Stromberg

„Nach der ersten Staffel wurde mir Prügel angedroht“

Der Fiesling ist zurück. Diesmal aber nicht im Fernsehen. Vom 20. Februar an ist das Ekel von der Capitol Versicherung im Kino zu sehen. Ein Gespräch mit „Stromberg“-Darsteller Christoph Maria Herbst.

Berliner Morgenpost: Ist Stromberg eigentlich der legitime Nachfolger von Ekel Alfred?

Christoph Maria Herbst: Das weiß ich nicht. Ist aber eine schöne Idee. Die Gesellschaft braucht auf jeden Fall ein solches Ventil. Jemand, an dem sie sich abarbeiten kann. Und da klaffte wohl eine Kluft im deutschen Fernsehen, da fehlte jemand. „Stromberg“ war ja nie ein großer Quotenhit, wir sind immer Nische geblieben. Aber das ist, um diesen nervtötenden Begriff zu benutzen, eine Kultmarke geworden. Der steht schon in der Tradition des Fleisch gewordenen Stammtischs. Da sagt einer Dinge, die man nicht sagen darf, die aber viele denken. Was wir zeigen, so ist wohl das Leben. Deshalb tut Stromberg auch so weh. Vielleicht haben wir ja auch deswegen mehr Fans als Zuschauer. Weil viele sich und ihre Lebenswirklichkeit darin wiedererkennen, aber abends nach einem langen Arbeitstag nicht noch diesen Spiegel ihrer Realität angucken wollen. Die sehen lieber irgendwelche Grafen in Sussex über die Wiese reiten. Was möglichst nicht viel mit einem zu tun hat. Das kann man ja auch verstehen.

Als 30-Minüter im Fernsehen funktioniert „Stromberg“. Wird er auch 100 Minuten im Kino tragen?

Natürlich kann man nicht einfach vier Stromberg-Folgen aneinanderkleben. Das erforderte schon eine eigene Dramaturgie. Ich finde, das ist gelungen. Ich hatte da auch keine Angst. Und dass „Stromberg“ als Format denkbar ist auf Leinwand, hat uns die Erfahrung schon gezeigt. Vor jeder Staffel sind wir in drei, vier Großstädte gegangen und haben mehrere Folgen gezeigt.

Der Film verlässt schnell das Büro, in dem die Serie immer spielt. Eine bewusste Entscheidung?

Ja, es brauchte andere, größere Bilder, auch mehr Menschen. Und wir mussten mal raus aus dem Mief, den wir über fünf Staffeln erzählt haben. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass dem Autor Ralf Husmann sonst nichts eingefallen wäre. Der hat ja nun alles erzählt, was man erzählen kann. Der Stromberg hat gedisst und wurde gedisst, der wurde in den Keller zu den Asseln versetzt und kam in die Chefetage. Da kam der Film zu einem richtigen Zeitpunkt, um die Schleusen zu öffnen und diesen sauerstoffbefreiten Raum des Büros zu verlassen.

Es gibt dann aber auch kein Zurück mehr. Die Serie ist damit zu Ende?

Ja, der Film endet ganz klar so, dass es für Stromberg kein Zurück gibt in seine Firma. Besser kann man so ein Format nicht beenden. Dass wir ins Kino durften, das ist ein finaler Ritterschlag.

Am Ende nimmt der Film eine völlig überraschende Wende. Plötzlich wird die Hassfigur Nummer Eins eine Identifikationsfigur.

Ja, am Ende darf der Antiheld sogar Held sein. Held der Arbeit. Aber natürlich über die typischen Arschlochkurven. Gerade noch hat er sich bereit erklärt, Kündigungen seiner Kollegen persönlich auszusprechen. Dann aber bekommt er selbst ein Problem und sagt seinen Mitarbeitern: „Aber so was macht der Papa nicht.“ Da kriegt er eine ganz politische Attitüde. Wird ein kleiner Demagoge. Und geht am Ende in eine Parteizentrale. Von dieser überraschenden Wende war ich sehr begeistert, als ich das Drehbuch las.

