hat Nike Wagner die klassische Musik in den Mittelpunkt gestellt. Ihr Nachfolger Christian Holtzhauer möchte ein Festival für alle Künste gestalten, Theater, Tanz, Klassik, Jazz und Pop gleichberechtigt nebeneinander stellen. „Ich suche vor allem solche Produktionen, die selbst schon ästhetische Grenzen überschreiten“, sagt der Musik- und Theaterwissenschaftler, der vorher als Dramaturg beim Stuttgarter Staatsschauspiel gearbeitet hat.

Eröffnung in der Innenstadt

Ein richtiges Fest soll vom 22. August bis zum 7. September stattfinden. Anders als sonst gibt es diesmal viele Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Schon die Eröffnung wird mit Musik, Tanz und Party in der Weimarer Innenstadt gefeiert. „Ich möchte den Weimarern und den vielen Besuchern der Stadt das Gefühl vermitteln, dass hier im Kunstfest-Zeitraum tatsächlich etwas los ist, einen festlichen Ausnahmezustand erzeugen, viele Begegnungen und Gespräche über Kunst ermöglichen“, erklärt der neue Festivalleiter.

Humanismus und Barbarei

Außerdem macht er die Stadt zum Programm. Sie soll Hauptakteur, Themenlieferant und Bühne für das Festival sein. Die weltoffene Residenzstadt steht für Goethe, Schiller, Herder, Liszt, Bauhaus, für das aufklärerisch-humanistische Kulturerbe – aber auch für das Konzentrationslager Buchenwald.

20 Projekte hat der neue Kurator für die 25. Ausgabe des Kunstfests Weimar geplant. Das Festival beginnt mit zwei internationalen Gastspielen. Aus Frankreich kommt Christian Rizzos von orientalischer Folklore inspiriertes Tanzstück „l’association fragile“, das in Weimar seine Deutschlandpremiere feiert. „Ganesha gegen das Dritte Reich“ ist eine australische Produktion, die bei den Wiener Festwochen 2012 viel Aufsehen erregt hat. Geistig behinderte Schauspieler denken auf anrührende, witzige und intelligente Art darüber nach, wie man das Thema Nationalsozialismus auf die Bühne bringen kann.

Internationale Gastspiele und lokale Projekte

Die Gruppe She She Pop setzt sich in der Produktion „Schubladen“ mit deutsch-deutscher Geschichte und Klischees aus Ost und West auseinander. Neben großen Gastspielen gibt es auch eine Reihe von kleinen, eigens für das Kunstfest entworfenen Projekten. So präsentiert eine Ausstellung Goethes Obsession für Zebras.

Nike Wagner wurde oft vorgeworfen, ein kleines, elitäres Festival für 20.000 Besucher zu veranstalten. Natürlich kann das Festival nicht grenzenlos wachsen, weil die Zahl der verfügbaren Sitzplätze überschaubar ist. Christian Holtzhauer will aber durch ein breiteres inhaltliches und ästhetisches Spektrum auch ein breiteres Publikum ansprechen. Das Festival bekommt 250.000 Euro von der Stadt und 650.000 Euro vom Land. Der Name Wagner hat die Türen zu vielen Sponsoren geöffnet, die dem neuen Team abgesprungen sind. „Glücklicherweise haben wir neue Sponsoren gefunden“, erzählt Christian Holtzhauer. „Weimar ist eine kleine, arme Stadt mit einem gewaltigen kulturellen Ego. Es ist nicht immer leicht, Anspruch und materielle Realität unter einen Hut zu bekommen.“

Anbindung des Festivals ans Deutsche Nationaltheater

Nicht nur die Festivalleitung, auch die Organisationsform hat sich geändert. Das Kunstfest ist von dieser Saison an ans Deutsche Nationaltheater angebunden. Dabei geht es um strukturelle und ökonomische Synergieeffekte, aber auch um inhaltliche Kooperationen. „Wir möchten gemeinsam Projekte auf den Weg bringen, für die wir allein zu klein wären, also gelegentlich über uns hinauswachsen“, sagt Christian Holtzhauer. In diesem Jahr gibt es eine kleine Koproduktion mit der Staatskapelle Weimar, die auch zum Nationaltheater gehört: das „Nachtkonzert zum Goethe-Geburtstag“. Für die kommenden Jahre sind größere Kooperationen mit dem Schauspiel und dem Musiktheater geplant.

Fragen nach Nationalkultur und kollektiver Erinnerung

Christian Holtzhauer will nicht jede Festival-Ausgabe unter ein spezielles Motto stellen. Es gibt aber drei Leitgedanken, die den Kurator besonders bewegen. Alle drei haben mit Weimar zu tun. Der erste Themenkomplex befasst sich mit den Begriffen Nationalkultur und Kulturnation und der Frage, ob wir heute noch nationale Erzählungen brauchen. Außerdem ist Weimar ein Ort der Erinnerung, eine Stadt der Museen und Archive. Dazu wüsste Holtzhauer gern: „Wie funktioniert Erinnerung? Welche Hilfsmittel brauchen wir, um uns zu erinnern?“ Das dritte Thema ist das kulturelle Erbe und die Frage, wer eigentlich entscheidet, was aufgehoben wird und wie man damit umgehen darf. Die drei thematischen Felder bilden das Gerüst für die Programmplanung der nächsten fünf Jahre. Sie sollen also nicht nur diese Saison, sondern die Zukunft des Kunstfests Weimar prägen.

22. August - 7. September

Foto: Jeff Busby