Mit einem Festakt im Museum für Kommunikation in Berlin feiert Deutschlandradio am Mittwoch seine Gründung vor 20 Jahren. 1994 wurden der Deutschlandfunk in Köln, Rias Berlin sowie Teile von Stimme der DDR und Radio DDR 2 unter dem Dach einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft namens Deutschlandradio zusammengeführt. Mit den drei Programmen Deutschlandfunk (Sitz Köln), Deutschlandradio Kultur (Berlin) und dem Deutschlandradio Wissen (Digital) liefert es heute die einzigen bundesweiten Hörfunkprogramme.

Die Berliner Morgenpost sprach mit Willi Steul, dem Intendanten von Deutschlandradio.

Berliner Morgenpost: Herr Steul, zur Geburtstagsfeier erwarten Sie den Bundespräsidenten. Ausdruck der besonderen Wertschätzung für Deutschlandradio?

Willi Steul: Ja, und das ehrt uns. Wir sind – bei allem Respekt – verwandt. Dieser Bundespräsident steht in ganz besonderer Weise für unser geeintes Land. Und wir sind ein Kind der Wiedervereinigung. Mit dem Auftrag, in unseren Programmen Politik und Kultur in Gesamtdeutschland so abzubilden, damit sich die Menschen in West und Ost immer besser kennenlernen.

Deutschlandradio ist eine Fusion aus dem Deutschlandfunk im Westen, dem Rias Berlin und dem Deutschlandsender Kultur aus dem Osten, jetzt mit Sitz im ehemaligen Rias-Gebäude in Schöneberg. Da prallten damals zwei journalistische Welten aufeinander …

Das war in der Tat ein spannendes Experiment. Die Kollegen vom Deutschlandfunk und vom Rias hatten während der Teilung Deutschlands den Auftrag, über und in die damalige DDR hinein zu informieren. Da stieß plötzlich die „Stimme der freien Welt“ auf die „Kinder des staatlichen Rundfunkkomitees“. Da wurde leider auch in den Kategorien „Gewinner“ und „Verlierer“ gedacht. Das zu überwinden – und es ist gelungen – war eine Herausforderung. Ich wurde damals Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur mit dem Vorteil, von draußen zu kommen.

Was haben die Ost-Kollegen eingebracht?

Sie haben uns neue Blicke und Perspektiven eröffnet und etwa bei Hörspielen und künstlerischem Feature auch richtig bereichert.

Und wie ist die Stimmung nach nunmehr 20 Jahren Zusammenarbeit?

Die Verklemmungen sind weg – wie zwischen den Berlinern ja auch.

Was unterscheidet die Programme des Deutschlandradios von den vielen der Landesrundfunkanstalten der ARD?

Wir sind der einzige Hörfunksender mit bundesweitem Auftrag und wir machen ausschließlich „öffentlich-rechtlichen Hardcore“.

Wie ist das denn zu verstehen?

Wir können uns auf den harten Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags konzentrieren. Es ist durchaus ein Privileg, kein Massenprogramm anbieten zu müssen.

Und was ist der harte Kern?

Ausführliche klassische, saubere Information, dazu Erklärung von Zusammenhängen, Analysen und Einordnungen. Während beispielsweise das Info-Radio aktuelle und kurze Information bietet, steht bei uns die breite Befassung durch Fachredaktionen mit den Dingen der Politik, der Kultur und der Gesellschaft im Zentrum.

Braucht das Land dafür gleich zwei Vollprogramme, den Deutschlandfunk mit Schwerpunkt Politik und Deutschlandradio Kultur?

Soll ich als Intendant vielleicht „Nein“ sagen? Aber ernsthaft. Die Programme haben völlig andere Charaktere. Im Deutschlandfunk analytisch-informativ, im Deutschlandradio Kultur feuilletonistisch. Würden wir alles in einem Programm bündeln, würden wir Wesentliches vernachlässigen; entweder das Politische oder das Kulturelle. Wir haben ja den Auftrag, über das Gesamtangebot in Deutschland zu berichten. Wir senden allein 600 Konzerte von Jazz bis Klassik aus der gesamten Republik im Deutschlandradio Kultur. Eine solche Vielfalt wäre in einem einzigen Programm gar nicht möglich. Ähnliches gilt für unsere rund 570 Hörspiele und Features. Und im Deutschlandfunk setzen nicht nur unsere politischen Magazine frühmorgens, mittags und in der Stunde vor Mitternacht Maßstäbe für die politische Diskussion im Lande. Wir werden von allen Rundfunksendern am häufigsten zitiert. Und in Deutschlandradio Kultur bieten wir schon um 23 Uhr Rezensionen und Berichte von den wesentlichen Kulturereignissen des Abends.

Wer hört Ihren Sender überhaupt?

60 Millionen Menschen hören in Deutschland täglich Radio. Von ihnen schalten sechs Millionen die „gehobenen Programme“ ein.

Das sind?

Dazu zählen alle Informations- und Kulturprogramme. Und von diesen sechs Millionen hören 2,1 Millionen uns; also ein Drittel: 1,6 Millionen den Deutschlandfunk, 480.000 Deutschlandradio Kultur und 40.000 das junge Deutschlandradio Wissen, unser nur digital empfangbares Experimentierfeld.

Wie groß ist die Gesamtredaktion?

Wir haben 700 feste Mitarbeiter und ungefähr ebenso viele Freie.

Bei welchem Etat?

Deutschlandradio hat Einnahmen in Höhe von rund 210 Millionen Euro. Unser Anteil an den Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk von derzeit 17,98 Euro liegt bei 2,6 Prozent.

Apropos Gebühren. Die sollen, weil nach der neuen Beitragsordnung zusätzliche Einnahmen von mehr als einer Milliarde Euro erwartet werden, um 48 Cent pro Haushalt gesenkt werden. Ist dieser Betrag nicht eher ein Witz?

Es ist richtig, dass den Beitragszahlern etwas von dem zurückgegeben wird, was mehr – auch dank der Aufdeckung der Schwarzseher – eingenommen wird. Ich habe Verständnis dafür, dass der Legitimationsdruck auf alle öffentlich-rechtlichen Sender, und damit auch auf Deutschlandradio, steigt. Wir müssen sehr viel sauberer darstellen, was wir mit dem Geld machen, wofür wir es einsetzen. Verständnis habe ich auch für kritische Fragen danach, ob das Geld, so wie wir es ausgeben, richtig ausgegeben wird. Und auch die Frage, ob zum Beispiel die ARD mit ihren neun Landesrundfunkanstalten exakt so organisiert sein muss, wird mit Sicherheit kein Tabu mehr bleiben. Wir müssen uns alle mit Qualität rechtfertigen.

Nach all dem stellt sich Frage nach der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland, einem in der Welt einmaligen System?

Es ist nicht nur einmalig. Es ist bei allen Schwächen auch großartig! Aber natürlich wird über das System in den kommenden Jahren weiter kritisch nachgedacht. Auch die öffentliche Diskussion wird nicht aufhören. Auch Sie, lieber Herr Kollege, werden dafür sorgen. Das ist auch ok so. Weil Sie ja auch Gebühren zahlen …