Kino

Was spricht eigentlich für die Existenz Gottes, Michael Caine?

Man darf den britischen Schauspieler wohl eine Legende nennen: Michael Cain spricht zum Kinostart von „Mr. Morgan’s Last Love“ über Gott und Pizza, über das Geheimnis seiner glücklichen Ehe und Tränen bei der Drehbuch-Lektüre.

Pizza – das ist das erste Thema des Gesprächs. Denn vor dem offiziellen Interview findet sich Michael Caine im Gang des Münchner Hotels Bayerischer Hof wieder – neben Sicherheitskräften und dem späteren Interviewer. Da fängt der zweifache Oscargewinner einfach an, über das gerade beendete Mittagessen zu plaudern. Und er tut das mit einer entspannten Selbstverständlichkeit, wie sie zu Stars passt, die nie einen Sonderstatus für sich beansprucht haben.

Deshalb lässt sich der 80-Jährige auch auf kleinere Projekte ein, wie die Romanverfilmung „Mr. Morgan’s Last Love“ (ab 22. August 2013 im Kino), die keinerlei Hollywood-Nimbus besitzen. Worauf es im Leben wirklich ankommt, das lernte er schon mit 19 – auch wenn er dabei fast gestorben wäre.

Berliner Morgenpost: Sie sollen bei der Lektüre des Drehbuchs von „Mr. Morgan’s Last Love“ geweint haben...

Michael Caine: Das ist richtig. Gegen Ende zu, wenn der Titelheld Selbstmord begehen will, musste ich das Lesen unterbrechen. Mir traten Tränen in die Augen, dass ich die Seite gar nicht mehr erkennen konnte, und ich machte mir erst mal eine Tasse Tee, um mich zu beruhigen.

Geht Ihnen das Thema des Sterbens so nahe?

Es war der Gedanke, dass Mr. Morgan mit seiner toten Frau wiedervereint sein möchte, der mich so bewegte. Denn ich selbst bin glücklich mit einer sehr lebendigen Frau zusammen – die wesentlich länger als ich leben wird. Schließlich ist sie 16 Jahre jünger.

Wie häufig denken Sie eigentlich ans Älterwerden?

Überhaupt nicht. Für viele Jahre hielt ich mich für 38 – in dem Alter habe ich zum zweiten Mal geheiratet. Und als ich dann schließlich die 65 erreichte, beschloss ich, dabei zu bleiben. Und an den Tod verschwende ich keinen Gedanken. Ich habe ihm zwar schon in die Augen geschaut, aber jetzt hoffe ich einfach, dass ich eines Tages tot umfalle.

Wann haben Sie Ihre erste Erfahrung mit dem Tod gesammelt?

Mit 19, da war ich Infanterist im Koreakrieg – da gab es ähnliche Grabenschlachten wie im Ersten Weltkrieg, wo Tausende von feindlichen Soldaten auf dich zustürzen. Später drehte ich den Schlachtenfilm „Zulu“, wo es ähnlich aussah, da kamen diese Erinnerungen wieder hoch.

Wie stark haben Sie solche Erfahrungen geprägt?

Enorm. Das ist wie bei jungen Massaikriegern, die losziehen und einen Löwen erlegen, damit sie ein Mann werden. Ich musste mir beweisen, dass ich dem Tod entgegentreten konnte, ohne wegzulaufen. Und das habe ich auch nicht getan. Ich will zwar nicht behaupten, dass ich der große Held war, aber ich war definitiv kein Feigling. Die meisten Leute gehen durchs Leben und sie wissen nicht, wie sie reagieren, wenn sie in eine Situation geraten, in der sie sterben könnten. Aber ich weiß es, und das hat mich komplett verändert. Denn ab diesem Moment konnte mir nichts etwas anhaben. Niemand kann mir Angst machen – auch heute noch nicht.

Sind Sie wirklich so hart im Nehmen?

Es gab noch zwei schlimme Ereignisse in meinem Leben, die mich schon erschüttert haben. Meine Tochter wäre als Baby fast gestorben. Und meine Frau Shakira hatte einmal eine lebensgefährliche Bauchfellentzündung. Und während sie im Krankenhaus war, lag überdies im Nebenzimmer John Wayne im Sterben – der erste Hollywoodstar, der mein Freund geworden war. Und wenn ich meine Frau besuchte, schaute ich bei ihm vorbei und habe so seine letzten Tage miterlebt.

