Fund in München

Gurlitts Kunstschatz schließt Lücke in der Kunstgeschichte

Der Münchner Fund versetzt die Kunstwelt in Staunen. So etwas gab es noch nie. Burcu Dogramci, Professorin für Kunstgeschichte an der LMU in München, spricht über den Sammler, die Werke und den Fall.

Foto: Simone Scardovelli

Der Münchner Kunstfund ist bislang ein wohl einmaliger Fall. Die Bedeutung der Sammlung kann bislang noch gar nicht eingeschätzt werden, sagt Burcu Dogramaci im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Frau Dogramaci ist Professorin für Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Berliner Morgenpost: Was sagt Ihnen Cornelius Gurlitt bzw. der Familienname?

Burcu Dogramaci: Der Familienname Gurlitt verweist auf eine traditionsreiche Kunsthandlung, die im 19. Jahrhundert gegründete Berliner Galerie Fritz Gurlitt. Diese wurde später vom Sohn Wolfgang Gurlitt weitergeführt, der in der Zeit des Nationalsozialismus in die Veräußerung von als entartet beschlagnahmter oder aus jüdischem Besitz zwangsenteigneter Kunst verwickelt war bzw. hier aktiv mitwirkte. Auch sein Cousin Hildebrand Gurlitt profitierte von den nationalsozialistischen Beschlagnahmeaktionen „Entartete Kunst“. Hildebrand Gurlitt war zunächst engagierter Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau, eignete sich in dieser Funktion sehr viel Wissen über zeitgenössische Kunst an und verlor diesen Posten jedoch. Dennoch konnte er sich weiterhin in der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturlandschaft behaupten, sollte für das „Führermuseum“ in Linz Kunstwerke einkaufen und als „entartet“ gebrandmarkte Werke im Ausland gegen Devisen veräußern. In der Wohnung seines Sohnes fanden sich schließlich 2011 zahlreiche Werke der Moderne, die in der Presse als NS-Raubkunst bezeichnet werden.

1500 Meisterwerke in einer Wohnung – gibt und gab es bereits einen solchen Fall?

Mir ist kein anderer, ähnlich gelagerter Fall bekannt. Allerdings gab es bereits kurz nach Kriegsende einen aufsehenerregenden Fund, als der Kunsthändler Bernhard A. Böhmer, der ebenfalls Kommissionsware aus der „Entarteten Kunst“ veräußern sollte, in Güstrow Selbstmord beging. Im Atelier des mit ihm befreundeten Bildhauers Ernst Barlach wurden Gemälde und Plastiken aufgefunden, die ehemals aus deutschen Museen entfernt worden waren. Darunter beispielsweise auch eine wertvolle Holzfassung der abstrakten Plastik „Dreiklang“ von Rudolf Belling, die als verschollen galt.

Wie bedeutend ist dieser Fall für die Kunstgeschichte?

Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung noch gar nicht abzuschätzen ist. Denken Sie an den Skulpturenfund in Berlin, bei dem vor wenigen Jahren eine Handvoll beschädigter Skulpturen aus dem Bestand „Entartete Kunst“ bei Grabungen aufgefunden wurde. Das war eine Sensation. Doch hier haben wir es quantitativ und vermutlich auch qualitativ mit ganz anderen Objekten zu tun. Der Fall wird auch ein neues Licht auf die noch immer nicht ausreichenden Provenienzforschungen an Auktionshäusern werfen, die in den vergangenen Jahren wohl immer wieder Werke von Gurlitt versteigerten. Ich frage mich, wie dieses möglich war. Wir werden noch viele Fragen stellen müssen. Zunächst aber ist da große Freude, dass nun Werke, die als verschollen oder zerstört galten, doch noch existieren und hoffentlich ihren rechtmäßigen Besitzern zugeführt werden können.

Wer hat diese Werke nun auf eine Milliarde Euro geschätzt?

Das weiß ich nicht. Jedoch ist die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in Berlin und insbesondere die Wissenschaftlerin Meike Hoffmann bereits seit geraumer Zeit informiert und versucht Provenienzen zu klären.

Lässt sich schon erahnen, welche einstigen Besitzer unter den Betroffenen sind?

Ich vermute, dass es sowohl Museen als auch private Eigentümer sind, dass einige der Arbeiten aus ehemaligem jüdischem Besitz stammen. Vieles dürfte jedoch bei den großen Beschlagnahmeaktionen aus deutschen Museen entfernt worden sein.

Wie viele Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus gelten noch als „verschollen“? Wie könnte in diesem Fall weiter verfahren werden, gibt es eine Liste, auf der die Werke und einstige Besitzer vermerkt sind oder sein werden?

Sicherlich muss jetzt ein Verzeichnis der aufgefundenen Werke angelegt werden, das mit den großen Verzeichnissen der als verschollen deklarierten Werke (zum Beispiel Lost-Art-Datenbank) aus der Aktion „Entartete Kunst“ abgeglichen werden sollte. Auch Museen werden sich sicherlich sehr sorgfältig informieren, ob als verloren geltende Exponate aus ihren Sammlungen unter den aufgefundenen Werken sind. Ich denke, dass dieser Fund eine Lücke in der Kunstgeschichte schließen kann, da über Jahrzehnte nicht bekannt war, was mit den vielen beschlagnahmten Objekten geschehen ist. In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist sehr viel über den Beutebestand „Entartete Kunst“ publiziert worden. Vermutlich muss hier Geschichte umgeschrieben werden, da nicht nur die Werke aufgefunden wurden, sondern wohl auch Unterlagen der Kunsthandlung Gurlitt aufgetaucht sind. Das wird hoffentlich einiges erhellen.