Muss man ein Stromberg, muss man ein Arschloch sein, um die Politik zu gehen?

Vielleicht. Das ist natürlich ein Klischee. Aber Klischees kommen ja immer irgendwo her.

Sie durften sogar im Willy Brandt Haus drehen. Und Frank-Walter Steinmeier guckt auch vorbei.

Wir sind sehr dankbar, dass die SPD diesen Spaß mitgemacht hat. Das hat vor allem den Kameramann gefreut, weil die diesen spacigen Raum haben. Das ist noch mal geiler als das Konrad-Adenauer-Haus. Eigentlich wollten wir zur FDP. Aber da haben wir glücklicherweise noch überlegt, es stehen bald Wahlen an, vielleicht gibt es die dann gar nicht mehr. Und wir hatten Recht.

Ausgerechnet Stromberg wird zum Inbegriff des Wutbürgers. Und die Occupy-Bewegung trägt keine Guy-Fawkes-Masken mehr, sondern Stromberg-Bärte.

Großartig, oder? Und die Leute gehen auf die Straße und singen sein Schlachtlied „Lasst das mal den Papa machen“ auf die Melodie der Internationalen. Die werden dann noch mit einem postsozialistischen Grundgedanken ausgestattet: Macht kaputt, was euch kaputt macht. Das finde ich gut, das hat einen politischen Anspruch, den die Serie, finde ich, auch hatte.

War das für Sie auch immer ein Reiz daran, diese Person überhaupt zu spielen?

Ja, ganz klar. Ich habe ja manchmal ganz schlimme Mails bekommen von Leuten aus der Versicherungswirtschaft: Wenn Sie glauben, Sie machen da Comedy, dann kommen Sie mal zu uns ins Büro. Da taten sich Abgründe auf. Ich dachte, wir übertreiben maßlos. Aber die Realität ist wohl immer noch schlimmer. Stichwort Ergo und Prostituierte mit Bändchen, weiße für den Vorstand, blaue für die Subalternen. Das hätte sich nicht mal Husmann zu schreiben getraut. Da hätte auch jeder Fernsehredakteur gesagt: Jetzt übertreibt ihr. Nein, die Realität ist immer noch eins weiter. Es gab auch Mails, da haben Leute gesagt, sie hätten sich wiedererkannt, ich hätte ihnen einen Spiegel vorgehalten. Da wurde mir beim Lesen ganz anders, ich kriege da auf meine alten Tage fast noch so ein Sendungsbewusstsein. Da wird Fernsehen auf einmal zur moralischen Lehranstalt. Was Schiller fürs Theater postuliert hat, wohin heute keiner mehr geht, wo nur noch selbstverliebt vor sich hin onaniert wird. Wir dagegen machen Büro-Comedy und erreichen auch noch die Richtigen.

Wenn man zehn Jahre mit einer solchen Figur gelebt hat, wie ist das dann am Ende? Wehmut? Oder auch ein Stück Erleichterung, weil das so eine Arschlochfigur war?

Nein. Wir haben wirklich geweint am letzten Drehtag. Das ist ja wie eine Ehe, als wäre man zehn Jahre lang verheiratet gewesen. Das waren ja immer dieselben, vor wie hinter der Kamera. Aber wenn jetzt die Sentimentalitätskeule auf mich niederfällt, kann ich immerhin ins DVD-Regal greifen und alte Folgen gucken. Natürlich war da eine Träne im Knopfloch. Ich habe Stromberg schon viel zu verdanken. (Er mir auch!) Er hat mir viele Türen geöffnet. Und das ist eine Figur, nach der man sich alle zehn Finger leckt. Dass man den in einer solchen Breite erzählen kann, das war nach den ersten Folgen noch gar nicht denkbar. Da konnte ich mich als Schauspieler echt austoben, das war, als hätte ich nicht nur eine Figur gespielt, sondern ein Universum. Wenn ich jetzt 30 Jahre lang eine Derrick-Figur gespielt hätte, die sich nie hätte verändern dürfen, dann hätte ich mich nur als Darstellungsbeamter gefühlt.

