Kulturmacher

Schöneberger Scheinbar - die Schule der Komödianten

In der Schöneberger Scheinbar wollen Werner Krejny und Daniela Schäfer Komikern und Kleinkünstlern einen Übungsraum bieten.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Bühnenbretter sind zerkratzt, abgetreten. Vielleicht haben Meret Beckers Absätze ein paar Spuren hinterlassen oder die Ledersohlen an den Schuhen von Eckart von Hirschhausen. Sie haben hier beide schon häufiger auf der Bühne gestanden, früher, als sie noch nicht so bekannt waren. Jetzt kommen sie nur noch selten oder gar nicht mehr in die Scheinbar an der Monumentenstraße. 50 oder 60 Zuschauer haben auf den langen Tribünenbänken Platz, „das ist einfach nicht attraktiv für große Namen“, sagt Daniela Schäfer vom Team des Schöneberger Varietés. „Aber das ist auch okay so.“

Denn der Scheinbar geht es nicht unbedingt um die großen Namen, auch wenn sie natürlich stolz darauf sind, dass „Meret“ und „Eckart“ hier angefangen haben und ein Kurt Krömer auf der Zwölf-Quadratmeter-Bühne stand, lange bevor er seine eigene Late-Night-Show bekam. Oder dass Mario Barth hier zum ersten Mal seine Witze riss, mit denen er vor knapp sechs Jahren das Berliner Olympiastadion füllte. Eigentlich aber steht in der Scheinbar eher das Ausprobieren im Mittelpunkt. Chef Werner Krejny will Nachwuchskünstlern einen Raum geben, in dem sie erste Erfahrungen sammeln können. Viermal in der Woche lädt das Varieté an der Monumentenstraße zum „Open Stage Varieté“, bei dem jeder auf die Bühne darf.

„Eine Auswahl gibt es nicht“, erklärt Daniela Schäfer das „Open Stage“-Konzept. Allerdings habe die Scheinbar natürlich einen professionellen Anspruch: „Es soll nicht jeder Spinner kommen, der was lost werden will.“ Und wenn doch mal ein Spinner kommt? Dann ist der Moderator gefragt, der den Abend zusammenhält, der aus den einzelnen Auftritten ein Programm macht und der notfalls auch mal selbst einen ganzen Abend allein gestalten könnte, wenn überhaupt niemand auf die Bühne will. Allerdings sei meistens eher das Gegenteil der Fall: Manchmal sei es schon fast zu voll, dann müsse man entscheiden, ob ein Teil an einem anderen Abend auftritt. Viele Künstler nutzten die Scheinbar auch als Kontaktbörse: „In letzter Zeit hatten wir viele Künstler, die aus anderen Städten angereist sind oder sogar aus Österreich.“ Viele kommen wieder, denn: „Hier kann man auftreten, so oft man möchte“, sagt Werner Krejny. „Und man bekommt eine Rückmeldung.“ Nicht nur, weil das Publikum mal mehr, mal weniger klatscht. Wer will, kann anschließend auch mit dem Scheinbar-Team sprechen: Was war gut? Was kann man besser machen? „Wenn man eine Nummer sieht, bekommt man einen Eindruck, was der Künstler noch tun könnte“, sagt Krejny. „Ich gucke immer: Was kann ich dem sagen?“ Beim nächsten Mal könne man dann sehen, ob derjenige etwas verändert habe. „Hier kommen Leute auf die Bühne, die sind wahnsinnig toll oder total schlecht oder irgendwo dazwischen. Aber die die Erfolg haben, das sind die, die dabei bleiben, die um Rückmeldung bitten, die an ihrem Programm arbeiten.“

Rat eines Unternehmensberaters ignoriert

Ohne Üben geht eben auch das Komisch-Sein nicht: „Um konstant lustig zu sein als Künstler, bedarf es richtig viel Übung“, versichert Daniela Schäfer, die die Scheinbar „als eine Art Comedy-Schule“ versteht. Sie führt hauptberuflich eine Künstleragentur für Comedians und Kabarettisten, die Scheinbar ist ihre „Hauptleidenschaft, aber ein Nebenjob“. Einer, den sie schon seit 28 Jahren hat: Damals war sie mit einem Techniker der Scheinbar befreundet, „den hab ich ab und zu besucht, dann hab ich hier gearbeitet. Und bin geblieben“. Werner Krejny kam erst später dazu. Er ist psychologischer Coach und Berater, hatte aber „mal die Idee, dass ich ein großer Opernsänger werde“. Als daraus nichts wurde, arbeitete er als Gesangslehrer, „deshalb kannte ich lauter Kleinkünstler“. Einer von ihnen war der damalige Chef der Scheinbar, der einen Käufer suchte. Werner Krejny, der sich vorgenommen hatte, zehn Prozent seines Einkommens für Kunst auszugeben und zuvor immer Bilder gekauft hatte, entschied sich: Das Geld stecke ich in die Scheinbar. So wurde er vor zehn Jahren zum Varieté-Chef.

Und hat seitdem einen zeitaufwendigen Zweitjob. 20, 30 Stunden in der Woche, schätzt er, macht er die Abrechnung, die Steuererklärung, näht Vorhänge, wechselt Sicherungen. Und sieht sich, natürlich, die Auftritte an. Was die Künstler auf die Bühne bringen, sei ihm „relativ egal“, versichert er: „Wenn sich die Leute etwas überlegt haben, wenn eine Intensität zu spüren ist, dann ist es unwichtig, ob ich lachen oder weinen muss, ob der Künstler mit zwölf Bällen jongliert oder mit einem. Wichtig ist das Gefühl, dass die Künstler an dem, was sie machen, interessiert sind.“ Dafür will er ihnen einen „geschützten Raum“ bieten. Darum ignoriert er den Rat eines Unternehmensberaters, der mal in der Scheinbar vorbeischaute und vorschlug, die Show mit einer Art Wettbewerb zu „pimpen“: „Wir sollten den Künstler des Abends küren oder den der Woche.“ Daniela Schäfer schüttelt den Kopf: „Wir sind doch nicht ‚Scheinbar sucht den Superstar’. Wir wollen auch die Leute nicht vorführen, die sich überschätzen.“

Schon vor Jahren hat sich Werner Krejny gegen einen anderen Vorschlag entschieden, wie er mehr Eintrittskarten verkaufen könnte: „Wir werden immer wieder gefragt, warum wir nicht in einen größeren Laden umziehen. Dann würde man vielleicht mehr Geld verdienen.“ Aber trotzdem denkt das Scheinbar-Team nicht daran. Nicht nur, weil sie dann noch mehr zu organisieren hätten. Sondern auch, weil die Scheinbar bleiben soll, wo sie ist. Und weil es in dem Varieté so oft um Comedy geht, darf zur Begründung auch mal ein Kalauer herhalten: „Wir sind genau gegenüber vom Friedhof. Da können wir uns sicher sein, dass bei uns mehr los ist.“