Ihre zweite Frau Shakira soll Sie wiederum vor dem Tod bewahrt haben, weil Sie ihretwegen das Trinken aufgaben.

Das ist richtig. Es lief ja bei mir auf zwei Flaschen Wodka pro Tag hinaus. Als Schauspieler hast du einfach einen solchen Stress und Druck, und Alkohol war für mich das beste Nerventonikum. Aber ich bin nie außer Rand und Band geraten, denn ich bin ein Kontrollfreak, ich will wissen, was passiert. Wenn ich gesoffen habe, dann habe ich bestenfalls ein bisschen Unfug gemacht und mir einen abgelacht. Aber während der Arbeit habe ich nie getrunken.

Stimmt die Geschichte, dass Sie Shakira in einem Werbespot gesehen und sich in sie verliebt haben?

Ganz genau. Sie war ein Model für Maxwell House Coffee, und mir klar, dass sie die Richtige für mich war. Also machte ich mich auf, sie zu finden. Denn sie war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Wenn ich mit so jemand zusammen war, dann waren meine ganzen schönen Filmpartnerinnen keine Versuchung mehr. Denn das kann dir als verheiratetem Schauspieler durchaus passieren. Vor allem wenn am Abend zu Hause so ein Drachen auf dich wartet. Aber Shakira sah besser aus als alle Frauen, mit denen ich in der Arbeit zu tun hatte. Wobei sie mich bei Dreharbeiten sowieso immer begleitet hat – abgesehen von Alaska. Da hat sie’s nur einen Tag lang ausgehalten.

Bei welchen Ihrer Filmpartnerinnen hätten Sie denn schwach werden können?

Elizabeth Taylor war so ein Fall. Sie kam nie vor zehn Uhr vormittags ans Filmset, und wenn sie schließlich eintraf, kam immer ein Butler hinter ihr – mit einem Tablett voller Bloody Marys. Da dachte ich: „Das wäre ein Mädchen für mich.“ Das war ein Jahr vor meiner Hochzeit mit Shakira – ich hatte viele umwerfende Partnerinnen, auch eine Beyoncé oder eine Scarlett Johansson. Aber inzwischen sehen diese Mädels in mir eher einen Großvater.

Und Ihre Frau war sofort Feuer und Flamme, als Sie sie ausfindig gemacht hatten?

Das ging leider nicht so schnell. Ich hatte den Ruf eines Frauenhelds, und sie war eine Muslimin; da war sie schon ein bisschen vorsichtig. Erst nachdem ich sie mehrere Male angerufen hatte, willigte sie schließlich ein, mich zu treffen.

Inzwischen sind Sie 40 Jahre verheiratet. Was haben Sie angestellt, um so lange zusammen zu bleiben?

Unser Rezept war und ist, dass wir nichts extra angestellt haben. Wenn du dies und jenes tun musst, um eine Ehe führen zu können, dann ist das der falsche Ansatz. Für uns war es nie ein Problem, zusammen zu sein. Wir lieben uns so wie am ersten Tag, sind einander so eng verbunden, dass uns nichts auseinander bringen kann. Wenn wir zusammen sind, halten wir immer noch Händchen wie am Anfang. Wir kapseln uns auch nicht vor der Welt ab, machen gemeinsam Unternehmungen, gehen auf Partys. Und nie haben wir dem anderen Grund zur Eifersucht gegeben.

Ihre Frau hat zwar ein paar Filmrollen gespielt, aber nicht im Entferntesten so eine Karriere gemacht wie Sie. Musste sie sich Ihren Plänen unterordnen?

Oh, sie ist kein kleines Weibchen, das mit einem großen Filmstar verheiratet ist, wir sind beide völlig gleichwertige Partner. Alles, was ich weiß, weiß sie, und umgekehrt. Abgesehen von Fragen zu Mode und Frisuren, wo ich mich im Gegensatz zu ihr nicht auskenne. Und sie war und ist an allen Entscheidungen beteiligt. Jeder weiß auch, wie der andere reagieren wird.