Nun ist es ja so, immer wenn in der „Lindenstraße“ eine Wohnung frei wird, gibt es ernsthafte Bewerbungsbriefe von Zuschauern, die da einziehen wollen...

... Ja, und als Klausjürgen Wussow durch Fußgängerzonen lief, wurde er als Herr Doktor angesprochen: „Ich hab hier so ein Stechen in der Seite.“ Ja, das ist ganz bitter. Das ist mir auch passiert. Nach der ersten Staffel wurde mir Prügel angedroht, weil man glaubte, das sei eine Doku. Das ist mir aber immer nur passiert, wenn ich noch den Bart und die Haare so hatte. Das Schöne ist , dass mich privat kaum einer erkennt. Und so sehr ich zusammengezuckt bin anfangs, ging mir das auch runter wie Öl: Ich habe eine Figur gespielt, die überzeugt. Das soll ja glaubhaft sein.

„Stromberg“ ist Fremdschämen pur. Der Begriff soll ja überhaupt erst in Verbindung mit der Serie aufgekommen sein. Gab es eigentlich Szenen, die auch Sie am liebsten nicht gespielt hätten?

Unbedingt! Aber gerade deshalb wollte ich sie dann auch wieder spielen. Das Weiten der eigenen Schamgrenze war eine ganz existenzielle Erfahrung. Das ist halt das Tolle, dass dieser Stromberg so gar nichts mit mir selber zu tun hat. Da darf ich mal so sein, wie es die Mama mir doch immer verboten hat.

Die Anverwandlung in Stromberg, kommt die automatisch, wenn man wieder den Bart wachsen lässt?

Das geht von außen nach innen, ja. Für die Haare brauche ich inzwischen sechs Wochen, für den Bart drei. Dann kommt das Drehbuch ins Haus. Und dann fängt der Hirnschmalz wieder an, in diese Richtung zu denken. Ich laufe dann zu Hause schon so rum, zur Freude meiner Frau, und stottere mit dieser Stimme, die immer eine kleine Terz höher ist.

Und kriegt man die Figur dann auch schnell wieder weg? Oder steckt die noch ein wenig drin?

Nein, Gott sei Dank nie. Dafür ist das dann doch mehr Handwerk und weniger Kunst, die mich dann noch in Beschlag nehmen würde. Nach dem letzten Drehtag greife ich zum Rasierapparat und mähe mir den Klobrillenbart und die Mähne ab. Das war damals meine Idee, den so aussehen zu lassen. Der ist dann auch gleich wieder weg.

Sie haben ja Bankkaufmann gelernt. Haben Sie je selbst in einem Büro gearbeitet?

Und ob. Bei einer großen deutschen Bank. Ich habe die Ausbildung als Bester bestanden und bin da noch ein Jahr geblieben. Allerdings nur, um meine Schauspielausbildung zu finanzieren. Ich wollte ja immer schon Schauspieler werden, die Banklehre habe ich nur meinen Eltern zuliebe gemacht. Und ja, um auch diese Frage zu beantworten, die Sie sonst sicher gleich stellen würden: Der eine oder andere, der mir damals in der Ausbildung begegnet ist, ist auch in den Stromberg eingeflossen. Auch äußerlich.

Wie viel Herbst steckt in Stromberg?

Es ist mein Körper, es ist meine Stimme. Aber falls die Frage jetzt darauf hinausläuft, ob ich latent frauenfeindlich, rassistisch und egoman bin: Nein, das hat mit mir gar nichts zu tun. Das ist auch der Grund, warum die Figur so gut gelingt: Sie ist so weit weg von allem, was ich bin. Nichts ist schwieriger als der Versuch, sich selbst zu spielen. Was obendrein kolossal langweilig ist. Darum finden wir auch alle Soaps so hölzern. Weil die alle nur typgerecht besetzt sind und sich selber spielen. Gähn! Nein, Stromberg ist wie Karneval. Wie eine Haut, die man sich überzieht.

Das Gespräch führte Peter Zander