Wien kann sehr kalt sein. Immer wieder zeigt eine Totale die friedlich schlummernde Stadt, die Lichter der Nacht, die Straßen, Rauch aus den Schornsteinen. An einem Morgen liegt dann Puderschnee wie auf einem süßen Gebäck.
Und auch das ist eines der Bilder im Tatort „Angezählt“, die man nicht vergisst: Eine junge Frau kellnert in einem Bowling-Lokal und wird von einem aggressiven Mann bedrängt; sie raucht dann vor der Tür eine Zigarette.
Ein Junge fährt auf einem Fahrrad um sie herum und schießt plötzlich aus einem bunten Spielzeuggewehr mit Wasser, wie man denkt – bis die Kleidung der Frau Feuer fängt. Der Junge radelt davon und wirft das Plastikspielzeug in einen Müllcontainer.
Yulya war eine Zwangsprostituierte aus Bulgarien, die von der Ermittlerin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) eine neue Identität bekam. Der zwölfjährige Junge handelte im Auftrag der Peiniger, gegen die sie ausgesagt hatte: ein Racheakt. Bibi saß derweil bei der Psychotherapeutin und nahm den Anruf – den Hilferuf – nicht an.
Gerade sprach sie davon, dass sie beim Anblick von singenden und musizierenden Kindern keine Rührung empfinden könne: Es brauche wohl mehrere Leichen, damit sie überhaupt etwas fühle. Bibis Mutter starb, als sie vier Jahre alt war, sie wuchs bei den Großeltern auf, ihr Vater besuchte sie nie.
Der aktuelle „Tatort“ von Sabine Derflinger (Drehbuch: Martin Ambrosch) erzählt auch von Bibis Dämonen und davon, wie die Polizistin sich für das Kind einsetzt, das einen Menschen umgebracht hat.
Ein unwahrscheinliches Idyll zweier Gezeichneter
Als Ivo gefasst wird, reicht er Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) einen Zettel, auf dem steht, dass er minderjährig und nicht strafmündig sei. Er ist der Sohn der Prostituierten Nora, die mit großen Erwartungen von Bulgarien nach Österreich kam und jetzt die Schulden bei dem brutalen Zuhälter Aziz abbezahlen muss. In einem schäbigen Anbahnungslokal treffen die Frauen ihre Freier und verschwinden dann in Absteigen.
Ivo flüchtet nachts aus der Unterkunft für Problemkinder, seine Mutter hat sich ohne ihn abgesetzt: So wartet er dann verfroren vor Bibis Tür. In deren Wohnung sitzen die beiden schließlich auf dem Sofa, schauen Fernsehen, spielen Karten – ein unwahrscheinliches Idyll zweier Gezeichneter, über das am Ende jähe Gewalt hereinbricht.
Auch hartgesottene Krimi-Gucker werden die rohe Brutalität nur schwer ertragen können, doch schöpft der Film aus der Eskalation auch seine Glaubwürdigkeit.
Sabine Derflinger ist eine der besten Regisseurinnen im deutschsprachigen Raum, sie hat in Filmen wie dem Ehebruch-Meisterwerk „42 plus“ einen präzisen psychologischen Blick gezeigt und ein Gespür für schmerzhaft realistische Szenarien.
Der Tatort „Angezählt“ wäre nur ein weiterer Film über Auswanderung, Prostitution und Zuhälterei, gäbe es nicht die Verquickung mit der labilen Gemütslage von Bibi Fellner, ihr schlechtes Gewissen, ihre Albträume: Die Polizistin empört sich über Mädchenbordelle und Zwangsprostitution, sie hat noch nicht resigniert, während der stoische Bereichsleiter Rauter (Hubert Kramar) betulich sein Gulasch isst und sich um die Berichte in den Medien sorgt.
Gramgebeugt, mager und erschöpft
Ohne Skandalisierung und Kitsch lässt Derflinger die Architektur und die Gesichter sprechen: In diesem Wien sind keine Kutschen, kein Prater und kein Burgtheater zu sehen, statt dessen schnieke Box-Clubs, schäbige Wohnungen in Seitenstraßen und rustikale Wirtshäuser.
Harald Krassnitzer, diesmal nur Adlatus, sieht fahl, übernächtigt und magenkrank aus, und Adele Neuhauser verursacht mit ihrer Darstellung beinahe körperlichen Schmerz: Gramgebeugt, mager und erschöpft nimmt sie es mit Loddeln, Freiern und dem Staatsapparat auf. Längst ist die existentielle Müdigkeit, mit der das Personal des Wiener „Tatort“ gegen das Böse antritt, preiswürdig.
Die Filme mit Krassnitzer und Neuhauser bilden den Gegenpol zu der satirischen „Kottan“-Serie der 80er-Jahre: Schmäh, Schlendrian und Durchwurschteln münden nicht in Wahnwitz, sondern in einen fundamentalen Welt-Ekel, dem nur noch mit der verzweifelten Menschenliebe einer Heiligen des Rinnsteins zu begegnen ist.
Tatort „Angezählt“, ARD, Sonntag (15. September 2013), 20.15 Uhr