Und es kommt nie dazu, dass Sie sich mal streiten?

Das schon. Aber das ist auch nur Ausdruck unserer Zusammengehörigkeit. Das kommt nicht etwa davon, dass wir den anderen nicht verstehen. Aber bevor ein wirklich ernsthafter Streit entsteht, geht einer von uns aus dem Zimmer. Es ist nie passiert, dass wir einander angeschrien haben. Der einzige, den ich angebrüllt habe, war unser Schäferhund, solange er lebte.

Woher kommt diese Bindungsfähigkeit bei Ihnen, was glauben Sie?

Das mag mit meiner Familie zu tun haben. Auch wenn meine Eltern sehr arm waren, ich habe mich immer geliebt gefühlt, und deshalb war für mich die Familie immer das Größte und Beste.

Was war damals der größte Nachteil des Armseins für Sie?

Dass ich einfach bestimmte Dinge nicht oder sehr spät gelernt habe. Ich kann nicht Skifahren auch nicht Fahrradfahren; meinen Führerschein habe ich erst mit 50 gemacht. Es gab einfach keine Gelegenheit. Aber ich bin deshalb nicht unglücklich; es gibt viele andere Dinge, die ich im Leben genießen kann.

Bereuen Sie etwas – in Leben oder Karriere?

Die Frage stellt sich gar nicht, denn ich zerbreche mir über meine Vergangenheit nicht den Kopf. Es gibt eine Erkenntnis, die ich meinen Kindern zu vermitteln versuchte: „Schaut nicht zurück, denn wer zurückschaut, der stolpert und fällt hin.“ Eine andere lautet: „Nutz das Problem.“ Das heißt: Wenn immer etwas schief läuft, schau’s dir genau an, denn du findest immer etwas darin, das dir für künftige Zwecke helfen kann.

Wann lief denn bei Ihnen etwas schief?

Na ja, als ich nicht mehr als junger Liebhaber besetzt wurde, war das eine unangenehme Überraschung. Da lief zwar nichts schief, aber ich musste mich erst daran gewöhnen. Fast hätte ich mit der Schauspielerei aufgehört, dann überredete mich mein Freund Jack Nicholson wieder zu einem Projekt, und ich fand meinen Spaß wieder.

Wie sehen Sie denn die Filme, die Ihnen missglückten? Einen „Weißer Hai IV“ zum Beispiel?

Ich musste nun eben auch mein Geld verdienen. Nicht dass ich von vornherein ein Desaster erwartet hätte, aber du kannst das Endergebnis nicht vorhersagen. Allerdings übernehme ich nur Verantwortung für die Filme, in denen ich die Hauptrolle spielte. Ein „Weißer Hai IV“ ist ein schlechtes Beispiel. Ich sterbe da schon nach zehn Minuten – von insgesamt 124. Da sollten Sie besser den Hautdarsteller herausfinden und ihm die Schuld geben. Aber genauso wenig schreibe ich mir den Erfolg für die „Batman“-Filme zu, in denen ich vielleicht jeweils 30 Minuten präsent bin.

Ihre darstellerischen Leistungen sind dabei ja über allen Zweifel erhaben. Wie würden Sie Ihren Schauspielstil beschreiben?

Ich muss gar nicht spielen, denn ich bin die jeweilige Person. Wenn ich einen bestimmten Ausdruck zeige, dann nur weil ich das empfinde. Wenn du in einem Film spielst, dann geht es darum, dass du dich ganz natürlich verhältst. Und weil ich sehr viele Filme gemacht habe, finde ich diese Natürlichkeit ganz schnell. Vor dem Dreh einer Einstellung albere ich meistens herum, selbst wenn ich im nächsten Moment spielen muss, dass ich meine Frau verloren habe oder am Sterben bin. Aber ich kann eben den Schalter von einem Moment auf den anderen umstellen.

Jetzt sind wir zum Schluss wieder beim Thema ‚Tod’ angelangt. Da stellt sich die Frage: Glauben Sie an einen Gott?

Die Frage wurde mir schon mal gestellt. Und meine Antwort ist die gleiche: Jemand, der so ein Leben wie ich gehabt hat, der muss an ihn glauben. Ich danke ihm für jeden einzelnen Tag.